Der Euro sollte abgeschafft werden.

Einführung, Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und Stabilitätsbedingungen

Von Beginn an war die Einführung des Euro ein wirtschaftliches und politisches Projekt. Einerseits sahen bereits die Gründer der europäischen Gemeinschaft langfristig die Notwendigkeit, bei gegebener wirtschaftlichen Zusammenarbeit der europäischen Staaten schlussendlich eine gemeinsame Währung einzuführen. Auf diese Weise sollte die gebündelte Wirtschaftskraft der Europäer dazu dienen, im zunehmend vernetzten Welthandel die Alleinherrschaft des US-Dollars als Leitwährung in Frage zu stellen.

Andererseits ist die Gemeinschaftswährung auch als politisches Projekt konzipiert. Wie aus später veröffentlichten Dokumenten hervorgeht, wurde die Einführung des Euro schon früh in Zusammenhang mit der Deutschen Einheit beschlossen. Das Kalkül: Um ein zu stark dominierendes und aggressiv expandierendes Deutschland zu verhindern, wurde die wiedervereinigte Nation in einem europäischen Wirtschafts- und Bündnissystem eingebunden. Durch starke Abhängigkeiten zueinander sollte ein weiterer Krieg auf dem europäischen Kontinent unmöglich gemacht werden – der Kerngedanke sowohl später der Europäischen Union wie auch des Euros.

Zur Einführung der gemeinsamen Währung wurden vier Stabilitätskriterien festgelegt, welche Beitrittskandidaten zu erfüllen hatten, um langfristig Mitglied der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion (EWWU oder EWU, umgangssprachlich „Eurozone“) zu werden. Während die ersten drei dieser Kriterien für Länder gelten, die den Euro erst noch als Währung einführen wollen, so gilt die vierte Bedingung für alle Euroländer dauerhaft: Demnach darf das jährliche Defizit des Staates (also die Neuverschuldung) nicht mehr als 3% des Bruttoinlandsprodukts – womit die gesamte Wirtschaftsleistung des Staates eines Jahres gemeint ist – betragen. Außerdem darf die Höhe der gesamten Schulden eines Landes 60% des BIP nicht übersteigen.

Mehr zum Thema "Geschichte der Währungsunion".

Die Europäische Finanzkrise und ihre Folgen

Dies sorgt bis heute für Auseinandersetzungen unter den Mitgliedsstaaten. Im Zuge der weltweiten Banken- und Finanzkrise, welche im Jahr 2007 ihren Lauf nahm, sahen sich viele Staaten gezwungen, ausstehende Forderungen, welche die Banken angehäuft und auf komplizierte Weise untereinander gehandelt hatten, aufzukaufen. Diese Maßnahme wurde vor allem mit der akuten Gefahr gerechtfertigt, dass der Bankensektor andernfalls flächendeckend Zahlungsunfähigkeit hätte vermelden müssen. Die Spareinlagen der Bürger bei den Banken standen damit genauso auf dem Spiel wie die Möglichkeit der Banken, Unternehmen und somit der gesamten Wirtschaft Kredite auszugeben. Die Alternative zur Rettung der Banken mit Steuergeldern wäre also vermutlich eine massive, langfristige Wirtschaftskrise gewesen. Dennoch stieg vor allem durch diese Schritte in allen Euroländern die Gesamtverschuldung enorm an – die „Europäischer Schuldenkrise“ nahm ihren Lauf.

Obwohl verhindert werden konnte, dass Banken keinerlei Kredite mehr ausgeben können, so mussten diese als Reaktion auf die Finanzkrise nun dennoch deutlich vorsichtiger haushalten. Die folgende „Kreditklemme“ trägt bis heute neben anderen Faktoren maßgeblich zur wirtschaftlich kritischen Situation vieler europäischer Länder bei. Als Folge der letzten Jahre stellt sich für einige europäische Länder nun eine schwierige Ausgangslage ein: Eine immer noch krisenhafte Wirtschaftsleistung kombiniert sich mit einer hohen (Jugend-)Arbeitslosigkeit und einer hohen Staatsverschuldung. Diese wird dadurch befeuert, dass für die Neuaufnahme von Schulden zukünftig höhere Zinssätze zu erwarten sind. Auf diese Neuaufnahme kann aber kein Krisenstaat ganz verzichten, ein Kollaps der staatlichen Vorsorgesysteme und eine Verelendung der Bevölkerung mit geringem Einkommen wäre die Folge.

Die wichtigsten Stationen der Finanzkrise von 2001 bis 2014.

