Angst(macherei) ist eine erfolgreiche Wahlkampfstrategie

Hintergrundinformationen zur These "Angst(macherei) ist eine gute Wahlkampfstrategie"

 

„Angst(macherei) ist eine gute Wahlkampfstrategie“ – Zustimmung und Ablehnung zu dieser These fällt hier sicherlich je nach Wahrnehmung hinsichtlich gezielter politischer Kommunikation, nach Perspektive bezüglich zielorientiert-erfolgreichen Parteienhandelns oder auch den Vorstellungen gegenüber einer „guten Wahlkampfstrategie“, unterschiedlich aus. Spätestens seit den wahrgenommenen gesellschaftlichen Polarisierungstendenzen zeigen sich auch im Hinblick auf die politische Kommunikation, Ausprägungen, einer von Emotionen geprägten „Gefühlspolitik“. Diese unterliegt dabei sehr unterschiedlich-starken Ausgestaltungen und basiert auf inhaltlich-verschiedenen Emotionen.

 

Das Spektrum der Gefühle: zwischen Mitleid, Angst und Politik

Generell nehmen Gefühle und Emotionen gegenwärtig eine sehr prominente öffentliche Stellung ein. Vor allem in Bezug auf gesellschaftliche und politische Debatten stehen eine ganze Reihe von Emotionen im Mittelpunkt der jeweiligen Diskurse. Einerseits finden sie als Adressaten und zu beschreibende Phänomene, andererseits als indirekte Instrumente von politischer Kommunikation Anwendung.

Empathie, Stolz, Mitleid, Verbundenheit, Wut, Mitgefühl, Sorge, Zuversicht und Angst bilden dabei nur einige Emotionen und Gefühle auf die Politisches Handeln abzielen bzw. solche Gefühlsagen ansprechen kann. Gefühle und Emotionen auf die sich implizit an den „Extremen“ und „Rändern“ des Politischen bezogen wird, sind oftmals mit Begriffen wie „Ablehnung“ oder „Angst“ und „Wut“ besetzt. Eine solche „Extreme Gefühlspolitik“, ist nach Ute Frevert gleichzeitig auch ein Kennzeichen von extremen Parteien. Diese extremen Ausprägungen bilden demnach eine Projektionsfläche von gesellschaftlichen Polarisierungstendenzen. Auch die darunterliegenden und jeweils oft verächtlich gebrauchten Begriffe wie „Gutmensch“ und „Wutbürger“, verweisen bereits implizit auf die o.g. emotionalen Ausprägungen sowie auf Tendenzen einer gesellschaftlichen Kluft. Aber auch die Parteien der Mitte zielen hier mit „Gefühl“ auf (ihre) bestimmten Zielgruppen ab. Beispielsweise hat die Frankfurter Allgemeine Zeitung im Zuge der Wahlkampf und Kampagnenanalyse zur Bundestagswahl 2017, hierzu aufschlussreiche Beobachtungen anstellen können. So wurden ebenfalls Wahlkampagnen mit „gefühligen“ Elementen (Instrumenten) versehen, beispielsweise anhand von personellen Inszenierungskonzepten (der moderne „digital native“ mit kurzem Vollbart und Smartphone; der Authentische aus der Kleinstadt) oder von gesellschaftlich-gefühlsbetonenden Narrativen wie Deutschland als blühende Landschaft in der „wir gut und gerne leben“ bis hin zu einem gegenteiligen fortschreitenden Niedergangs Deutschlands. Das Hinwirken auf Gefühle, allerdings mit einer mehr oder minder hohen Intensität, ist letztlich dem gesamten politischen Spektrum dienlich.

 

Perspektiven der Parteien und Wähler als Grundlage für Emotionen

 

Den Gestaltungen dieser spezifisch „gefühligen“ Instrumente und der gesamten Wahlkampagnenplanung obliegt dabei immer auch ein Bild der möglichen Zielgruppe, das sogenannte „Wählerbild“ (vgl. Geise, 2017). Parteien entwickeln also Vorstellungen zu Wählergruppen denen sie gerecht werden wollen. Dabei spielen die Gefühlslagen der Zielgruppen als ein äußerer Rahmen und Orientierungsmuster eine wichtige Rolle im Parteienhandeln. Innerhalb der Wahlforschung bzw. zum Wählerverhalten, wird neben dem soziologischen (Wahlverhalten nach Schichtzugehörigkeit) auch der sozialpsychologische Ansatz verwendet, um das Wahlverhalten aus einer „Parteiidentifikation“ und „Kandidatenorientierung“ zu erklären, bei der die Sachfragen die Basis bilden (vgl. Rudzio 2015). Rudzio verzeichnet allerdings einen Rückgang der Parteienidentifikation im untersuchten Zeitraum von 1970 bis 2002. Eine mögliche Erklärung für die schwächere Parteienbindung, könnte in der bis heute rückläufigen Identifikation der Bürgerinnen und Bürger mit den bisher beiden großen Volkparteien einhergehen. Damit besteht die Grundlage für andere Parteien eigene mögliche Identifikationsmuster deutlicher herauszubilden und anzubieten, nicht zuletzt durch ein Ansprechen bestimmter Gefühlslagen und Emotionen.

