Deutschland ist ein digitales Entwicklungsland.

Hintergrundinformationen zur These „Deutschland ist ein digitales Entwicklungsland.“

Wie digital ist die Bundesrepublik 2018?

Wer auf das vergangene Jahr zurückblickt wird feststellen, dass viele Themen und Ereignisse, die die Menschen bewegten, auch immer starke digitale Aspekte hatten oder nicht selten sogar von diesen bestimmt wurden. Wir denken an immer erfolgreichere Bitcoins, an selbstfahrende Autos, an 10 Jahre iPhone, an einen twitternden US-Präsidenten, an #Metoo, an Amazons Start von smarten Lautsprechern und den Einstieg in den Lebensmittelhandel, an das Netzwerkdurchsetzungsgesetz, an die Milliardenstrafe der EU-Kommission für Google, an den Facebook Datenskandal, an die Bundestagswahl, an Cyberangriffe auf Flughäfen, britische Krankenhäuser und die Deutsche Bahn. Das Internet ist aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken.

Die Worte der Stunde lauten digitaler Wandel, digitale Transformation oder schlicht: Digitalisierung. Damit wird ein Prozess beschrieben, in dem durch die zunehmende Nutzung von vernetzten Geräten ein Wandel einsetzt, der beinahe alle Bereiche des Privatlebens und der Arbeitswelt verändert. Dies stellt nicht nur Politik und Wirtschaft, sondern auch die Gesellschaft vor ganz neue Herausforderungen. Wo steht Deutschland bei diesen Entwicklungen? Die deutsche Wirtschaft „brummt“. Das Bruttoinlandsprodukt steigt, Konsum- und Geschäftsklima-Indizes befinden sich auf Rekordniveaus. Bei genauerem Hinsehen scheint es aber, als bliebe den Deutschen vor allem die industrielle Sphäre überlassen. Wo man bei Technologien wie 3D-Druckern und Robotik Deutschland seine technologische Führung ausbaut, kommt die sogenannte Plattform-Ökonomie (Google, Apple, Facebook, Amazon etc.) fast gänzlich ohne deutsche Beteiligung aus. Es herrscht ein massiver Fachkräftemangel im IT-Bereich und darüber hinaus existieren große Vorbehalte gegenüber der digitalen Sphäre in der Bevölkerung und in der Politik. Innovationsführerschaft lässt sich nur schwer mit deutscher Datensparsamkeit und Datenschutz vereinbaren. Ist Deutschland 2018 also ein digitales Entwicklungsland? Oder ist es digitaler als sein Ruf?

Da die Digitalisierung längst alle Lebens-, Wirtschafts- und Administrationsbereiche erfasst hat, ist es nicht möglich hier ein umfassendes Lagebild des digitalen Deutschlands im Jahr 2018 zu zeichnen. Anhand der Themen Infrastruktur, des Digitalen Arbeitens, der Internetnutzung, der Kompetenzen der Bundesbürger und der öffentlichen Verwaltung soll jedoch ein kleiner Einblick in den aktuellen Stand vermittelt werden. Für weitere Details sei deshalb insbesondere an die zitierten Studien der Europäischen Kommission, des Fraunhofer Instituts und der D21, sowie unsere Literaturliste zum Thema verwiesen.

Allgemeines

Für einen ersten Eindruck eignet sich der sogenannte Digitalisierungsindikator im Innovationsindikator des Fraunhofer Instituts für System- und Innovationsforschung. In diesen fließen Daten aus den Bereichen Forschung/Technologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Infrastruktur, Bildung und Geschäftsmodelle. Im Allgemeinen kommt dieser Vergleich zu dem Ergebnis, dass Deutschland weit weg von der Spitzengruppe und für die großen Chancen der Digitalisierung in vielen Bereichen noch nicht gut genug aufgestellt ist. Deutschland liegt weltweit derzeit nur im Mittelfeld auf dem 17. Rang:


(Bildquelle: Innovationsindikator, Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung)

Auch der Bericht über den Stand der Digitalisierung in Europa 2017 (Europe´s Digital Progress Report) der Europäischen Kommission offenbart ungenutzte Potenziale. Deutschland nimmt dort den 11. Platz unter den 28. EU-Mitgliedstaaten ein. Auch hätte es im Vergleich zum Vorjahr 2016 nur geringe Fortschritte gegeben:



(Bildquelle: Europäische Kommission: Bericht über den Stand der Digitalisierung in Europa 2017/Europe´s Digital Progress Report)

Aber was heißt das genau? Woran liegt es, dass Deutschland hier sich nicht in der Spitzengruppe behaupten kann? Der größte Handlungsbedarf laut beider Untersuchungen vor allem in den Bereichen Infrastruktur und öffentliche Verwaltung. Aber auch andere Bereiche sollte man nicht aus den Augen lassen.