Zwei Wege aus der Krise

Die Frage, wie man mit dieser Problemlage umgehen sollte, ist bis in die Wirtschaftswissenschaften hinein sehr umstritten. Deutschland, Österreich, die Benelux-Staaten sowie die Staaten des Baltikums und Finnland schließen sich der Position an, dass in erster Linie Staatsschulden minimiert werden müssen, um Stabilität herzustellen („Austeritätspolitik“): Je niedriger der Schuldenstand, desto mehr Spielraum für staatliche Ausgaben.
Vor allem die Länder Frankreich, Italien, Spanien, Griechenland und Portugal folgen eher der keynesianischen (basierend auf John Maynard Keynes, britischer Wirtschaftswissenschaftler) Annahme, dass gerade in Krisensituationen der Staat Geld investieren sollte, um die Wirtschaft zu beflügeln und die Arbeitslosigkeit zu senken. Die Verminderung der Verschuldung ist demnach eine Maßnahme, welche nur in einer guten wirtschaftlichen Lage getroffen werden sollte, da Sparmaßnahmen andernfalls das dringend benötigte Wirtschaftswachstum im Keim ersticken würden.

Gefangen in gemeinsamer Zinspolitik?

Unter normalen Umständen kann die Notenbank eines Staates auf die jeweiligen Bedürfnisse eines Landers reagieren, indem sie den Zinssatz anpasst: Ist dieser niedrig, können (und müssen) Banken mehr Kredite ausgeben. Für Unternehmen herrscht dann ein höherer Anreiz, Investitionen zu tätigen (z.B. ein neues Nutzfahrzeug anzuschaffen), ebenso für Privatpersonen (z.B. eine Wohnung zu kaufen oder einen Bildungskredit aufzunehmen) – die Wirtschaft wird angekurbelt. Außerdem hat ein niedriger Zinssatz aus staatlicher Sicht den Vorteil, dass durch das „billige Geld“ der Abbau der Staatsschulden besser gelingt, da teure Kredite durch solche mit niedrigen Zinsen abgelöst werden können.

Niedrige Zinsen bergen aber auch Gefahrenpotenzial: Einerseits kann ein langanhaltender Zustand niedriger Zinsen zu hohen Inflationsraten führen – die Preise für alltägliche Güter steigt dann immer schneller an und der Wert des Geldes sinkt. Andererseits müssen Bürger mit Spareinlagen Einbußen hinnehmen: In Zeiten niedriger Zinsen vermehrt sich der Betrag langsamer, kommt noch eine hohe Inflationsrate hinzu, verliert das angesparte Geld schneller an Wert, als es sich durch Sparzinsen vermehrt – in diesem Fall verliert der sparende Bürger also sogar Geld.
Dadurch, dass für eine gemeinsame Währung aber nur eine Notenbank befugt sein kann, Zinspolitik festzulegen, entfällt für jedes einzelne Land die Möglichkeit der Anpassung. Die Europäische Zentralbank (EZB) steht also unter dem Druck, den Interessen und Bedürfnissen vollkommen unterschiedlicher Volkswirtschaften gerecht zu werden.

Mehr zum Thema "Sparen oder Investieren?".

Währung ist immer politisch

Um dieser quer durch Europa verlaufenden Konfliktlinie zu entkommen, gibt es im Prinzip nur zwei denkbare Wege: Entweder verlässt eine der Gruppen den Euroraum und führt die jeweiligen nationalen Währungen wieder ein. Ein massiver internationaler Bedeutungsverlust, Einbußen im Bereich der Exporte, welche vor allem Deutschland betreffen würden und ein Rückgang innereuropäischen Handels wäre die Folge. Gleichzeitig könnten die nationalen Notenbanken die Bedürfnisse der Volkswirtschaften wieder besser decken.

Die andere Möglichkeit besteht darin, die unterschiedlichen Volkswirtschaften langfristig anzugleichen. Das berührt allerdings viele zentrale Politikfelder: Auf den Gebieten der Steuer-, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik (z.B. beim Kündigungsschutz, Erbschaftsrecht oder Arbeitslosengeld) wären langfristig gemeinsame Standards notwendig. Auch über fiskalpolitische Fragen (also die Ausgabepolitik) müsste Verständigung erreicht werden: Wie viel sollten die Staaten sparen, wieviel sollten sie ausgeben und in welchen Bereichen? Will man diese Fragen gemeinsam demokratisch beantworten, setzt dies eine Vertiefung der politischen Zusammenarbeit der Eurostaaten voraus. Und die Bereitschaft aller Bürgerinnen und Bürger Europas, auch die Wünsche anderer Europäer zu berücksichtigen.