 

Ganz ohne Emotionen geht es nicht

 

Im bisherigen Verlauf erscheinen Emotionen in der Politik als eine sehr beeinflussende und suggestive Art und Weise zur Identifikation mit Parteien dienlich zu sein. Aber auch darüber hinaus ist dieser Ansatz sinnvoll. Mit einer inklusiven Demokratieperspektive wie sie Iris M. Young einnimmt wird klar, wie politische Debatten über das rein-rationale Argumentieren hinausgehen, denn es braucht auch Bekundungen, Bestärkung, persönliche Erzählungen, und Nachfragen um ein tieferes Verständnis erzeugen zu können. Gefühle sind also nicht automatisch unvernünftig und immer ein Teil von Politik. Auch hinterfragen sie Normen und machen Ausgeschlossene sprachfähig, indem sie kritisch und motivierend zugleich sein können. Hinzu kommt, dass ein Mensch als rein-rationalen Wähler in der Realität schlichtweg nicht existiert. So wird „[v]ermehrt […] auf die komplexen Wechselwirkungen von Rationalität und Emotionalität hingewiesen, die eben nicht nur spannungsgeladen sein können, sondern auch konstitutive Bezüge aufweisen“ (Korte, 2015). Auch für eine Partei innerhalb der repräsentativen Demokratie ist es natürlich richtig und sinnvoll ein annähernd stimmiges „Wählerbild“ einzufangen und einen emotionalen Zugang zu finden, um dem Wähler im eigenen Handeln möglichst gerecht werden zu können. Nur stellt sich die Frage inwieweit dieses Bild im Vorhinein beeinflusst und verzerrt wurde. Eine klare Grenzziehung ist hier schwierig, da es sich um einen stetig wechselseitigen Beeinflussungsprozess handelt. Klar unterscheiden lassen sich hier aber die Formen von extremer Polarisierung und extremen Gefühlslagen, von den Formen eines konstruktiven emotionalen Wählerzugangs.

 

Wahlkampf und die Grenzen des Emotionalen am Beispiel der Angst

 

Wie bereits festgestellt gibt es neben der sachlichen Ebene auch einen umfassenden Bezug zu möglichen Gefühlslagen der Bürgerschaft im gesamten politischen Spektrum, wenn auch unterschiedlich intensiv ausgeprägt. Ebenfalls wurde deutlich, dass es mitunter auch durchaus funktional und lösungsorientiert sein kann, Emotionen Raum zu geben. Aber wo liegen nun die Grenzen im Wahlkampf und warum? „Als Wahlkampf […] bezeichnet man die […] Maßnahmen von Parteien und/oder Kandidaten, mit denen Wählerinnen und Wähler informiert und in ihrer Stimmabgabe beeinflusst werden sollen. Wahlkämpfe sind Schlüsselphasen politischer Kommunikation (Sarcinelli 2011). In der Vorbereitung auf Wahlen leisten sie einen Beitrag zur Beschaffung demokratischer Legitimation im repräsentativen System“ (BpB). Werden diese „Schlüsselphasen“ unter Bedingungen eines extrem polarisierenden und überhöht-emotionalisierenden Wahlkampfes geführt, (beispielsweise mit Mitteln wie einseitigen Informationsangaben [Geise, 2017]), läuft dies dem Anspruch eines „Beitrag[s] zur Beschaffung demokratischer Legitimation“ entgegen, da Informationen und Beeinflussung nicht auf einer wahrheitsgemäßen, realen und sachorientierten Grundlage stehen, der nicht zuletzt für einen mündigen Umgang mit Wählerstimmen (und Emotionen), unabdingbar ist. Das Gefühle auch im Politischen als bedeutsam erachtet werden und diese auch als wichtig und legitim präsentiert werden, ist gegenwärtig stark ausgeprägt (vgl. Frevert). Das in Wahlkampagnen auch auf emotionale Stimmungserzeugung geachtet wird, ebenso. Auch Angst kann als ein Gefühl überaus berechtigt sein und sollte dann auch ernst genommen werden. Jedoch sollte jene auf konkreten und realen Ursachen beruhen, um politisch und kommunikativ darauf reagieren zu können und dahinterliegende Problemlagen aktiv zu bearbeiten. Dies wird Vertrauen in Politik und Demokratie schaffen und damit einer emanzipatorisch-mündigen Gesellschaftsentwicklung dienlich sein. Doch oftmals sind Gefühle auch losgelöst von der eigentlichen Faktenlage und basieren damit nicht auf den tatsächlichen, sondern auf irrealen Verhältnissen. Werden diese bewusst verstärkt und im Wahlkampf auf die Beeinflussung extremer Gefühle wie Angst hingewirkt, verstärkt sich die Entkopplung zu einer ausgewogenen kritischen und mündigen Abwägung der zur Verfügung stehenden Informationen (weiterhin werden nicht alle wahrgenommen bzw. gefiltert). Zudem können Menschengruppen ja nach Situation sehr beeinflussbar sein und irreale Angst ist dabei ein sehr wirksamer Katalysator einer möglichen einseitigen Lenkung. So werden Deutungsmuster und Wirklichkeitsvorstellungen erzeugt, die objektiven Faktenlagen widersprechen und somit der freiheitlich-demokratische Grundordnung gefährden können. Wahlkampf der sich an berechtigten Sorgen und Ängsten orientiert und ernsthaft bearbeiten will, ist dabei sicher legitim und notwendig, aber die bewusste Verstärkung diffuser Ängste ist demokratischen Bestrebungen abträglich. Ziel sollte sein, Ängste zu verringern (Kohlschied, 2017), indem die Ursachen bearbeitet werden. 

