Der Westen dominiert den Osten.

 

Zu den Hintergrundinformationen allgemein: Die Hintergrundinformationen, die wir zu unseren Thesen bereitstellen, sollen dazu dienen, dass sich die Nutzer eine eigene Meinung zum Thema bilden können. Es sind Daten und Fakten oder auch Hinweise auf weiterführende Literatur zum Thema. Es handelt sich daher ausdrücklich NICHT um Fakten, die ausschließlich dazu dienen sollen, die These zu unterstützen!

 

Hintergrundinformationen zur These „Der Westen dominiert den Osten“

26 Jahre nach der Deutschen Einheit gibt es nach wie vor Ungleichheiten zwischen den beiden Regionen. Um zu untersuchen, inwieweit die neuen Bundesländer auch heute noch in Abhängigkeit zu den westdeutschen Bundesländern stehen, lohnt sich ein Blick auf den Beginn des Einigungsprozesses. Untersucht man zudem in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft den Anteil ostdeutscher Eliten in den neuen Bundesländern, lässt sich das Bild heute, 26 Jahre nach Beginn des Einigungsprozesses, fortzeichnen. Betrachtungen zu der Frage, wie Jugendliche über die Einheit Deutschlands denken und ob diese sich noch in ost- und westdeutsche Jugendliche unterscheiden, sollen an dieser Stelle nicht angestellt werden. Informationen dazu finden sich in den Hintergrundinformationen zur These "Die Wiedervereinigung ist kein Thema mehr".

 

Institutionen-, Eliten- und Finanztransfer

Der Einigungsprozess zwischen Ost- und Westdeutschland stand von Anfang an unter Bedingungen der Ungleichheit und Abhängigkeit zwischen den Regionen. Das wirtschaftliche und politische System der DDR galt als diskreditiert und durch die Bevölkerung – vor allem die ostdeutsche – abgelehnt.

Aus diesem Grund wurden staatliche Institutionen, welche gerade in der Spätphase der friedlichen Revolution als Repressionsapparat auftraten und wahrgenommen wurden, nicht reformiert, sondern in der Regel vollkommen abgeschafft und durch neue Einrichtungen nach westdeutschem Vorbild ersetzt.

Ein solcher Institutionentransfer zog entsprechenden Bedarf an Personal nach sich, welches Erfahrungen mit der Arbeitsweise innerhalb dieser neuen Einrichtungen und Schulung im juristischen System der BRD mitbrachte. Hinzu kam die Diskreditierung ehemaliger ostdeutscher Eliten, welche sich im Verlauf der Jahrzehnte der Mittäterschaft an einem unterdrückerischem Staatsapparat schuldig gemacht hatten und dementsprechend in einem zukünftigen Staatswesen nicht mehr tragbar waren.

Schließlich war die wirtschaftliche Situation der ehemaligen DDR aufgrund ihrer Ausrichtung auf den Mechanismus der Planwirtschaft nur mangelhaft auf den marktliberal ausgerichteten Wirtschaftsraum der BRD vorbereitet. Dies hatte einen massiven Finanz- und Gütertransfer in Höhe von ca. 1 Billion Euro zwischen im Zeitraum 1990-2005 zur Folge. Ehemals verstaatlichte Produktionsgenossenschaften wurden durch die (bis heute umstrittenen) Aktivitäten der Treuhandanstalt privatisiert. Westdeutsche Investoren erhielten hier aufgrund extrem gering ausgeprägter Kapitalbestände ostdeutscher Eliten in der Regel den ersten Zugriff.

Es lässt sich also feststellen, dass der Einigungsprozess der beiden Regionen nahezu ausschließlich den Charakter eines Beitritts der ostdeutschen Bundesländer zur BRD trug. Ein wirklicher Austausch der wirtschaftlichen, sozialen oder politischen Kultur der beiden Regionen und damit eine Kompromissfindung zwischen West- und Ostdeutschland fand kaum statt.

Mehr zum Thema Elitentransfer.

 

Anteil ostdeutscher Eliten in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen

Die Datengrundlage der folgenden Betrachtung ist der Studie „Wer beherrscht den Osten? Ostdeutsche Eliten ein Vierteljahrhundert nach der deutschen Wiedervereinigung“ unter Leitung von Michael Bluhm und Olaf Jacobs in Zusammenarbeit mit dem MDR entnommen.