Zugang und Infrastruktur

Eine Grundvoraussetzung dafür, alle Chancen der Digitalisierung nutzen zu können, ist das Vorhandensein von leistungsfähigen Übertragungsnetzen.
Entsprechend ist der sogenannte Breitbandausbau häufig das erste Thema, wenn man über Digitalisierung in Deutschland spricht. Denn hier liegt Deutschland im internationalen Vergleich immer noch deutlich zurück.

Insbesondere im Bereich der als zukunftssicher geltenden Glasfasernetze herrscht großer Nachholbedarf. Aktuell greifen nur ca. 7% der bereitgestellten schnellen Internetzugänge auf Glasfasertechnik zurück, was gerade einmal 2,7 Millionen Anschlüssen entspricht. Auf dem Land sind es sogar nur 1,4%. Zum Vergleich: in Estland sind 73% und in Schweden 56% aller Zugänge glasfaserbasiert. Bei Glasfaseranschlüssen befindet sich Deutschland in der Gruppe der am schlechtesten versorgten Länder in Europa, auf Platz 28 von 32:


(Bildquelle: Innovationsindikator, Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung)

Ein Großteil der Verbindungen, die Geschwindigkeiten bis zu 50 Mbit/s ermöglichen, nutzt das sogenannte Vectoring der Deutschen Telekom. Dieses Verfahren nutzt die herkömmlichen Kupferkabelnetze. Mithilfe dieses Verfahrens wurde in den letzten Jahres zwar einiges erreicht, aber viele Experten kritisieren, dass es sich hierbei um eine überholte Technologie handelt. So ließen sich selten viel mehr als 100 Mbit/s lässt sich aus den meisten Kupferkabelnetzen herausholen, da es auch immer noch von der Länge des Kabels bis zum nächsten Anschlusskasten abhängt, wie schnell die Daten tatsächlich bei uns Endkunden ankommen. Im mittleren bis unteren Bereich von 30 Mbit/s sind die ländlichen Gebiete in Deutschland mit nur 36,4% Verbreitung besonders stark abgehängt. Nach aktuellen Zahlen der Europäischen Kommission liegt der Breitbandausbau in Deutschland bei nur 81,4 %:


(Bildquelle: Innovationsindikator, Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung)

Digitales Arbeiten

Digitalisierung verändert auch das Arbeiten im Dienstleistungssektor. Auch der Arbeitsalltag vieler Menschen wird zunehmend digitaler. Das heißt, immer mehr Arbeitsabläufe laufen im Internet ab. Das führt zu einem tiefgreifenden strukturellen Wandel. Noch sind es vor allem Jobs aus der Digitalbranche, die ihren Mitarbeitern solche Modelle anbieten. Aber es ist abzusehen, dass künftig sehr viel mehr Arbeitgeber auf digitale Beschäftigungsmodelle zurückgreifen werden.

Digitales Arbeiten ermöglicht:
• Orts- und zeitunabhängiges Arbeiten
• Flexibles Arbeiten
• Dezentrales Arbeiten und der Wegfall von Präsenzzeiten im Büro
• Outsourcing von Spezialaufgaben

Arbeiten im Park oder vom Café aus? Klingt auf den ersten Blick interessant. Die Nachteile einer solchen Entwicklung sind ein starker Druck zur ständigen digitalen Erreichbarkeit, neue Hürden in der Kommunikation durch Zerstreuung von Teams.

