Nach einem Jahr Pandemie sollten wir die Überlastung der Krankenhäuser für mehr Lockerungen riskieren.

Hintergrundinformationen zur These: Nach einem Jahr Pandemie sollten wir die Überlastung der Krankenhäuser für mehr Lockerungen riskieren.

Was bedeutet „Überlastung der Krankenhäuser“?

 

Auf Intensivstationen von Krankenhäusern werden Patient*innen mit besonders schweren bis lebensbedrohlichen Krankheiten behandelt. Die Kapazität der Intensivstation, d.h. Anzahl der freien Betten, ist jedoch begrenzt. Die Intensivstationen gelten deshalb auch als ein Nadelöhr für den Umgang mit der COVID-19-Pandemie. Auf ihnen werden die schweren Verläufe der Viruserkrankung behandelt. Je mehr Menschen sich infizieren, desto mehr schwere Verläufe gibt es und desto mehr Betten sind auf den Intensivstationen mit COVID-19-Patienten belegt. Hinzukommen außerdem natürlich all die Patient*innen, die nicht an COVID-19 erkrankt aber dennoch intensivmedizinisch betreut werden müssen.

 

Eine Überlastung tritt dann ein, wenn die Anzahl an Patient*innen, die Anzahl der verfügbaren Intensivbetten übersteigt. Die kann zur Folge haben, dass die Ärzt*innen und Pfleger*innen der Intensivstationen nicht mehr allen Patient*innen die gleiche Versorgung zukommen lassen können und eine ethisch außerordentlich schwierige Selektion und Priorisierung der zu behandelnden Menschen vornehmen müssen. Ein solches Szenario nennt man auch „Triage“. Sie steht dem Gleichheitsgrundsatz der Individualmedizin und unseres Gesundheitssystems entgegen und kann für die Entscheider*innen zu einer schweren psychischen Belastung werden. Insbesondere in Nordtalien und in den USA sind im Jahr 2020 Anwendungen von Triage bekannt geworden.

 

Den Überblick behalten – Das DIVI-Intensivregister

 

Damit über den genauen Stand der freien Kapazitäten Transparenz herrscht, erfasst das sogenannte DIVI-Intensivregister in Echtzeit die Intensivbettenkapazitäten in Deutschland. Es wurde kooperativ im März 2020 von der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), dem Robert Koch-Institut (RKI) und der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) aufgebaut. Auf der Webseite werden von allen Kliniken Deutschland die freien Beatmungsplätze eingepflegt um Intensivmedizinern, Rettungsleitstellen, Behörden, Ministerien und Krisenstäben unkomplizierte Abfragen und Koordination zu ermöglichen. Seit April 2020 sind die Krankenhäuser dazu verpflichtet täglich ihre aktuellen Daten im DIVI-Intensivregister zu hinterlegen.

 

Die aktuelle Lage der Intensivbetten

 

Die aktuelle Lage lässt sich am einfachsten direkt im DIVI-Intensivregister ablesen. Der Anteil der COVID-19-Patienten an der Gesamtzahl der Intensivbetten macht in Sachsen derzeit (Stand: 8. April 2021) 24% aus und es sind noch 12,5% der Gesamtzahl der Intensivbetten frei. In einzelnen Landkreisen sind die Kapazitäten der freien Betten jedoch schon sehr viel geringer (Sächsische Schweiz-Osterzgebirge 1,67%, Erzgebirgskreis 5,48%, Vogtlandkreis 4,76%). Die Leiter des DIVI-Intensivregisters mahnte am 7. April via Twitter Entscheidungstäger*innen an, dass die Lage der Intensivbetten ernst sei und in Regionen mit wenigen freien Betten der nächste Herzinfarkt oder Verkehrsunfall vielleicht schon nicht mehr versorgt werden könnte.  

 

Lockerungskonzepte und die Rolle der Intensivbetten

 

Spätestens seit Februar 2021 ist die Debatte um mögliche Lockerungen der Corona-Auflagen

in vollem Gange. Das Robert-Koch-Institut hat am 19. März 2021 einen Leitfaden namens „ControlCOVID“ zur Entwicklung von Stufenkonzepten veröffentlicht. Darin stellt es fest, dass Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus solange vonnöten sind , bis eine flächendeckende Immunität durch Impfungen erreicht ist.

 

Bislang legen die Bundesregierung und der Freistaat Sachsen in ihren Stufenplänen die 7-Tage-Inzidenz (Fälle der letzten sieben Tage pro 100.000 Einwohner) von 35 für umfassende Lockerungen zugrunde. Dies reicht nach Ansicht des RKI als alleiniger Indikator jedoch nicht aus. Seitens des RKI plädiert man daher für drei weitere Indikatoren um die Lage einzuschätzen:

 

  • der Anteil intensivmedizinisch behandelter Corona-Fälle an der Gesamtzahl der betreibbaren Intensivbetten
  • die wöchentliche Inzidenz hospitalisierter Fälle unter den über 60-Jährigen und
  • der Anteil der Kontaktpersonen, die nachverfolgt werden können.