Link zur interaktiven Reportage beim MDR.

 

Politik

Die Tatsache, dass die beiden höchsten Ämter der Bundesrepublik Deutschland durch ostdeutsche Politiker bekleidet werden – das Amt der Bundeskanzlerin durch Angela Merkel, dass des Bundespräsidenten durch Joachim Gauck – wird gern als Beleg für die Behauptung herangezogen, ostdeutsche Eliten wären nun in der BRD vollends angekommen.

Allerdings trügt diese Wahrnehmung, da sowohl auf niedrigeren Ebenen der Bundespolitik wie auch in den Parlamenten und Regierungen der neuen Bundesländer nicht eindeutig von einer repräsentativen Verteilung gesprochen werden kann. So sind im Apparat der Ministerialbürokratie ostdeutsche Vertreter stark in der Minderheit: Nur drei der 60 Staatssekretäre auf Bundesebene haben einen ostdeutschen Hintergrund.
Auf Landesebene können Mitglieder der Regierungen dem Anteil der Bevölkerung eher gerecht werden: Während etwa 87% der Bevölkerung gebürtige Ostdeutsche sind, bestehen die Landesregierungen der fünf neuen Bundesländern aus etwa 70% ostdeutschen Politikern.

 

Medien

Im Bereich der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten (BBR, MDR, NDR) beträgt der Anteil der ostdeutschen Hörer etwa 50%. Eine Repräsentation in den Führungsgremien der Rundfunkanstalten kann mit etwa 25% ostdeutscher Mitglieder also nicht erreicht werden. Anders sieht es auf dem Zeitungsmarkt aus: Der Anteil ostdeutscher Chefredakteure beträgt hier 62%. Allerdings sind nur 9% der Geschäftsführer bzw. Inhaber dieser Zeitungen Ostdeutsche. Dieses Phänomen lässt sich auch dadurch erklären, dass sich der Zeitungsmarkt in Deutschland zunehmend konzentriert. Die größten Medienkonzerne Deutschlands haben ihren Stammsitz in Westdeutschland, ostdeutsche Zeitungen werden aufgrund der rückgängigen Auflagen und des Drucks durch Online-Journalismus zunehmend Teil dieser Verlagsgruppen.

Mehr zum Thema Konzentration des Zeitungsmarktes in Deutschland.

 

Wirtschaft

Obwohl die ostdeutsche Wirtschaft im Verlauf der letzten Jahrzehnte eine starke Transformation durchlaufen hat, ist der Anteil der ostdeutschen an der gesamtdeutschen Wirtschaftsleistung eher gering. Nur zwei der 100 größten Unternehmen Deutschlands haben ihren Stammsitz in Ostdeutschland, keine der beiden Unternehmen ist im Deutschen Aktienindex gelistet. Dadurch lässt sich auch der geringe Anteil ostdeutscher Mitglieder in den Vorständen von DAX-Unternehmen erklären: Nur etwa drei der insgesamt 190 Vorstandsmitglieder stammen aus Ostdeutschland. Ein wenig repräsentativer sieht es im Bereich der größten ostdeutschen Unternehmen aus: Etwa 49% von ihnen haben einen ostdeutschen Eigentümer, auf der Ebene der Geschäftsführung beträgt der Anteil ostdeutschen Personals etwa 25%.

An dieser Stelle sollte jedoch angemerkt werden, dass der Prozess der Deutschen Einheit wirtschaftlich parallel zum Prozess der Globalisierung abläuft, so ist nicht nur der geringe Anteil ostdeutscher Vorstände in DAX-Unternehmen auffällig, sondern auch der hohe Anteil internationaler Eliten. So kommen über ein Viertel - 50 der oben aufgeführten 190 Vorstandsmitglieder - ursprünglich nicht aus Deutschland. 