Laut Digital-Index 2017/2018 der Initiative D21 nutzen derzeit trotz zunehmender Verbreitung von digitalen, tragbaren Arbeitsmitteln nur etwa ein Sechstel aller Arbeitnehmer in Deutschland die Möglichkeit unterwegs oder flexibel von zu Hause aus zu arbeiten. Über die Hälfte der Befragten (56%) gaben an, dass Homeoffice in ihrem Beruf nicht möglich sei, 26% geben fehlende Möglichkeiten im Unternehmen als Gründe an. Rund die Hälfte der Berufstätigen bekommt einen Laptop vom Arbeitgeber zur Verfügung gestellt.



Internetnutzung der Bundesbürger

Der Anteil der Internetnutzer hat sich in Deutschland von 6,5% im Jahr 1997 auf 62,7% im Jahr 2007, bis auf 89,3% im Jahr 2017 vergrößert. Innerhalb von 20 Jahren ist damit fast jeder Bundesbürger online gegangen. Die noch verbliebende Lücke wird sich mit großer Wahrscheinlichkeit in den nächsten zehn Jahren auch noch schließen.





Das Internet hat im Vergleich zu anderen das Fernsehen mittlerweile beinahe eingeholt:





Die durchschnittliche tägliche Nutzungsdauer des Internets in Deutschland betrug im Jahr 2017 149 Minuten. Dieser Wert hat sich in den letzten zehn Jahren beinahe verdreifacht.




Im Durchschnitt werden in Deutschland pro Person mehr als zwei internetfähige Endgeräte genutzt. Mit 70% Verbreitung ist das Smartphone dabei das bevorzugte Gerät der Deutschen um das Internet nutzen, gefolgt vom Notebook (62%), Desktop-PC (47%) und Tablet (36%).

Die Deutschen nutzen das Internet am häufigsten um:

• In Suchmaschinen nach Informationen zu suchen (74%)
• Online-Videos anzusehen (45%)
• Zu navigieren (38%)
• Instant-Messaging-Dienste zu nutzen (37%)
• Einzukaufen (36%)
• Zu bezahlen (30%)
• Computerspiele zu spielen (27%)
• Dienstleistungen zu beziehen (Reisen, Liefersevice etc.) (22%)

90% der Bundesbürger nutzen soziale Medien. In der Altersgruppe 14-19 Jahre sind es sogar 100%.





Kompetenzen

Wie die stark verbreitete Nutzung des Internets in Deutschland vermuten lässt, kommt die Europäische Kommission zum Ergebnis, dass die deutsche Bevölkerung vergleichsweise hohe digitale Kompetenzen besitzt. Aber auch hier kommt negativ zum Tragen, dass viele Schulen noch keinen Breitbandanschluss besitzen. Die Vertrautheit mit digitalen Fachbegriffen wie Cookies, Cloud, KI, Algorithmus, VR, Big Data oder E-Health steigt mit zunehmender Bildung, höherem Einkommen und dem jüngeren Alter, ist aber allgemein als gering zu bewerten. Dies erschwert für viele eine Teilnahme am öffentlichen Diskurs zum Thema Digitalisierung, denn die Fachbegriffe werden von Medien und Politik selbstverständlich verwendet, aber nur selten genauer erklärt. Generell lässt sich aber sagen, dass die Internetkompetenzen stetig ansteigen. Über 70% der Deutschen trauen sich Internetrecherchen zu, 56% führen Online-Banküberweisungen durch und 45% verbreiten Inhalte auf sozialen Netzwerken. Lediglich in der Generation 50+ zeigt sich, dass beinahe alle Fähigkeiten ab diesem Alter deutlich abnehmen.
Gleichzeitig sind die Deutschen besonders vorsichtig im Netz. Auffällig ist, dass fast zwei Drittel der Deutschen sehr sparsam mit ihren persönlichen Daten umgehen. Genauso viele wissen, dass Internet-Dienste und Apps persönliche Daten an Firmen weitergeben. Gleichzeitig wechseln aber nu 31% regelmäßig ihre Passwörter.

