Die Sachsen sprechen offen aus, was viele in Deutschland nur denken.

Wenn man sich der These „Die Sachsen sprechen offen aus, was viele in Deutschland nur denken“ nähert, fragt man sich doch unweigerlich:

 

  1. Sind die Sachsen mutiger als andere? Besitzen Sie also mehr (Zivil-)Courage als Nicht-Sachsen?
  2. Ist der Leidensdruck, gleich welcher Art, einfach höher als anderswo?
  3. Ist man von der Natur her aufmüpfig, hat man also das Bedürfnis, auch mal dagegen zu sein?
  4. Oder: Ist man schlicht fortschrittlicher, in diesem Sinne weiser, als andere?

Dabei kann stets nur die Bekundung legitimer Interessen und Meinungsäußerungen im Fokus stehen. Legitim heißt, dass jene auf dem Boden des Grundgesetzes fußt, also nicht dem demokratisch-verfassten System zuwiderläuft.
 

Ein Blick in die Geschichte – aufmüpfig aus Tradition?

Das Kurfürstentum Sachsen (ab 1547) war unabhängig, dabei aber seit jeher in Konflikte innerhalb und außerhalb des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation eingebunden. Dabei war es Preußen, das in der Regel die Oberhand behielt, so zum Beispiel im Siebenjährigen Krieg von 1756 bis 1763. Nachdem man 1806 dem Rheinbund beigetreten und damit einhergehend zum Königreich Sachsen „aufgestiegen“ war, hatte die Niederlage Napoleons 1815, mit dem Sachsen verbündet war, auch für Sachsen schwerwiegende Konsequenzen. Nach den Beschlüssen des Wiener Kongresses verlor Sachsen drei Fünftel seines Territoriums und zwei Millionen seiner Einwohner. Man musste sodann immer auch nach Berlin blicken und die Hegemonie Preußens, ab 1871 im Deutschen Kaiserreich, anerkennen. Zwar hatte der preußisch-sächsische Dualismus nie die Bedeutung des deutsch-deutschen zwischen Österreich und Preußen, dennoch kann hieraus ein (Phantom-)Schmerz, nicht mehr angemessen wahrgenommen zu werden, durchaus abgeleitet werden. In der „Sachsenrache“, Autor unbekannt, heißt es: „An Arroganz und Größenwahn erkennst'e den Berliner, doch wenn de ihn in’n Hintern trittst, gleich macht er einen Diener. Er hat nischt auf der Plauze und bloß die große Schnauze.“

 

1989/90 – eine sächsische Revolution?

(Ost-)Berlin bestimmte auch ab 1945 die Politik und das Leben in Sachsen, das als politische Einheit durch Beschluss des Politbüros aus dem April 1952 aufgelöst worden war. An die Stelle der Länder traten Bezirke. Die DDR war damit ein zentralistischer Staat und nur auf dem Papier demokratisch. Im Verlauf der 1980er Jahre wuchs vielerorts der Frust und die Abneigung gegen das Regime, besonders die Kirchen boten dabei Räume, in denen sich Oppositionelle formieren konnten. Karlheinz Blaschke schreibt hierzu pointiert: „Es wäre vergebliches Bemühen, alle diejenigen Argumente zusammenklauben zu wollen, aus denen sich ein original sächsischer Charakter der Revolution zwingend ableiten und sich die Behauptung aufstellen ließe, dass diese Revolution eben nur in Sachsen wie ein Hefeteig aufgehen konnte.“

Dennoch waren es die Demonstrationen in Plauen, Leipzig und Dresden, die den Weg ebneten. Über die Vorbildwirkung Sachsens sagten im Januar 1990 zwei Teilnehmer an Demonstrationen in Rostock Folgendes aus: „Als wir am 26. Oktober zum Friedensgebet gingen, war uns allen klar, dass es danach wieder eine Demo geben würde. Da war etwas ganz Wichtiges geschehen. Es hatte sich Verantwortung herausgebildet und ein Weg gezeigt, wie sie wahrgenommen wird. Von den Leipzigern und Dresdenern wussten wir, wie gefährlich die ganze Situation ist. Wir hatten aber von den Sachsen auch gelernt, dass Demos gewaltfrei ablaufen können. In Rostock hatten wir allerdings das Gefühl, in der Entwicklung zwei bis drei Wochen hinterherzuhinken. Das hat ja auch in der DDR zu einer Nord-Süd-Spannung geführt. – An einen Eisenbahnwagen, der aus dem Süden kam, hatten Sachsen geschrieben: Mecklenburger, wacht auf! – Diesen Erwartungsdruck haben wir alle gespürt und uns gefragt: Was ist denn nun eigentlich hier los, warum geht es hier nicht los? Rostock ist immerhin eine Universitätsstadt. Die Trägheit empfanden wir als Schlappe denen im Süden gegenüber. Als dann die Demos losgingen, war das wie eine Befreiung für uns“ (Blaschke 2001).
 

