Die Wiedervereinigung ist kein Thema mehr

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Hintergrundinformationen zur These „Die Wiedervereinigung ist kein Thema mehr.“

Am 3. Oktober 1990 wuchs mit dem Einigungsvertrag das zusammen, was zusammengehörte. Mit diesem historischen Schritt überwand man die Teilung Deutschlands – nach 45 Jahren. Seitdem ist eine ganze Generation aufgewachsen, die weder eine Erinnerung an ein geteiltes Land hat, noch in der bipolaren Welt, die die vergangenen Jahrzehnte kennzeichnete. Doch gerade im Umgang mit der Vergangenheit zeichnen sich Unterschiede ab. Zwischen Ost-West, zwischen Alt und Jung. Während für die Einen die Wiedervereinigung noch lange nicht abgeschlossen ist, spielt sie für Andere keine Rolle mehr.

 

Die Jugend „von heute“ und die Deutsche Wiedervereinigung

Wenn man Gesprächen über die „Jugend von heute“ vernimmt, hört man schnell, dass es offenbar Probleme gibt. Zu eigensinnig, zu wenig am Gemeinwohl interessiert und definitiv von neuen Medien seien sie abhängig. Doch wie sieht es mit dem Interesse zum Thema Wiedervereinigung aus? Heutige 16- bis 29-Jährige wurden in eine Zeit des Aufbruchs geboren. Die meisten konnten immer sagen, was sie sagen wollten. Sie konnten kaufen, was sie brauchten, und waren frei genug, alle Länder zu bereisen, die sie interessieren. Erzogen aber wurden sie von Eltern, die stark von der deutschen Teilung geprägt waren.

„Noch nie hatten Jugendliche so viele Möglichkeiten, umgekehrt wurde noch nie so viel von ihnen erwartet“, sagt Jugendforscher Philipp Ikrath über die 1989-Geborenen (vgl. Die Presse, 2009). Auch Katrin Triebswetter vom Wiener Institut für Jugendforschung betont, dass die Vielzahl der Möglichkeiten und die unsichere Zukunft den jungen Menschen oft Angst mache (vgl. Die Presse, 2009).“ Doch wie hat die Deutsche Wiedervereinigung diese Gruppe geprägt? Wie geht sie mit ihr um?

Deutlich ist, dass je jünger die Menschen sind, desto positiver denken Sie über die Wiedervereinigung. 90 Prozent von 800 Teilnehmerinnen und Teilnehmern einer Umfrage zum Stand der Deutsche Einheit beantworteten die Frage „Findest Du gut, dass Deutschland wiedervereinigt wurde?“ positiv. Bemerkenswert ist, dass Jugendliche von heute Klischees und Vorurteile von „Ossis“ und „Wessis“ weitgehend überwunden haben. Für immerhin 63 Prozent der Befragten, spielt es zudem keine Rolle, ob sie ihr Studium oder ihre Ausbildung im Westen oder Osten Deutschlands absolvieren. Eine ebenso hohe Anzahl der Befragten trennt nicht zwischen Ost und West, sondern verstärkt nach Bundesländern und Sprachgebrauch.

Iris Gleicke, seit 2014 Beauftrage der Bundesregierung für die neuen Länder, konstatierte: „Bei den jungen Leuten spielt das Thema Ost-West gar keine Rolle mehr.“ und „Die Bevölkerung wächst zusammen.“. Keine andere Altersgruppe in Deutschland sieht die Wiedervereinigung so positiv, wie diese. Und für keine zweite Altersgruppe drängen scheinbar wichtigere Themen in den Fokus für die nahe Zukunft.

 

Die Deutsche Einheit in Zeiten der Globalisierung

Das Jahr 1989 gilt als das Jahr der Zäsur und Veränderungen: Der Zusammenbruch des Ostblocks und das Ende des Kalten Krieges haben in ganz Europa Transformationsprozesse in Gang gesetzt, die bis heute anhalten. Nach der bipolaren Ausrichtung geostrategischer Wirtschafts- und Sicherheitspolitik der vergangenen Jahrzehnte, ist die Gegenwart von Globalisierung und einer Öffnung weiterer Wirtschaftsräume für den globalen Freihandel geprägt. Schaut man sich die Worte „Globalisierung“ auf der einen Seite und „Deutsche Einheit“ auf der anderen Seite an, kann man mit einer Internetrecherche deutliche Unterschiede in der Häufigkeit des Aufkommens in deutschsprachiger Literatur finden. Der Begriff der Deutschen Einheit hatte drei markante Hochphasen (1940; 1960 und in den 80iger Jahren) in der Deutschen Literatur. Mittlerweile jedoch fällt die Häufigkeit seit Mitte der 90iger in der Literatur rapide ab.

Im Gegensatz dazu kam das Wort Globalisierung bis Mitte der Neunziger kaum, bis gar nicht in deutschsprachiger Literatur vor. Jedoch wächst die Häufigkeit ihrer Verwendung rapide in die Höhe und überflügelt die „Deutsche Einheit“ bei ihrer Verwendung seit Jahren deutlich. Offenbar scheint daher das Thema Deutsche Einheit für viele Personen abgeschlossen und das Thema Globalisierung für viele Menschen von Interesse zu sein.

Wenn man von Globalisierung spricht, gehen viele Menschen fälschlicherweise von einem homogenen Prozess aus. Der Prozess der Globalisierung vollzieht sich jedoch auf verschiedenen Ebenen und bringt grundsätzlich Entwicklungen mit sich, die, die Deutsche Einheit obsolet erscheinen lassen.