 

Literatur und Informationen

Geise, S., Podschuweit N., Direkte Wähleransprache im Wahlkampf. Ziele, Strategien und Umsetzung aus Perspektive der politischen Akteure. In: Hans-Bredow-Institut Hamburg [Hrsg.], 2017. Medien und Kommunikationswissenschaft, Heft Nr. 4.

 

 

http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/handwoerterbuch-politisches-system/202210/wahlkampf?p=all letzter Zugriff, 01.03.19

 

 

https://www.deutschlandfunk.de/gesellschaftsforschung-wie-gefuehle-politik-machen.1184.de.html?dram:article_id=427800 letzter Zugriff, 27.02.19

 

 

https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/sind-mehr-gefuehle-im-wahlkampf-gut-oder-schlecht-15213143.html letzter Zugriff, 28.02.19

 

 

Kohlschmied, C., 2017. Wut oder Angst. Warum die AfD gewählt wird. In: Politikum- Wutbürger, Nr. 2/2017, Wochenschau Verlag.

 

Korte, K. R. 2015. Emotionen und Politik. Begründungen, Konzeptionen und Praxisfelder einer politikwissenschaftlichen Emotionsforschung

 

Young, I. M. (2002). Inclusion and democracy. Oxford University press on demand.

26 Meinungen 14 Kommentare

Gast stimmt der These Angst(macherei) ist eine erfolgreiche Wahlkampfstrategie zu

Billige Effekthascherei funktioniert leider einfacher als die Vermittlung tatsächlicher Konzepte.

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25.03.2019

Gast stimmt der These Angst(macherei) ist eine erfolgreiche Wahlkampfstrategie zu

Kognitionsforscher haben diesen Umstand schon evidenzbasiert belegt. Insofern wird hier die Meinung zu einem Fakt abgefragt.

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21.03.2019

Gast positioniert sich zur These Angst(macherei) ist eine erfolgreiche Wahlkampfstrategie neutral

Ist sicher nicht so für aufgeklärte und gebildete Menschen. Aber leider wird richtige Bildung in dem Staat mit allen Möglichkeiten unterdrückt, den nicht gebildete Menschen lassen sich besser Manipulieren.

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21.03.2019 1 Kommentar

Gast stimmt der These Angst(macherei) ist eine erfolgreiche Wahlkampfstrategie nicht zu

Angst macht man sich

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20.03.2019

Gast stimmt der These Angst(macherei) ist eine erfolgreiche Wahlkampfstrategie nicht zu

Weil es nicht zu einem sachlichem und faktenbasierten Diskurs sondern zu einem emotionalen führt und so kann man keine objektive Entscheidung treffen.

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20.03.2019

Gast stimmt der These Angst(macherei) ist eine erfolgreiche Wahlkampfstrategie zu

Sieht man sehr gut an den Grünen und der unwissenschaftlichen Klimahysterie.

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19.03.2019

Gast stimmt der These Angst(macherei) ist eine erfolgreiche Wahlkampfstrategie zu

So traurig, wie das nun mal ist.

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19.03.2019

Gast stimmt der These Angst(macherei) ist eine erfolgreiche Wahlkampfstrategie zu

Viele Menschen nehmen sich keine Zeit für Politik und wählen deswegen stumpf. Da Emotionen i.d.R. als erstes reagieren und der Schutz der "eigenen lieben " einen i.d.R. am wichtigsten ist, hôren die meisten eher auf Angstmacher.

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18.03.2019

Gast stimmt der These Angst(macherei) ist eine erfolgreiche Wahlkampfstrategie zu

Wähler ohne Hintergrundwissen lassen sich so leichter beeinflussen.

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17.03.2019

Gast stimmt der These Angst(macherei) ist eine erfolgreiche Wahlkampfstrategie nicht zu

Bestes Beispiel AFD

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17.03.2019 1 Kommentar

Gast stimmt der These Angst(macherei) ist eine erfolgreiche Wahlkampfstrategie nicht zu

Wer Angst hat, kann nicht frei entscheiden. Freie Entscheidungen sind für eine Demokratie aber existenziell. Wer mit Angstmacherei Wahlkampf macht, greift mit Kalkül unser demokratisches System an. Das kann nicht richtig sein.

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16.03.2019 1 Kommentar

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Nach meiner Wahrnehmung lassen sich viele auf diese Strategie ein. Und das macht mich richtig traurig. Ich finde es verantwortungslos, so mit den Ängsten der Menschen zu spielen.

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16.03.2019

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