Das Erbe der Montagsdemonstrationen

Die Demonstration als legitimes Mittel der Meinungsbekundung bzw. gar zum Protest gegen ein diktatorisches System ist den Sachsen also aus der Geschichte bekannt. In den letzten annähernd drei Jahrzehnten wurde überdies oft versucht, eine Verbindung zwischen 1989 und dem aktuell bekundeten Unmut herzustellen. Im Jahr 2004 fanden beispielsweise bundesweit Montagsdemonstrationen gegen den Sozialabbau statt. Auch die fremdenfeindliche PEGIDA-Bewegung, die seit Ende 2014 allwöchentlich durch Dresden marschiert, beruft sich mit ihrem Ruf "Wir sind das Volk!" auf die Tradition von 1989. Freilich gilt es zu differenzieren: Im Jahr 1989 wussten die Teilnehmer an den Demonstrationen nicht, ob nicht doch Verhaftung oder eine Niederschlagung durch Waffengewalt drohte. Sie haben mithin gegen das System als solches demonstriert. Ob in einer Demokratie allerdings die Demonstration die ausschließlich richtige Wahl als Mittel der Interessenbekundung ist, sei dahingestellt. In jedem Fall hat sie sich, beginnend mit dem Ende der 1950er Jahre in Westdeutschland, als ein mögliches (unkonventionelles) Beteiligungsformat etabliert. Nach Ulrich Eith, Politologe an der Universität Freburg, werde die freie Meinungsäußerung in Anspruch genommen, gleichzeitig herrsche jedoch ein völliger Mangel an Respekt vor anderen Meinungen und "schließlich denken manche, wenn sie etwas wollen, dann hat das auch so zu passieren" (SZ Online 2018). Unter Umständen ist die Teilnahme an einer Demonstration daher schlichtweg Ausdruck einer nicht vollständig ausgeprägten Zivilgesellschaft. Ausdruck solcher ist ein hoher Beteiligungsgrad der Bevölkerung durch Mitgliedschaften in Gewerkschaften, Parteien, Bürgerinitiativen und Vereinen. Jener ist in Ostdeutschland in der Regel signifikant geringer als in den Ländern der alten Bundesrepublik. In einer Zivilgesellschaft lassen sich kontroverse Problemstellungen ansprechen und im besten Falle durch Kompromiss zwischen den Akteuren lösen. Aufmüpfig zu sein, kann also folgendes meinen: einesteils, dass es nun tatsächlich genug ist, und man entsprechend gegen „Missstände“ auf die Straße geht, anderenteils, dass man sich sonst keiner anderen Mittel der hinreichend wirksamen politischen Partizipation bewusst ist.
 

Ist Sachsen anders?

Neben dieser Unsicherheit, welches Mittel zur Interessenbekundung das Geeignetste ist, treten im Sinne der Aufmüpfigkeit weitere Faktoren hinzu. Man stelle sich vor, man gehe aus Überzeugung zu einer Demonstration, sodann wird dies von vielen (außerhalb Sachsens) als illegitim betrachtet, und dies entsprechend auch bekundet. Dann ist es unter Umständen doch nachvollziehbar, sich und anderen zu sagen, jetzt erst recht: eine Wagenburgmentalität kann entstehen. Diese passt dann hervorragend zur möglicherweise schon bestehenden latenten sächsischen Aufmüpfigkeit, also dem Anders- bzw. Dagegen-sein. Hinzu tritt, nach der Verneinung des Sächsischen zwischen 1952 und 1989 der Wunsch, geradezu auch die Notwendigkeit, „das Sächsische“ neu zu deuten und damit im kollektiven Gedächtnis zu verankern – im Sinne von Heimat oder des Anderssein. So grenzt man sich sodann nach außen hin ab und schafft im Innern einen Gemeinsinn.

