Rechtsradikalismus hat in Sachsen eine lange Tradition

Hintergrundinformationen zur These: Rechtsradikalismus hat in Sachsen eine lange Tradition.

Sachsen während der Weimarer Republik (1918-1933)

Zur Zeit der Weimarer Republik gab es eine Vielzahl von Republikfeinden am linken politischen Rand (v.a. KPD und subkulturelle Szene) und am rechten politischen Rand (u.a. DNVP, später auch NSDAP und subkulturelle Szene). Die Menschen lebten zwar in der historisch ersten demokratischen Republik auf deutschem Boden, aber nicht wenige von ihnen konnten sich nur langsam oder gar nicht mit der neuen Regierungsform anfreunden. Sie mussten Demokratie erst lernen– teils ohne Erfolg, zumal unter den wirtschaftlich sehr schwierigen Bedingungen der Anfangsjahre und der Jahre ab 1929. Die Weimarer Republik war insofern eine Demokratie ohne genügend Demokraten.

Diejenigen, die sich nach dem Kaiserreich oder einem ähnlich autokratischen bzw. autoritären Staatsmodell zurücksehnten, müssten nach heutigem Verständnis nicht lediglich als Radikale, sondern eigentlich als Extremisten bezeichnet werden. Der zur damaligen Zeit gängige Radikalismus-Begriff war jedoch praktisch bedeutungsgleich mit dem, was heute unter Extremismus verstanden wird: Der Wille, die Demokratie abzuschaffen zugunsten einer diktatorischen Regierungsform.

In Sachsen war zwar speziell der linke politische Rand stärker ausgeprägt als im Reichsdurchschnitt. Wenn jedoch mitbedacht wird, dass rechtsextreme Gesinnung nicht nur auf die Ersetzung der Demokratie durch eine Diktatur abzielt, sondern immer auch rassistische Ideologie ‑ und das heißt konkret: ausländerfeindliche und antisemitische (judenfeindliche) Einstellungen ‑ umfasst, wird die rechtsradikale Traditionslinie Sachsens bereits früh erkennbar:

„Vom Kaiserreich bis zum Ende der 1920er Jahre waren antisemitische Kräfte in der [sächsischen] Landespolitik stets virulent, aber weitgehend ohne konkreten politischen Einfluss. Ihre Wähler und zum Teil auch ihre Politiker waren in der DVP und insbesondere der republikfeindlichen DNVP beheimatet.“ (Rellecke 2010: 356). Die DNVP wurde bei den sächsischen Landtagswahlen von 1920 mit 21,0 Prozent zweitstärkste politische Kraft (hinter der SPD). Mit ihrem Sachsen-Ergebnis lag die DNVP auch deutlich über ihrem eigenen Parteiergebnis in fast allen anderen deutschen Ländern bei den Landtagswahlen der Jahre 1919 und 1920 (Rellecke / Künzel 2008: 414). Die Wahlgrafiken und Tabellen (Abb. 1 bis 4 in der Thesengalerie) verdeutlichen die Stärke der rechtsradikalen Parteien in Sachsen während der Weimarer Republik im Vergleich zur Weimarer Republik insgesamt.

 

Sachsen während der nationalsozialistischen Diktatur (1933-1945)

Die Diktatur des Nazi-Regimes mit Staatsterrorismus einschließlich der Massenvernichtung von Angehörigen der als minderwertig eingestuften Ethnien („Rassen“) sowie von politischen Gegnern bot Rechtsradikalen bereits per se die Verwirklichung ihrer ideologischen Zielvorstellungen. Daher erübrigte sich zusätzliches rechtsradikales Aufbegehren.

In der Forschung wird jedoch darauf verwiesen, dass Sachsen insgesamt – und hier insbesondere Dresden, das Vogtland und das Erzgebirge – Partei-Hochburgen der NSDAP gewesen seien (Rellecke 2010: 356). Diese Entwicklung hatte bereits während der Weimarer Republik begonnen: „Die NS-Bewegung war Mitte der zwanziger Jahre zuerst im Südwesten Sachsens stark geworden, in mittleren Städten wie Zwickau – und in Plauen, wo bis 1933 die Gauzentrale lag“ (Mike Schmeitzner im „Zeit“-Interview 2012). Gauleiter Martin Mutschmann, der über zwei Jahrzehnte hinweg Hitlers Statthalter in Sachsen war, kam aus dieser Gegend, wo es zudem an einem sozialistischen Arbeitermilieu fehlte, das sich den Nazis hätte entgegenstellen können. Aber auch Dresden war eine „Brutstätte“ für Teile der NS-Ideologie. Ein Beispiel: „Ernst Philalethes Kuhn etablierte hier von 1920 an ‚Rassenhygiene‘ als akademisches Lehrfach.“ (loc. cit.).