  • Politische Veränderungen: Staatsgrenzen verlieren zusehends an Bedeutung. Wirtschaftlicher Güter-, wie Personenverkehr verläuft oftmals nahezu grenzenlos. Ebenso ist die Arbeitsmigration vielerorts deutlich einfacher geworden. Die Bewegungsfreiheit ist seit dem Ende des Kalten Krieges beträchtlich gewachsen und führt zu einer Auflösung innerer, wie äußerer Grenzen.
  • Technik und Wirtschaft: Gravierende Fortschritte in der Verkehrs- und Kommunikationstechnik machen den Ort des Handel(n)s variabel und beschleunigen die Verbreitung von Produkten und Ideen. Der Fokus der wirtschaftlichen Entwicklung richtet sich auf internationale Maßstäbe und weniger auf innerdeutsche. Deregulierte Kapital- und Gütermärkte verstärken diese Entwicklung.
  • Gesellschaft: Traditionen und soziale Beziehungen verlieren zusehends an Bindungskraft. Soziale Netzwerke, das Internet und veränderte Kommunikationswege verändern die geografische, wie mentale Motivation der Menschen und fördern so grenzübergreifende Kontakte und Entwicklungen. Dadurch erodieren klassische nationale, wie regionale Abgrenzungsmuster.

 

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Weiterführende Links und Informationen

Deutschland 2014, 25 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit, Abschlussbericht, Zentrum für Sozialforschung Halle e.V. | Everhard Holtmann, Oscar W. Garbiel, Jürgen Maier, Michaela Maier, Tobias Jaeck, Melanie Leidecker | Februar 2015

"Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit 2016", Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi), Referat VII D1, September 2016

"Der lange Weg zur inneren Einheit. Ergebnisse der Sächsischen Längsschnittsstudie, Bundeszentrale für politische Bildung, Hendrik Berth, Peter Förster, Elmar Brähler, Markus Zenger, Anja Zimmermann, Yve
Stöbel-Richter, November 2014

"Deutsche Einheit: Bei den jungen Leuten spielt das Thema Ost-West gar keine Rolle mehr.", Bundesentrale für politische Bildung | Sinah Grotefels, Merle Tilk, Oktober 2015

Die Kanzlerin direkt, Ein Gespräch über die Deutsche Einheit, 2013

 

 

 

35 Meinungen 22 Kommentare

Gast stimmt der These Die Wiedervereinigung ist kein Thema mehr nicht zu

Da sieht man (leider) mal wieder hier die schlechten Hintergrundinfos.

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20.10.2016

Gast stimmt der These Die Wiedervereinigung ist kein Thema mehr zu

Wir Älteren haben unsere Erinnerung und Sozialisation. Für die Jungen ist das Leben in einem Staat ganz natürlich.

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18.10.2016

Gast positioniert sich zur These Die Wiedervereinigung ist kein Thema mehr neutral

Die Frage der unterschiedlichen Bezahlung bei gleicher Leistung ist nicht in Ordnung,aber das trifft ja auch auf die Ungleichbehandlung zwischen Männern und Frauen zu.

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18.10.2016

Gast stimmt der These Die Wiedervereinigung ist kein Thema mehr nicht zu

Es gibt immernoch zu viele Vorurteile zwischen "Wessis" und "Ossis".

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13.10.2016

serraka stimmt der These Die Wiedervereinigung ist kein Thema mehr nicht zu

Über die politische und wirtschaftliche Ungleichheit wird ja immer wieder diskutiert. Aber was ist mit den Menschen passiert, deren Freundschaften sich abgekühlt haben.

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12.10.2016

Gast stimmt der These Die Wiedervereinigung ist kein Thema mehr nicht zu

z. B. im Lohn- und Gehaltsgefälle, aber auch in den unterschiedlichen Kommunikationskulturen, die oft nicht als solche wahrgenommen werden.

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11.10.2016

Gast stimmt der These Die Wiedervereinigung ist kein Thema mehr nicht zu

Das habe ich auch gedacht - Seitdem ich aber wieder von Berlin nach Dresden zurückgezogen bin, muß ich feststellen, die Wiedervereinigung ist noch ein Thema - und leider ein sehr großes Thema!

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11.10.2016

Gast stimmt der These Die Wiedervereinigung ist kein Thema mehr nicht zu

Ich finde es traurig, als Menschenkind, das im Oktober 89 zwei Monate alt war, von manchen Leuten aus den alten Bundesländern als "rückständiger Ossi" bezeichnet zu werden.

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10.10.2016

Gast positioniert sich zur These Die Wiedervereinigung ist kein Thema mehr neutral

Im Großen und Ganzen ist es kein Thema mehr, lediglich an Jahrestagen (3. Oktober, 9. November) wird es "aufgewärmt". Die Demographie "erledigt" das Thema langsam aber sicher.

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09.10.2016 1 Kommentar

Gast stimmt der These Die Wiedervereinigung ist kein Thema mehr zu

Man muss auch Geschichte als solche akzeptieren, vor allem nach so langer Zeit.

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06.10.2016 1 Kommentar

Gast stimmt der These Die Wiedervereinigung ist kein Thema mehr nicht zu

Die DDR ist der BRD lediglich beigetreten. Wiedervereinigung wäre schon nochmal ein spannendes Thema. Was hat sich denn in den alten Bundesländern geändert?

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05.10.2016 1 Kommentar

Gast stimmt der These Die Wiedervereinigung ist kein Thema mehr nicht zu

Diese These wird schon allein durch die Feierlichkeiten zur Deutschen Einheit in Dresden widerlegt.

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04.10.2016

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