Die gemeinschaftliche DDR-Erfahrung kann zudem zu Recht die Folgende sein: kritisch zu sein, Entscheidungen und Entwicklungen, das Auseinandergehen von Wort und Tat zu hinterfragen. Der bundesrepublikanische Staat ist auf dem Gebiet der ehemaligen DDR möglicherweise noch in einer „Probezeit“. David Easton, ein nordamerikanischer Politikwissenschaftler, unterscheidet in Hinblick auf die Systemunterstützung der Bevölkerung zwei Arten: die diffuse und die spezifische Unterstützung. Die spezifische muss hierbei immer wieder neu errungen werden. D.h., jede Entscheidung und jedes Handeln der politischen Verantwortungsträger steht immer unter dem Vorbehalt, von der Bevölkerung akzeptiert werden zu müssen. Nur dann wird das politische System als solches anerkannt. Diffuse Unterstützung heißt, dass bereits ein belastbares Grundvertrauen gegenüber den politisch-aktiven Akteuren und den Institutionen existiert, losgelöst vom Einzelfall. Diese diffuse Unterstützung ist dabei historisch über einen längeren Zeitraum gewachsen. Unterstellt man für dies für die alte Bundesrepublik, so ist das Vertrauen in Ostdeutschland wohl immer noch an die im Einzelfall spezifisch zu erlangende Unterstützung gebunden. Als Indiz hierfür kann man die in Ostdeutschland mehr als in Westdeutschland schwankende Zufriedenheit mit der Demokratie, wie sie in Deutschland funktioniert, betrachten.


Gar nicht so anders – Umfrageergebnisse

Nimmt man für die Sachsen in Anspruch, dass sie seit jeher das aussprechen, was andere nur denken, sollte die angesprochene Beteiligung an Demonstrationen, als Möglichkeit dies öffentlich zu bekunden, zu sagen, was einem nicht passt, im Schnitt höher sein als anderswo. Man müsste es an den Zahlen ablesen können. Vergleicht man zunächst Ost- und Westdeutschland, kann man für die Jahre 1998, 2002 und 2008 keine signifikanten Unterschiede erkennen. Für das Jahr 2014 sind jene freilich sichtbar: so haben sich 40 Prozent der Ostdeutschen an Demonstrationen beteiligt, Westdeutsche hingegen nur zu 29 Prozent. Vergleicht man in einem zweiten Schritt überdies Sachsen mit Thüringern anhand des Sachsen- bzw. Thüringen-Monitors, kann man feststellen, dass sich 2017 eine ähnlich hohe Zahl an Personen an Demonstrationen beteiligt hat: in Thüringen waren dies 27, in Sachsen 26. Fragt man danach, ob man sich vorstellen könne, an einer Demonstration teilzunehmen, bejahen dies weitere 43 Prozent der Thüringer, im Fall der Sachsen sind dies 27 Prozent. Eine Besonderheit der Sachsen ist anhand dieser Zahlen nicht nachweisbar. Auch weitere Indikatoren, wie die Beteiligung an Unterschriftensammlungen, in einer Partei mitzuarbeiten oder sich direkt an Politiker zu wenden, lassen keinen Schluss zu, dass die Sachsen mehr Initiative zeigen als andere.

Im Gegenteil, die Sachsen engagieren sich im Bundesschnitt am wenigsten ehrenamtlich. Laut Umfrage aus dem Jahr 2017 haben lediglich ein Prozent der Sachsen eine ehrenamtliche Tätigkeit ausgeführt oder begonnen. Damit bilden die Sachsen das Schlusslicht in dieser Hinsicht (Statista 2018).

 

Literatur

Blaschke, Karlheinz, 2001: Die „sächsische“ Revolution von 1989 - ein städtisches Ereignis, in: Staat und Revolution Hg. von Kirchgäßner und H.-P. Becht, URL: www.infoseiten.slpb.de/geschichte/sachsen/ueberblick/1989-90/, zuletzt besucht am 27.08.2018.

Dimap, 2017: Sachsen-Monitor 2017, URL www.staatsregierung.sachsen.de/sachsen-monitor-2017-4556.html, zuletzt besucht am 27.08.2018.