 

Sachsen während DDR-Zeit (1949-1990)

Im staatlich vorgegebenen Umfeld von sozialistischer Völkerverständigung, Antifaschismus und Anti-Imperialismus war ein offenes Artikulieren rechtsextremer Einstellungen in der DDR von vornherein fast unmöglich. Außerdem war der Ausländeranteil in Sachsen – wie in der gesamten DDR – so gering, dass rassistischen Ressentiments sowieso weitestgehend der Nährboden entzogen war. Erst seit Anfang der 1980er Jahre holte die DDR verstärkt Ausländer aus „sozialistischen Bruderländern“ jeweils für befristete Zeit ins Land, um den Arbeitskräftemangel auszugleichen (u.a. ca. 70.000 Vietnamesen, deren vorübergehende Integration sich aber weitgehend problemlos gestaltete). Schließlich gab es in der DDR natürlich auch keine rechtsradikalen Parteien.

All dies bedeutet jedoch nicht, dass es in der DDR ‑ und speziell im Gebiet Sachsens ‑ keinen zumindest verborgenen Rechtsradikalismus gegeben hätte. Allerdings wurde derlei subkultureller Rechtsradikalismus kaum systematisch erfasst und außerdem seitens der DDR-Regierung verschwiegen. Er lässt sich daher fast nur durch Einzelfall-Erzählungen belegen. So habe es im staatlich nicht kontrollierten Nischenbereich durchaus private Partys gegeben, bei denen der Geburtstag Hitlers gefeiert wurde (Frank Richter im Interview mit „Die Welt“ 2015). Bereits in den Jahren 1978 und 1979 habe das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) 188 Fälle rechtsextremer Hetze registriert, außerdem sei bekannt gewesen, dass in manchen Fußballstadien schon damals rechte Sprüche skandiert und Fans der gegnerischen Mannschaften angegriffen wurden (Maegerle et al. 2013: 59). In der Spätphase der DDR, ab 1987, kam es dann auch erstmals zu organisierten Gewalttaten rechtsextremer (Skinhead-) Gruppierungen, wenngleich noch relativ vereinzelt und dabei schwerpunktmäßig im Osten Berlins (Botsch 2016: 59f; Weiß 2000). Das später in der „taz“ nachzulesende Fazit lautete: „Warum sollte es Rechtsextremismus da nicht geben? Die DDR hat aus den Leuten ja nicht bessere Menschen gemacht.“ (zit. in Maegerle et al. 2013: 60). Aus Sicht des heutigen Forschungsstandes ist zu ergänzen „dass die Voraussetzungen und Ursachen des ostdeutschen Rechtsextremismus auch in Staat und Gesellschaft der DDR zu suchen [waren]. […] Eine Jugendsubkultur mit Affinität zu rechtsextremen Positionen entstand, als das politisch-kulturelle Gefüge der DDR seit den 1970er Jahren an Bindekraft verlor“ (Botsch 2016: 60).

Auch die rassistisch motivierten Ausschreitungen gegen Ausländer kurze Zeit nach der friedlichen Revolution, z.B. im sächsischen Hoyerswerda im September 1991, werden teilweise mit dem Versäumnis der DDR-Führung erklärt, anstelle des regierungsseitig verordneten Geistes von Internationalismus und Völkerverständigung lieber eine offene gesellschaftliche Debatte der Ausländerthematik zuzulassen.

 

Quellen, Links und weitere Informationen

Botsch, Gideon, 2016: ›Nationale Opposition‹ in der demokratischen Gesellschaft. S. 43-82 in: Virchow, Fabian / Langebach, Martin / Häusler, Alexander (Hg.): Handbuch Rechtsextremismus. Wiesbaden: Springer VS.

Genschior, Andreas (online): Wahlen in der Weimarer Republik: Tabellen und Grafiken

Künzel, Werner / Rellecke, Werner (Hg.), 2008: Geschichte der deutschen Länder. Entwicklungen und Traditionen vom Mittelalter bis zur Gegenwart. 2. Aufl., Münster: Aschendorff.

Maegerle, Anton / Röpke, Andrea / Speit, Andreas, 2013: Der Terror von rechts – 1945 bis 1990. S. 23-60 in: Röpke, Andrea / Speit, Andreas (Hg.): Blut und Ehre? Geschichte und Gegenwart rechter Gewalt in Deutschland. Berlin: Chr. Links.

Pickel, Gert / Decker, Oliver (Hg.), 2016: Extremismus in Sachsen. Eine kritische Bestandsaufnahme. Leipzig: Edition Leipzig (im Erscheinen).

Pieper, Christine / Schmeitzner, Mike / Naser, Gerhard (Hg.), 2012: Braune Karrieren. Dresdner Täter und Akteure im Nationalsozialismus. Dresden: Sandstein.

Rellecke, Werner, 2010: Sachsen - vom „roten Königreich“ zum CDU-dominierten Sechsparteiensystem. S. 340-359 in: Kost, Andreas / Rellecke, Werner / Weber, Reinhold (Hg.): Parteien in den deutschen Ländern. Geschichte und Gegenwart. München: C.H. Beck.

Schmeitzner, Mike, 2011: Der Fall Mutschmann. Sachsens Gauleiter vor Stalins Tribunal. Beucha und Markkleeberg: Sax Verlag.

