Durch KI entstehen mehr Arbeitsplätze, als verloren gehen.

Hintergrundinformationen zur These: „Mit künstlicher Intelligenz (KI) entstehen mehr Arbeitsplätze als verloren gehen“

Spätestens seit der ersten industriellen Revolution wird die Frage diskutiert, ob der technische Fortschritt zu mehr Arbeitslosigkeit führt oder die wegfallenden Arbeitsplätze durch neue ersetzt werden („Kompensationsthese“) und künftig gar zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden können. Der grundlegende Ausgangspunkt liegt demnach in der Frage: „Wird die Freisetzung von Arbeitskräften“ (vgl. Weizsäcker) mit der zunehmenden Anwendung von künstlicher Intelligenz zu kompensieren sein? Weitere Überlegungen, die daran anschließen sind die Fragen nach konkreten Maßnahmen, einer umfassenden Digitalisierung bedarfsgerecht begegnen zu können.

Digitalisierung und KI, wo stehen wir?

Die Digitalisierung ist zunächst eine sehr junge Entwicklung, jedoch mit einer enormen „Durchschlagskraft“ (vgl. Arnold, 2018) und einer hohen potenziellen Beschleunigung in der zukünftigen Entwicklung. Beispielsweise existiert das sogenannte Web 2.0 erst seit den 2000´er Jahren, indem Webseiten nicht nur passiv „konsumiert“, sondern auch aktiv verändert werden können. Auch Smartphones, Smart-TV, E-Mails, Software, Apps und eine umfassenden Kommunikation über verschiedenste Social-Media-Kanäle, sind nicht mehr wegzudenken. Diese erste Stufe der Digitalisierung ist bereits global etabliert, die zweite Stufe entwickelt sich gegenwärtig. Dabei folgen auf digitale Geräte, selbstlernende digitale Geräte, auf Automatisierung (bspw. industriell eingesetzte Robotik) folgt die Digitalisierung der Automatisierung. Ansätzen wie dem „Internet der Dinge“ (IoT) als „ein System intelligenter, über ein Kommunikationsmedium verbundener Produkte“ (vgl. Lackes 2018) wie das „Smart Home“, „Smart Cities“, „E-Health“ oder autonomes Fahren (ebd.), sind hierfür bekannte Beispiele. Dabei investieren vor allem China und die USA in digitale Forschung (vgl. Digital-Magazin 2020). Insgesamt steckt die Entwicklung von KI also noch am Anfang aber die jüngsten technologischen Entwicklungen, die Zukunftsutopien und Investitionen führender Konzerne, zeigen eine rasante Entwicklung auf der zweiten Stufe an, sodass sich Fragen nach der zukünftigen Entwicklung von Arbeitsplätzen und sozialen Sicherungsmodellen anschließen (müssen).

Wie wird die Arbeitsplatzentwicklung diagnostiziert?

Die Fragen richten sich einerseits nach den Branchen in denen Arbeitsplätze aufgrund fortschreitender digitalisierter Automatisierung und KI-Entwicklung obsolet werden können. Gleichzeitig wird nach dem möglichen Umfang eines potenziellen Wegfalls gefragt werden müssen. Nach der Oxford-Studie von Osborne und Frey aus dem Jahre 2013, könnten für die USA ca. 47 Prozent der Berufe aus unterschiedlichen Branchen – „potenziell über eine unbestimmte Anzahl von Jahren, vielleicht ein Jahrzehnt oder zwei“ – automatisierbar sein. Das Risiko steigt nach den Forschern mit der niedrigeren Bezahlung in den jeweiligen Branchen an. Einige Beispiele für potenziell betroffene Berufe finden sich in den Branchen der Gastronomie, des (Lebensmittel)-Einzelhandels, des Hotelgewerbes, der Gesundheit, der Kundenbetreuung, des Versicherungs- und Bankengewerbes oder der Logistik und Buchhaltung (vgl. Osborne & Fry 2013). Die Studie sorgte für Aufsehen, so wurden im Anschluss Untersuchungen für Deutschland erstellt. „Demnach arbeiten derzeit 42% der Beschäftigten in Deutschland in Berufen mit einer hohen Automatisierungswahrscheinlichkeit“, jedoch erfordern die Ergebnisse laut Bonin „eine vorsichtige Interpretation“ die auf 3 Aspekte zurückgeführt werden kann:

  1. Rechtliche und ethische Hürden bleiben bei der Einführung neuer Technologien unberücksichtigt.
  2. Eine potenzielle Überschätzung des technischen Automatisierungspotentials wird angenommen, da die Ergebnisse auf spezifischen Experteneinschätzungen beruhen, welche laut Bonin zur Überschätzung neigen.
  3. Das technische Automatisierungspotential ist nicht mit möglichen Beschäftigungseffekten gleichzusetzen, da Maschinen Arbeitsplätze verändern können ohne sie zwangsläufig zu ersetzen (vgl. Bonin 2015).