Friedrich-Schiller-Universität Jena, 2017: Politische Kultur im Freistaat Thüringen, Thüringen-Monitor 2017, URL https://www.soziologie.uni-jena.de/thueringen_monitor.html, zuletzt besucht am 27.08.2018.

Kroll, Frank-Lothar, 2014: Geschichte Sachsens.

Lions-Hilfswerk Plauen e.V.: Das Wende-Denkmal in Plauen, URL www.wendedenkmal.de/, zuletzt besucht am 27.08.2018.

Sächsische Heimatblätter, 2017: Ist Sachsen anders? Nachdenken über Heimat und Identität, Demokratie und Politik. (Über den Online-Shop der SLpB zu erhalten.)

Sächsische Zeitung, 2018: „Ein völliger Mangel an Respekt“, URL https://www.sz-online.de/nachrichten/ein-voelliger-mangel-an-respekt-4005144.html, zuletzt besucht am 03.09.2018.

Statista, 2018: Dossier Soziales Engagement.

Statistisches Bundesamt, 2016: Datenreport 2016, URL www.destatis.de/DE/Publikationen/Datenreport/Downloads/Datenreport2016.pdf?__blob=publicationFile, zuletzt besucht am 27.08.2018.

147 Meinungen 82 Kommentare

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Gast stimmt der These Die Sachsen sprechen offen aus, was viele in Deutschland nur denken. nicht zu

In Sachsen gibt es bedenklich starke und gut vernetzte Nazi-Strukturen. Das wird in Sachsen schon viel zu sehr und viel zu lange geleugnet, heruntergespielt und verharmlost. Maßgeblich daran beteiligt ist die CDU-Regierung seit der Wende.

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21.09.2018

Gast stimmt der These Die Sachsen sprechen offen aus, was viele in Deutschland nur denken. zu

Ich denke das gerade die flüchlingsthematik vielen auf den Magen stößt und viele Konflikte mit sich bringt. Durch Sachsen kommt das ganze zwar auf den Tisch. Ändern wird sich aber so wie es scheint nicht viel.

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20.09.2018

Gast stimmt der These Die Sachsen sprechen offen aus, was viele in Deutschland nur denken. zu

Ich glaube nicht, dass der Rest Deutschlands mit der derzeitigen Politik zufrieden ist

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20.09.2018

Gast positioniert sich zur These Die Sachsen sprechen offen aus, was viele in Deutschland nur denken. neutral

Ich weiß nicht was andere Bundesländer offen aussprechen. Vielleicht mehr Solidarität allen Volksgruppen gegenüber.

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20.09.2018

Gast stimmt der These Die Sachsen sprechen offen aus, was viele in Deutschland nur denken. zu

Das ist so

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20.09.2018

Gast stimmt der These Die Sachsen sprechen offen aus, was viele in Deutschland nur denken. nicht zu

Nur weil einige Sachsen unzufrieden sind, denken 1. nicht alle Sachsen so und 2. auch nicht alle anderen

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19.09.2018

Gast stimmt der These Die Sachsen sprechen offen aus, was viele in Deutschland nur denken. nicht zu

Ein Großteil der "besorgten" Demonstranten wird aus ganz Deutschland nach Sachsen gefahren. Es spricht demnach nicht "Sachsen" sondern eine andere Gruppierung.

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19.09.2018

Gast stimmt der These Die Sachsen sprechen offen aus, was viele in Deutschland nur denken. nicht zu

Vieles wird von irrationalen Ängsten geschürt

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19.09.2018

Gast stimmt der These Die Sachsen sprechen offen aus, was viele in Deutschland nur denken. zu

Weil es so ist

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19.09.2018 1 Kommentar

Gast stimmt der These Die Sachsen sprechen offen aus, was viele in Deutschland nur denken. nicht zu

Warum sollten andere Menschen dies nicht tun?

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19.09.2018

Gast stimmt der These Die Sachsen sprechen offen aus, was viele in Deutschland nur denken. nicht zu

Dies denken sicherlich nicht wenige, doch dies ist m. E. deren Selbstüberschätzung zuzuordnen.

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19.09.2018

Gast stimmt der These Die Sachsen sprechen offen aus, was viele in Deutschland nur denken. zu

Da sie eh der Buhmann der Nation sind sprechen Sie das aus, was sie denken; andere haben vor der öffentlichen Stigmatisierung Angst

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19.09.2018

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