Eine gemeinsame Währung erzwingt also die politische Integration der Mitgliedsstaaten – ganz im Sinne der Gründerväter des Euro. Eine zustimmende und ablehnende Haltung zum Euro hängt damit also direkt mit der Frage zusammen, inwieweit man eine vertiefte Zusammenarbeit der europäischen Staaten in zentralen politischen Fragen befürwortet.

Debatte zum Thema "Sollten unterschiedliche Volkswirtschaften eine Währungsunion eingehen?".

Mehr zum Thema "Zukunftsszenarien für die Eurozone."

"Zahlen und Fakten: Europa" - Umfangreiche Sammlung von Statistiken und Grafiken der europäischen Länder im Vergleich.

Weiterführende Literatur

  • Berens, Ralph Edgar: Europa auf dem Weg in die Transferunion? Bankenrettung & Staatenrettung & Eurorettung und kein Ende. Eine Bestandaufnahme aus ökonomischer und rechtlicher Sicht. Berlin, 2014

  • Depenheuer, Otto: Staatssanierung durch Enteignung? : Legitimation und Grenzen staatlichen Zugriffs auf das Vermögen seiner Bürger. Berlin, 2014

  • Henkel, Hans-Olaf: Die Euro-Lügner. Unsinnige Rettungspakete, vertuschte Risiken – so werden wir getäuscht. München, 2013

  • Hilpold, Peter: Neue europäische Finanzarchitektur : die Reform der WWU. Berlin, 2014

  • James, Harold: Making the European Monetary Union. Cambridge (Massachusetts), 2012

39 Meinungen 32 Kommentare

Gast positioniert sich zur These Der Euro sollte abgeschafft werden. neutral

Wenn die Verschuldung mancher Euroländer und die Spannungen zwischen nördlichen und südlichen Ländern so weitergehen, schafft sich der Euro womöglich von selbst ab.

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23.06.2017

Gast stimmt der These Der Euro sollte abgeschafft werden. nicht zu

Der Euro wird immer und immer wieder pragmatisch und wirtschaftlich hinterfragt, jedoch vergessen all diejenigen, die nach der D-Mark schreien, eine Sache:

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23.06.2017

oliver stimmt der These Der Euro sollte abgeschafft werden. nicht zu

Warum sollte er? Mich überzeugt kein Grund, ihn abzuschaffen. Außerdem habe ich die damit verbundenen Vereinfachungen nach der Einführung als gewinnbringend erlebt.

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23.06.2017

Gast stimmt der These Der Euro sollte abgeschafft werden. nicht zu

Eine über das eigene Land hinaus geltende Währung begünstigt wirtschaftlichen Zusammenhalt und fördert den Handel- und Wirtschaftsaustausch in Europa.

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23.06.2017

Gast stimmt der These Der Euro sollte abgeschafft werden. nicht zu

Euro ist ein starkes Zahlungsmittel

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23.06.2017

Gast stimmt der These Der Euro sollte abgeschafft werden. nicht zu

Solange es keine bessere Alternative gibt, halte ich den € für die sinnvollste Lösung.

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20.06.2017

Chromatic stimmt der These Der Euro sollte abgeschafft werden. nicht zu

Der Euro ist eine Erfolgswährung, die unter der Heterogenität ihrer Teilnehmerländer leidet. Derzeit ist es eher so, dass die Niedrigzinspolitik der EZB zu wenig den südeuropäischen Ländern, aber vielmehr den eh schon robusten Volkswirtschaften (z.B.

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19.06.2017

Gast stimmt der These Der Euro sollte abgeschafft werden. nicht zu

Die einheitliche Währung ist nicht nur für die Wirtschaft nützlich, sondern auch für mich als Privatperson bei Online-Käufen oder Auslandsaufenthalten.

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15.06.2017

Gast stimmt der These Der Euro sollte abgeschafft werden. nicht zu

Kein Politiker kann die Vorteile des Euros in einem Satz zusammenfassen. Das ist nicht verwunderlich, denn der Euro hat keinerlei Vorteil für die einfachen Bürger. Außer dem Wegfall des Geldwechselns im Urlaub.

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14.06.2017

Gast stimmt der These Der Euro sollte abgeschafft werden. nicht zu

Eine Gemeinschaftswährung ist für den Handel essentiell

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14.06.2017

Gast stimmt der These Der Euro sollte abgeschafft werden. nicht zu

Kleinstaaterei ist keine Lösung für irgendwas.

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14.06.2017

Gast stimmt der These Der Euro sollte abgeschafft werden. zu

Eine auf Druck von Frankreich erzwungene künstliche Währung, sonst hätte Frankreich den 4+2 Verträgen nicht zugestimmt! Der Euro ist eine völlige Fehlkonstruktion und anderen Ländern mit Zwang, Korruption aufgezwungen worden!

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11.06.2017 1 Kommentar

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