Süß, Walter, 2000: Zu Wahrnehmung und Interpretation des Rechtsextremismus in der DDR durch das MfS (Analysen und Berichte Nr. 1/1993, Reihe B). 3. Aufl., Berlin: Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR

Wagner, Bernd, 2014: Rechtsradikalismus in der Spät-DDR. Zur militant-nazistischen Radikalisierung. Wirkungen und Reaktionen in der DDR-Gesellschaft. Berlin: Edition Widerschein.

Waibel, Harry, 1996: Rechtsextremismus in der DDR bis 1989. Köln: PapyRossa.

Weiß, Konrad, 1989: Die neue alte Gefahr. Junge Faschisten in der DDR. Zwickau: Evangelisch-methodistische Kirche (EmK) der DDR (Zeitschrift Kontext, Heft 5)

Welt, Die, 26.08.2015 (online): Warum Sachsen ein Nährboden für Fremdenhass ist (Interview mit Frank Richter)

Zeit, Die, Nr. 5/2012 v. 26.01.2012 / Stefan Schirmer (online): Hitlers Dresden (Interview mit Mike Schmeitzner)

(Tabellen und Grafiken mit frdl. Genehmigung von Andreas Gonschior):

Abb. 1: Reichstagswahlergebnisse in Sachsen, 1919-1933 (Tabelle)

Abb. 2: Reichstagswahlergebnisse in Sachsen, 1919-1933 (Grafik)

Abb. 3: Reichstagswahlergebnisse 1919-1933 in der Weimarer Republik insgesamt (Tabelle)

Abb. 4: Reichstagswahlergebnisse 1919-1933 in der Weimarer Republik insgesamt (Grafik)

 

123 Meinungen 102 Kommentare

Gast stimmt der These Rechtsradikalismus hat in Sachsen eine lange Tradition nicht zu

Wegen der Zeit 33 bis 45 soll Sachsen eine lange Tradition haben? Wer sagt denn dass die Wahlergebnisse von damals nicht sogar gefälscht waren.

weiterlesen
02.09.2016

Gast stimmt der These Rechtsradikalismus hat in Sachsen eine lange Tradition nicht zu

Die Wahltergebnisse der Kommunisten von 33 zeigen ja eine erhöhte Zustimmung gegenüber dem Gesamtschnitt. Also ist ja sogar das Gegenteil der Fall.

weiterlesen
02.09.2016

Gast stimmt der These Rechtsradikalismus hat in Sachsen eine lange Tradition nicht zu

Die Geschichte Sachsens beginnt nicht erst 1933 - daher sicher keine lange Tradition.

weiterlesen
02.09.2016

Gast stimmt der These Rechtsradikalismus hat in Sachsen eine lange Tradition nicht zu

Dresden und Leipzig waren die großen Ausgangsorte der Freiheitsbewegung der DDR. Sachsen ist weit entfernt den Radikalismus als Tradition zu haben.

weiterlesen
02.09.2016

Gast positioniert sich zur These Rechtsradikalismus hat in Sachsen eine lange Tradition neutral

Rechtsradikalismus ist in anderen Ostländern (z.B. Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern) nicht weniger, nur wird er weniger thematisiert.

weiterlesen
01.09.2016

Gast stimmt der These Rechtsradikalismus hat in Sachsen eine lange Tradition nicht zu

Das Christentum hat Tradition in Sachsen oder die Monarchie. Aber nicht der rechtsradikalismus.

weiterlesen
01.09.2016

Gast stimmt der These Rechtsradikalismus hat in Sachsen eine lange Tradition nicht zu

Mit Wahlergebnissen von 33 diese These aufbauen? Nein - ich denke Sachsen ist weit davon entfernt hier eine vermeintliche Tradition zu haben - Gott bewahre.

weiterlesen
01.09.2016

Gast stimmt der These Rechtsradikalismus hat in Sachsen eine lange Tradition nicht zu

Klar, schon zu Zeiten August des Starken zog Pegida durch die Straßen! *Ironie aus*! Überlegt mal was lang ist.

weiterlesen
01.09.2016

Gast stimmt der These Rechtsradikalismus hat in Sachsen eine lange Tradition nicht zu

Tradition? Man sollte gewisse Strömungen/Bewegungen auch im historischen Zusammenhang sehen.

weiterlesen
31.08.2016

Gast stimmt der These Rechtsradikalismus hat in Sachsen eine lange Tradition nicht zu

31.08.2016

Gast stimmt der These Rechtsradikalismus hat in Sachsen eine lange Tradition zu

schon zu ddr-zeiten gab es rechtsextremismus in sachsen. später z.b. die skinheads sächsische schweiz u.a. zudem ist sachsen lange zeit eine bastion der npd gewesen.

weiterlesen
31.08.2016

Gast stimmt der These Rechtsradikalismus hat in Sachsen eine lange Tradition nicht zu

Sachsen ist über 800 Jahre alt - was bedeuten da die letzten 10 jahre hinsichtlich einer "Tradition"?

weiterlesen
31.08.2016 2 Kommentare

Seiten