Aber auch in der Studie von Bonin wird darauf hingewiesen, dass in der Tendenz „die in Folge der Automatisierung neu entstehenden Arbeitsplätze anspruchsvoller [sind] als Arbeitslätze, die wegrationalisiert werden. Mehr und bessere Qualifizierung ist daher eine gute Vorsorge“ (vgl. ebd.), beispielsweise anhand von Weiterbildungen und der Förderung des Lebens-Langen-Lernens. Ob diese Maßnahmen jedoch geeignet bzw. ausreichend sind, um der zukünftigen Entwicklung gerecht zu werden, bleibt weiterhin zu diskutieren.

Auch nach Siegfried Timpf, der mehrere Studien zum Thema analysiert hat, zeigt sich zunächst, dass eine Automatisierung bisheriger Berufe von zwischen 15 und 42 Prozent (je nach Studie) gesehen wird, wobei aber Automatisierung nicht gleich Wegfall bedeutet und die entstehenden neuen Arbeitspotenziale nicht unterschätzt werden sollten: „Insofern haben diejenigen, die zu verschiedenen Zeiten aus verschiedenen Blickwinkeln das Ende der Arbeit prognostizierten, zugleich Recht und nicht Recht. Sie haben insbesondere aktuell Recht, weil die digitale Transformation, insbesondere in ihrer zweiten Stufe der Koppelung `cyber-physischer Systeme`, erhebliche Veränderungen im Gesamtarbeitsgefüge bewirken kann. Dies eröffnet auch Chancen, das Gesamtarbeitsgefüge neu zu thematisieren, wenngleich die Erfahrungen der Vergangenheit hier zu einer skeptischen Haltung führen. So wie die Technologien immer wieder mit Bedeutungen aufgeladen werden, die eine Umwälzung aller gesellschaftlichen Verhältnisse erwarten lassen, so gab es auch immer wieder eine Überschätzung der Gestaltungsspielräume (Gender, Macht)“ (vgl. Timpf 2017).

Zu ähnlich verhaltenen Ergebnissen kommt eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), für die 1.200 Personalleiter und Geschäftsführer von deutschen Unternehmen befragt wurden. Dort stellen 2017 vor allem bereits stark digitalisierte Unternehmen bei denen das Internet der Hauptfaktor für die Geschäftstätigkeit ist, zusätzliche Mitarbeiter ein (62%). Im Vergleich dienten weniger digitalisierten Unternehmen, welche nur 44% zusätzliche Mitarbeiter im Zeitraum einstellten. Bis zu jetzigen Zeitpunkt ist ein Arbeitsplatzabbau nicht zu erkennen (vgl. Steinbach 2019). Aus den folgenden Aspekten ergeben sich jedoch einige Lücken hinsichtlich der Interpretation der zukünftigen Arbeitsplatzentwicklung. Einerseits wird die Lage bis 2017 erfasst, also der Anfangsphase der Digitalisierung. Bisher ist kein Wegfall zu erkennen aber Aussagen über zukünftige Entwicklungen sind unkonkret. Weiterhin wird aufgezeigt, „dass gerade hochqualifizierte Akademiker mehr und mehr in digitalisierten Unternehmen tätig sind“ (ebd.). Die Neueinstellungen beziehen sich also gerade nicht auf die Branchen, die von Arbeitsplatzwegfällen am stärksten betroffen sein könnten.

