Mir ist egal, was mit meinen Daten passiert, ich habe nichts zu verbergen.

Mir ist egal, was mit meinen Daten passiert, ich habe nichts zu verbergen.

Jeder, der sich im (mobilen) Internet aufhält, hinterlässt unweigerlich Spuren. Schon daraus leitet sich die Frage nach einem – geeigneten – Datenschutz ab. Das Bundesverfassungsgericht hat mit dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung zudem deutlich gemacht, dass grundsätzlich jeder selbst über die Preisgabe und Verwendung personenbezogener Daten entscheiden kann.

Exkurs: Informationelle Selbstbestimmung: http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/recht-a-z/22392/informationelle-se...

Schöne neue (digitale) Welt
Die Preisgabe vielfältiger persönlicher Informationen schafft vordergründig für den Einzelnen allerlei Vorteile: Unternehmen wie Google, Facebook oder Amazon erstellen von jedem Nutzer Profile, können uns somit besser einschätzen und zielgerichtet Produkte bewerben. Überdies ist es beispielsweise recht praktisch, wenn man schon im Vorfeld weiß, wie viele Menschen sich in der Einkaufsmeile, zu der man gerade möchte, aufhalten. Auch solche Daten werden durch Standortbestimmung des Mobiltelefons gesammelt und ausgewertet.
Im besten Falle erhalten wir dank unserer erklärten Vorlieben genau das, was wir suchen: die passende Urlaubsreise, die richtigen Konzertkarten oder die gesuchten Helferlein im Baumarkt um die Ecke. Unsere eigene Bequemlichkeit ist somit ein wichtiger Faktor, der die Hemmschwelle zur Preisgabe von Daten herabsetzt.
Unternehmen sammeln seit jeher Daten über ihre Kunden. Das ist ihr Geschäft. Würden sie es nicht tun, wären sie fahrlässig. Es geht schließlich um die Erzielung von Erlösen. Die im Zuge der Digitalisierung mögliche Big Data, die Sammlung und die damit einhergehend die Preisgabe von Daten, bietet sogleich enormes Potenzial für Wissenschaft und Wirtschaft – Potenziale, die freilich bisher, zumindest durch deutsche Firmen, noch nicht hinreichend nutzbar gemacht werden. Nicht umsonst werden Daten als das Gold des 21. Jahrhunderts bezeichnet.
Exkurs: Commerzbank-Studie zu Big Data:
https://blog.commerzbank.de/digitalisierung/18q2/studie-up-big-data.html

Mit der ab 25. Mai 2018 anzuwendenden Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) wird der Spagat zwischen diesem neuen globalen Geschäftsfeld und dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung versucht. Für den Verbraucher werden erstmals europaweit Auskunfts-, Lösch- und Widerspruchsrechte etabliert, so zum Beispiel das Recht auf Vergessenwerden.
Mehr zur DSGVO: http://www.bpb.de/gesellschaft/digitales/democracy/255875/was-steht-in-d... sowie http://www.spiegel.de/netzwelt/web/dsgvo-das-sollten-sie-zur-datenschutz...

Die Herrschaft des Algorithmus - die Zahlen MÜSSEN doch stimmen
Mit der Fülle von (harmlosen) Daten können allerdings mittlerweile Charaktereigenschaften, religiöse und politische Einstellung, sexuelle Orientierung, Intelligenz, Gemütsverfassung, Bildungsniveau oder auch psychopathische Veranlagung gewonnen werden. Was aber passiert, wenn die Analyse des Datenmaterials fehlerhaft ist? Eine Gefahr bestünde beispielsweise ganz konkret darin, dass wir zu viel Zinsen für den Hauskredit zahlen, weil unsere Bonität schlechter bewertet wird als sie tatsächlich ist. Markus Morgenroth ("Sie kennen dich! Sie haben dich! Sie steuern dich! Die wahre Macht der Datensammler": http://www.bpb.de/lernen/digitale-bildung/medienpaedagogik/bigdata/22895...) weist ferner darauf hin, dass oftmals solchen Datenanalysen als alleiniger Beurteilungsgrundlage zu viel Vertrauen geschenkt wird.

Daten als Grundlage von gezielter (Des-)Information
Dass wir uns mit alten und neuen Bekannten rund um die Welt ganz einfach vernetzen können, ist eine weitere Errungenschaft, die wir mit der Preisgabe unserer Daten an Unternehmen wie Facebook bezahlen. Was wir über soziale Netzwerke preisgeben, bleibt aber in den seltensten Fällen so privat – wie es möglicherweise den Anschein erweckt, weil wir ja gerade in Kontakt mit unseren (engen) Freunden stehen. Wie der Fall von Cambridge Analytica zeigt, können – illegal gewonnene – Daten gezielt für politische Kampagnen genutzt werden.

Weitere Informationen zum Fall von Cambridge Analytica:
http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/diginomics/cambridge-analytica-spe...

Ich habe doch nichts zu verbergen – Datenschutz weitergedacht
Abseits der Frage, ob und wie uns Big Data im Alltag helfen und nützen, steht die Frage, welche potenziellen Risiken sich dahinter verbergen – hiermit gemeint sind nicht die Gefahren, die hin und wieder durch Datenlecks oder Datenmissbrauch entstehen können.
Evgeny Morozov, Internetforscher aus Berlin schreibt hierzu: „Ein Problem dieser Argumentation [hier: Ich habe nichts zu verbergen] ist, dass sie sich vor allem auf die Vergangenheit, nicht aber auf die Zukunft bezieht. Sie ist hilfreich, um „statische“ Güter vor einmaligen Angriffen zu schützen, nicht aber, um im Einklang mit den eigenen Prinzipien und Werten eine Vorstellung von zukünftigen, dynamischen Schutzgütern zu entwickeln. … Was ist, wenn Datenschutz nicht primär das Ziel hat, sicherzustellen, dass wir verbergen können, was wir verbergen wollen, sondern uns allen zu erlauben, das zu sein, was wir sein könnten?“
Die mannigfache Preisgabe persönlicher Daten im Hier und Jetzt beraubt uns in diesem Sinne unserer zukünftigen Freiheit. Morozov nennt es die „Potenzialität“, die dann eingeengt wird, wenn uns zukünftig noch besser werdende Algorithmen auf Grundlage des Preisgebens persönlicher Daten anzeigen, was wir wahrscheinlich suchen, aber eben außen vor lassen, was abseits der eigenen Lebenswirklichkeit vor sich geht. Damit bewegen wir uns zunehmend, so die Gefahr, in Filterblasen – gleichbedeutend mit dem Verlust anderer Perspektiven.

Link zum Essay von E. Morozov: http://www.bpb.de/apuz/202236/big-data

Zur kritischen Auseinandersetzung mit Filterblasen:
http://www.deutschlandfunk.de/suchmaschinen-die-filterblasen-theorie-ist...

25 Meinungen 12 Kommentare

Gast stimmt der These Mir ist egal, was mit meinen Daten passiert, ich habe nichts zu verbergen. nicht zu

Ich möchte die Hoheit über meine Daten behalten. Meine Daten sollen nicht ohne meinen Willen und Wissen an Dritte gelangen. Wichtig ist dabei aber auch zu verstehen, wie die Digitale Welt funktioniert.

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29.05.2018 1 Kommentar

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