 

Wissenschaft

Auch im Bereich der Wissenschaften wurden im Nachgang des Zusammenbruchs der DDR viele ostdeutsche Eliten abgesetzt. Gerade der Bereich der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften erfuhr im akademischen System der DDR eine mitunter starke Ideologisierung, das wissenschaftliche Paradigma des Marxismus-Leninismus ließ sich in vielen Bereichen nicht mit einer pluralistischen Forschung und Lehre vereinen. Dementsprechend gering sind ostdeutsche Akademiker bis heute im Wissenschaftsapparat der neuen Bundesländer repräsentiert: Gerade einmal drei der 20 Rektoren ostdeutscher Hochschulen mit mehr als 5.000 Studierenden haben ostdeutschen Hintergrund, nur 15% der Direktoren, Vorstände und Institutsleiter der vier großen Forschungsgesellschaften (Max Planck, Leibnitz, Fraunhofer, Helmholtz) stammen aus Ostdeutschland.

 

Justiz

Den größten Einschnitt durch die Schaffung neuer Institutionen nach westdeutschem Vorbild erfuhr sicherlich der Bereich der Rechtsprechung. Eliten im Bereich der Justiz wurden aufgrund ihrer engen Verflechtung mit den ehemaligen DDR-Institutionen und ihrer Repräsentationsfunktion für die stark umstrittene DDR-Rechtsprechung größtenteils von staatlichen Positionen abgesetzt. Entsprechend gering ist der Anteil ostdeutscher Eliten in diesem Bereich heute. Nur 13,3% der Richterstellen an den obersten Gerichten der neuen Bundesländer werden durch Ostdeutsche besetzt, der Anteil an (Vize-)Präsidenten dieser Gerichte und vorsitzenden Richter ist noch geringer: Nur 11 Juristen (5,9%) mit ostdeutschem Hintergrund befinden sich darunter.

 

Ostdeutsche „Wehleidigkeit“?

Betrachtet man also das Verhältnis zwischen repräsentierter ostdeutscher Bevölkerung und ostdeutscher Eliten, zeigt sich ein relativ einseitiges Bild. Eventuell greift aber auch dieser Ansatz zu kurz. So entgegnet Richard Schröder auf die oben aufgeführte Studie in einem Interview mit der Sächsischen Zeitung, dass es sich bei dieser Betrachtung um „ostdeutsche Wehleidigkeit“ handele. Er führt an, dass allein vor dem Mauerfall 4 Millionen Ostdeutsche in den Westen Emigriert wären, von Beginn der Wende bis zum Jahr 2015 noch einmal weitere 4,7 Millionen. Anhand dieser Zahlen lässt sich in Frage stellen, ob es eine klare Trennung zwischen der ostdeutschen sowie westdeutschen Bevölkerung je gegeben hat.

Zudem stellt Schröder in Frage, ob durch westdeutsche Eliten wirklich "westdeutsche" Herrschaft verübt wird. So herrschten in einer Demokratie, so auch in den neuen Bundesländern, keine Personen, sondern vielmehr Prinzipien, wie die Rechtssprechung auf Basis des Gesetzes, was wiederum durch das Grundgesetz legitimiert wird. Insofern spiele es keine Rolle, ob die entsprechenden Positionen von ost- oder westdeutschen Bürgern besetzt seien, erst recht nicht, wenn sie durch die ostdeutsche Bevölkerung in demokratischen Wahlen legitimiert werden.

Treibt man diese Überlegungen auf die Spitze, könnte man die heutigen neuen Bundesländer auch mit ehemaligen Staaten des Ostblocks vergleichen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden hier oftmals Eliten nur teilweise ausgetauscht, eine Blockadehaltung gegenüber demokratischen Institutionen und systematische Korruption sei oftmals bis heute die Folge. Eventuell war also der Transfer sowohl von Institutionen als auch von Eliten, welche diese ausfüllen konnten, notwendig, damit die ostdeutsche Bevölkerung auf demokratische Weise über sich selbst herrschen kann - sofern man überhaupt eindeutig ost- und westdeutsche Bevölkerung voneinander trennen kann.