Insgesamt wird eine mehr oder minder starke Umgestaltung der Arbeitswelt stattfinden, da sind sich alle einig. Wie stark jedoch die wegfallenden Arbeitsplätze in den verschiedenen Branchen ins Gewicht fallen, wird davon abhängig sein, wie schnell die „nächste Stufe“ von KI und Digitalisierung erreicht wird und wie schnell auf der anderen Seite, politisch und wirtschaftlich, hierzu vorbeugende Maßnahmen ergriffen werden. Wird eine explosionsartige KI-Entwicklung auf einen Schlag große Teile der Arbeitsplätze kosten, hätte das schwerwiegende Folgen. Erfolgt eine kontinuierliche Entwicklung einer modernen Arbeitswelt, welche rechtlich eingehegt und politisch als auch wirtschaftlich so flankiert ist, dass bspw. qualifizierte Arbeitskräfte verfügbar sind, so können evtl. auch im Rückblick auf die kommenden Jahrzehnte, Aussagen getätigt werden wie bisher: „Im Endeffekt hat die gestiegene Arbeitsproduktivität bisher immer dazu geführt, dass die Produkte billiger und manchmal sogar besser wurden, dass die Arbeitszeit sank und die Löhne – zumindest moderat – stiegen sowie neue Arbeitsplätze an anderer Stelle entstanden“ (Popp & Reinhardt, 2019).

Quellen:

Anne Steinbach, 2019: Digitalisierung ist doch kein Jobkiller. https://www.springerprofessional.de/transformation/personalmanagement/wie-digitalisierung-doch-keine-arbeitsplaetze-zerstoert/16754578

Carl Christian von Weizsäcker, 1988: Kritische Anmerkungen zu den wissenschaftlichen Grundlagen der Memorandum-Gruppe. https://www.zeit.de/1988/07/gewinn-und-mikroelektronik--arbeitslosigkeit

Digital-Magazin, 2020: Digitale Forschung – China und die USA investieren mehr als Deutschland. https://digital-magazin.de/digitale-forschung-studie/

Frey, C. B./Osborne, M. A. (2013): The Future of Employment: How Susceptible are Jobs to Computerization?, Oxford Martin School (OMS) working paper, University of Oxford, Oxford. https://www.oxfordmartin.ox.ac.uk/downloads/academic/The_Future_of_Employment.pdf

Holger Bonin, 2015: Übertragung der Studie von Frey/Osborne (2013) auf Deutschland (Endbericht). https://www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/PDF-Publikationen/Forschungsberichte/fb-455.pdf

Norbert Arnold & Tobias Wangermann (Hrsg.), 2018: Digitalisierung und Künstliche Intelligenz: Orientierungspunkte. https://www.kas.de/documents/252038/4521287/Taschenbuch+Digitalisierung+und+K%C3%BCnstliche+Intelligenz.pdf/864e3c1d-1273-a2a4-18c4-c5699f19900a

Reinhold Popp & Ulrich Reinhardt, 2019: "Zukunftsvision Deutschland. Zwischen Zukunftsangst und Zuversicht. 40 Meinungsbilder der Deutschen zum Wandel der Arbeitswelt. https://www.springerprofessional.de/zwischen-zukunftsangst-und-zuversicht/16749964

Richard Lackes, 2018: Internet of Things, In Norbert Arnold & Tobias Wangermann (Hrsg.): Digitalisierung und Künstliche Intelligenz: Orientierungspunkte. https://www.kas.de/documents/252038/4521287/Taschenbuch+Digitalisierung+und+K%C3%BCnstliche+Intelligenz.pdf/864e3c1d-1273-a2a4-18c4-c5699f19900a

Siegfried Timpf, 2017: Beschäftigungswirkungen der Digitalisierung und kein Ende der Arbeit? https://www.boeckler.de/pdf/timpf_beschaeftigungswirkungen_4.pdf

Unionize 2019: Wo Jobs wegfallen könnten nach Osborne und Frey. https://www.unionize.de/++co++d7f8b1d2-8e86-11e9-89c0-52540088cada

15 Meinungen 6 Kommentare

Gast stimmt der These Durch KI entstehen mehr Arbeitsplätze, als verloren gehen. nicht zu

Spätestens, wenn KI von sich aus reproduktionsfähig wird, werden bestimmte Jobs unnötig. Das ist aber ein Problem der Digitalisierung allgemein - wir werden weniger Arbeitskräfte benötigen.

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30.11.2020

Gast stimmt der These Durch KI entstehen mehr Arbeitsplätze, als verloren gehen. nicht zu

Der Existenzgrund von KI ist doch gerade, "Kopfarbeit" maschinell erledigen zu lassen. Nachdem in der 2.

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27.11.2020

Gast stimmt der These Durch KI entstehen mehr Arbeitsplätze, als verloren gehen. zu

Auch andere Formen der Arbeitserleichterung (Dampfmaschine, Fließband, PCs) haben zunächst zwar bestimmte Arbeitsplätze entfallen lassen, aber am Ende führte das so erzeugte Wirtschaftswachstum doch zu mehr Wohlstand für alle.

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24.11.2020 3 Kommentare

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