Verbreitung digitaler öffentlicher Dienste

Der im Bereich Digitalisierung am schwächsten abschneidende Bereich in Deutschland ist die öffentliche Verwaltung. Die Europäische Kommission kam zum Ergebnis, dass es hier seit 2015 so gut wie keine Fortschritte gab. Deutschland gehört demnach zu den Ländern, wo es am wenigsten Online-Interaktion zwischen Behörden und Bürgern gibt. Lediglich 19% der Bundesbürger macht regelmäßig Gebrauch von digitalen Verwaltungsdienstleistungen. Ein Hemmnis im Aufbau einer kohärenten und flächendeckenden digitalen Verwaltung sei dabei die föderale Struktur der Bundesrepublik. Hier existieren auf Länderebene unterschiedliche Systeme, die untereinander nicht kompatibel sind. Außerdem herrscht zum Teil große Ahnungslosigkeit der Bürger, was es denn überhaupt für elektronische Verwaltungsdienste gibt.

13 Meinungen 2 Kommentare

Gast positioniert sich zur These Deutschland ist ein digitales Entwicklungsland. neutral

Dies kann ich schlecht beurteilen, da ich dies zu wenig nutze. Für meine Aktivitäten finde ich es ausreichend.

weiterlesen
24.06.2018

Gast stimmt der These Deutschland ist ein digitales Entwicklungsland. zu

politische und mediale Bildng sind in Sachsen NICHT vorhanden

weiterlesen
20.06.2018

ocir stimmt der These Deutschland ist ein digitales Entwicklungsland. zu

Definitiv. Schaut man sich die Anzahl freier Netzwerke (WLAN-Netzwerke), den schlechten Ausbau von großflächig schnellem Internet oder der Ausstattung von öffentlichen Behörden und v.a.

weiterlesen
19.06.2018

Gast stimmt der These Deutschland ist ein digitales Entwicklungsland. zu

Schlechte Netzabdeckung, fehlende "Free"-WLAN Netze, langsames Internet, dürftige Möglichkeiten "mit Karte" zahlen zu können oder "unmögliche" Fahrkartenautomaten bei der DB- das alles zeigt, in Deutschland will man durch

weiterlesen
17.06.2018

Gast positioniert sich zur These Deutschland ist ein digitales Entwicklungsland. neutral

In meinem Beruf merke ich nichts von einem gewissen digitalen Rückstand. In unserem Büro läuft das Internet genauso schnell wie im englischen oder französischen Büro.

weiterlesen
13.06.2018

Gast stimmt der These Deutschland ist ein digitales Entwicklungsland. nicht zu

Es gibt weitaus schlimmere Länder.

weiterlesen
12.06.2018

Gast stimmt der These Deutschland ist ein digitales Entwicklungsland. zu

ich sag nur: einmal mit dem zug durch brandenburg fahren und telefonieren oder im internet surfen wollen.

weiterlesen
07.06.2018

Gast stimmt der These Deutschland ist ein digitales Entwicklungsland. zu

Einmal die Großstadt verlassen und aufs Smartphone schauen reicht für die Beurteileung schon aus. Kostenlose WiFi Hotspots sucht man immer noch vor allem in McDonalds und Subway in Deutschland.

weiterlesen
06.06.2018 1 Kommentar

Gast stimmt der These Deutschland ist ein digitales Entwicklungsland. zu

Das sehe ich auch so und einer der Gründe scheint mir dabei zu sein, dass die Deutschen allen technischen Entwicklungen erst mal vorsichtig, abwartend und skeptisch gegenüber stehen.

weiterlesen
06.06.2018

Gast stimmt der These Deutschland ist ein digitales Entwicklungsland. zu

Auch wenn jetzt endlich das Thema in der Politik angekommen ist, so geht es doch trotzdem nur um Glasfaserausbau. Die DSGVO wollte Deutschland verhindern. Das sagt vieles.

weiterlesen
02.06.2018

Gast stimmt der These Deutschland ist ein digitales Entwicklungsland. nicht zu

Kommt darauf an, was man mit "digitalem Entwicklungsland" meint. Wenn Internetzugang flächendeckend und schnell gemeint ist, dann trifft es zu. Wenn allgemeine Medienkompetenz gemeint ist, trifft es grossteils auch zu.

weiterlesen
01.06.2018

Gast stimmt der These Deutschland ist ein digitales Entwicklungsland. nicht zu

Wir sind wirtschaftlich zu gut, als dass es so sein könnte. Welche Produktion, z.B. im Maschinenbau, ist nicht auf hohem Niveau digitalisiert?

weiterlesen
30.05.2018 1 Kommentar

Seiten