 

Die Zielmarken des RKI für eine dauerhafte Entlastung der Intensivstationen, die Nachverfolgung der Kontakte und das Ausbruchsmanagement sind angesichts der aktuellen Zahlenlage ambitioniert:

 

„Für eine Kontrolle durch die Kontaktpersonen-Nachverfolgung, das Ausbruchsmanagement und eine Entlastung der Intensivstationen, sollte eine Inzidenz unter 10/100.000 Einwohner/innen/7 Tagen und ein Anteil intensivpflichtiger COVID-19-Patienten an betreibbarer Intensivbetten-Kapazität von weniger als 3 % angestrebt werden.“ (Quelle)

 

Zur Erinnerung: der Anteil der COVID-19-Patienten in Sachsen liegt derzeit bei 24,1 % und im bundesdeutschen Durchschnitt bei 18,71% (Stand 8. April 2021). Die 7-Tage-Inzidenz in Sachsen liegt bei 143,0 und im bundesdeutschen Schnitt bei 105,7 (Stand: 8. April 2021). Von der im Papier empfohlenen 3%-Marke für die Intensivbetten und die 10er-Marke für die Inzidenz sind wir derzeit also noch ein ganzes Stück entfernt.

 

Unabhängig von den Empfehlungen des RKI lagen bei den letzten Bund-Länder-Beratungen vom 3.März 2021, die im April noch einmal verlängert wurden, liegt nach wie vor die 7-Tage-Inzidenz als Hauptindikator für Lockerungen zugrunde.

 

114 Meinungen 69 Kommentare

Gast stimmt der These Nach einem Jahr Pandemie sollten wir die Überlastung der Krankenhäuser für mehr Lockerungen riskieren. nicht zu

Es wird ökologische und moralisch teuer

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23.04.2021 1 Kommentar

Gast stimmt der These Nach einem Jahr Pandemie sollten wir die Überlastung der Krankenhäuser für mehr Lockerungen riskieren. nicht zu

Gerade jetzt sollten wir mit diesen relevanten Bereichen zusammenarbeiten um in der Zukunft eine brauchbare Vertrauensbeziehung zu erhalten.

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23.04.2021

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Nur mit niedrigen Inzidenzen kann die Pandemie kontrolliert werden.

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23.04.2021

Gast positioniert sich zur These Nach einem Jahr Pandemie sollten wir die Überlastung der Krankenhäuser für mehr Lockerungen riskieren. neutral

Die wirtschaftlichen und psychischen Folgen sind womoglich gravierender als die Pandemie.

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23.04.2021 1 Kommentar

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Den Zusammenbruch des Gesundheitssystems hätte Folgen für:

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23.04.2021

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Diese Haltung ist zynisch. Das Personal kommt jetzt schon auf dem Zahnfleisch daher, ausgebrannte Pflegekräfte verlassen den Beruf, dauerhaft. Wir müssen dass System am Leben erhalten, damit Kranke eine adequate Behndlung bekommen.

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23.04.2021 1 Kommentar

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Die Überlastung der Krankenhäuser ist nicht durch Corona bedingt, sondern bestand schon vorher. Wenn sich jemand mit Corona ansteckt, bedeutet das noch lange nicht, dass die Person dann auch ins Krankenhaus muss.

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23.04.2021 5 Kommentare

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Eine Überlastung der Krankenhäuser wäre tödlich, nicht nur für für Covid Patient:innen, sondern auch alle anderen medizinischen Notfälle. Dagegen sind Lockerungen nicht aufzuwiegen.

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23.04.2021

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Die Überlastung der Krankenhäuser hat massivste und vor allem weitestgehende Folgen. Bereits vor der Pandemie zeigten sich die Folgen der umfassenden Privatisierung, Zentralisierung und Einsparungen.

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22.04.2021

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Wir können nicht auf Kosten anderer "riskieren"...

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22.04.2021

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Frage nach dem höheren Gut ist hier zu stellen. Und Einschränkungen des Privatlebens sind meiner Meinung nach der Gesundheit und der Sicherheit einer adäquaten medizinischen Versorgung unterzuordnen.

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22.04.2021

Gast stimmt der These Nach einem Jahr Pandemie sollten wir die Überlastung der Krankenhäuser für mehr Lockerungen riskieren. nicht zu

Dort arbeiten Menschen, die eine Belastbarkeitsgrenze haben, in äußerst verantwortungsvollen Kontexten.

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22.04.2021

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