Vergleicht man zusätzlich die wirtschaftliche Situation der neuen Bundesländer mit der anderer ehemaliger Sowjetrepubliken, ergibt sich ebenfalls ein positiveres Bild. Zwar konnte der Osten, zieht man den Jahresbericht zum Stand der Deutschen Einheit zur Rate, zur hochspezialisierten Dienstleistungswirtschaft und Endverarbeitungsindustrie der alten Bundesländer nicht in Gänze aufschließen, dennoch lässt sich beobachten, dass ostdeutsche Bundesländer als Investitions- und Innovationsstandorte enorm an Attraktivität gewinnen. Das lässt sich beispielhaft an der Niederlassung verschiedener Industrie- und Forschungscluster beobachten. So entstanden länderübergreifende Cluster in Mitteldeutschland, die sich vor allem auf innovative Produkte im Bereich der Photovoltaik spezialisiert haben sowie das "Cluster Cool Silicon" in Dresden, welches im Bereich der Mikroelektronik und Halbleitertechnologie internationale Konkurrenzfähigkeit erlangen konnte.

Mehr zum Thema wirtschaftliche Entwicklung Ostdeutschlands im Jahresbericht zum Stand der Deutschen Einheit 2016.

 

Weiterführende Literatur

 

37 Meinungen 32 Kommentare

Gast stimmt der These Der Westen dominiert den Osten. zu

In Politik und Wirtschaft

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20.10.2016

Gast stimmt der These Der Westen dominiert den Osten. zu

Natürlich sind Frau Merkel und Herr Gauck aus dem ehemaligen Osten sind aber mehrheitlich vom Westen, wenn auch nicht direkt mitgewählt worden.

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18.10.2016

Gast positioniert sich zur These Der Westen dominiert den Osten. neutral

Ich finde, dass sowohl der Westen als auch der Osten voneinander lernen und profitieren können.

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18.10.2016

Gast stimmt der These Der Westen dominiert den Osten. zu

Ja das ist so. Im Westen war das Kapital, ein gescheiterter Staat wurde aufgelöst und die Bevölkerung ist mit überwältigendem Mehrheitsvotum der BRD beigetreten.

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18.10.2016

Gast stimmt der These Der Westen dominiert den Osten. zu

Führungspositionen werden durch Wessis besetzt

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18.10.2016

Gast stimmt der These Der Westen dominiert den Osten. nicht zu

Es verhält sich eher umgekehrt. Merkel aus dem Osten, Gauck aus dem Osten. Bei Bundestagswahlen ist der Osten oft das Zünglein an der Waage. Natürlich schmeckt das den Jammerossis nicht.

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17.10.2016 2 Kommentare

Gast positioniert sich zur These Der Westen dominiert den Osten. neutral

Bezüglich was/welches Thema/Objekt dominiert der Westen den Osten? Uneindeutige Fragestellung. Der Osten dominiert mit Rechtsextremismus, der Westen dafür bei Gehältern.

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13.10.2016

serraka stimmt der These Der Westen dominiert den Osten. zu

Ob in Wirtschaft oder Politik: Hohe Posten im Osten werden auch heute noch vielfach von Westdeutschen bekleidet. Wie viele Westdeutsche sitzen in ostdeutschen Landtagen, doch umgekehrt sucht man Ostdeutsche.

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12.10.2016

Gast stimmt der These Der Westen dominiert den Osten. nicht zu

Definitiv ist das kapitalistische Wirtschaftssystem der ehemaligen DDR übergestülpt wurden und ja, viele Dinge hätten im Rahmen der Wiedervereinigung anders und ggf. auch besser laufen können!

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11.10.2016

Gast stimmt der These Der Westen dominiert den Osten. zu

Das Wirtschaftssystem ist das Westdeutsche. Die ganzen großen Konzerne haben ihren Sitz im Westen des Landes. Für die Westdeutschen hat sich mit der Vereinigung nichts verändert, doch für die Ostdeutschen sehr sehr viel.

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10.10.2016

Gast stimmt der These Der Westen dominiert den Osten. zu

Fast alle leitenden Positionen in Politik, Kultur und Medien sind durch Westdeutsche besetzt. Möglicherweise ist das auch ein Grund, warum sich viele Menschen im Osten nicht mehr vertreten fühlen.

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10.10.2016

Gast stimmt der These Der Westen dominiert den Osten. zu

Die Dominanz des Westens ist unbestreitbar: Alle wesentlichen Medien (Print wie elektronisch) sind westdeutsch und falls mit Sitz im Osten (z.B. MDR), dann in den oberen Etagen mit Westpersonal.

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09.10.2016 1 Kommentar

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