Schule schwänzen rettet nicht den Planeten.

Schule schwänzen rettet nicht den Planeten.

 

Schule schwänzen? Worum geht’s hier?

Die Schwedin Greta Thunberg ist seit spätestens seit Ende 2018 vielen ein Begriff. Die 2003 geborene Klimaschutzaktivistin begann im August 2018, nach dem Ende ihrer Sommerferienvor dem Schwedischen Parlament in Stockholm öffentlich mit ihrem „Schulstreik für das Klima“. Das Parlament mahnend saß sie dort zunächst täglich und ab September 2018 dann jeden Freitag. Schwedische und ausländische Medien berichteten schnell über die Schülerin, die so lange ihre Schulpflicht ignorieren wollte, bis die schwedische Klimapolitik dem 2016 von der EU ratifizierten Übereinkommen von Paris entspreche. Die Idee eines solchen Streiks hatte die Schwedin von den Protesten „Marsch für unser Leben“ für schärfere Waffengesetze nach dem Schulmassaker von Parkland in den USA im Februar 2018 übernommen. Über ihre Aktion informierte sie über Twitter unter dem Hashtag #FridaysForFuture. Und unter genau diesem Namen formierten und formieren sich weltweit Schüler*innen in Gruppen, die sich der Idee eines Protestes während der Unterrichtszeit anschließen wollen. In Deutschland fanden im Dezember 2018 die ersten Demonstrationen statt. Seitdem weiteten sich die Proteste schnell im ganzen Land aus. Bis zum Dezember 2019 haben sich 643 Ortsgruppen in Deutschland gebildet (Stand 17.12.2019), die zu wöchentlichen Protesten aufrufen.


Ziele von Fridays-for-Future

Die Fridays-for-Future Bewegung will auf die in ihren Augen zu geringen klimapolitischen Bemühungen der Unterzeichnernationen des Pariser Weltklimaübereinkommens von 2016 aufmerksam machen. Dieses Übereinkommen wird als verbindliche Grundlage für effektive Klimaschutzmaßnahmen betrachtet. In ihm wurde von 195 Staaten (inkl. der Europäischen Union) unter anderem beschlossen:

  • Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs auf möglichst 1,5°C
  • Förderung der Klimaresistenz der Lebensräume (Deichbau, Landwirtschaft, Wasserrückhaltesysteme, Straßenbau etc.)
  • Förderung von geringeren Treibhausgasemissionen
  • Vereinbarkeit der Finanzströme mit Klimazielen (weg von kohlenstoffintensiven Investitionen)
  • Finanzierung von Klimaschutz in Entwicklungsländern

Fridays-for-Future leitet zur Einhaltung dieser Ziele für Deutschland folgende Forderungen ab:

  • „Nettonull bis 2035“ (alle durch Menschen verursachten Treibhausgas-Emissionen müssen aus der Atmosphäre entfernt werden müssen, d.h. die Menschheit wäre klimaneutral)
  • „Kohleausstieg bis 2030“
  • „100% erneuerbare Energieversorgung bis 2035“
  • „Ende der Subventionen für fossile Energieträger“
  • „¼ der Kohlekraft abschalten“
  • „Eine Steuer auf alle Treibhausgasemissionen“

Die Protestant*innen von Fridays-for-Future sehen die bisherigen in Deutschland ergriffenen klimapolitischen Maßnahmen als zu gering an. Betont wird, dass der Staat seiner Verantwortung gegenüber nachfolgenden Generationen (mit Verweis auf Artikel 20a GG und der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte) und der Umwelt nicht schnell genug nachkomme. Dafür seien grundlegende Veränderungen in den Bereichen Energie, Wohnen, Bauen, Industrie, Transport, Verkehr und Landwirtschaft notwendig. Unter den Forderungen heißt es auf der Webseite von Friday-for-Future:

„Es darf nicht die alleinige Aufgabe der Jugend sein, Verantwortung für die Priorisierung des Klimaschutzes zu übernehmen. Da die Politik diese kaum wahrnimmt, sehen wir uns gezwungen, weiter zu streiken, bis gehandelt wird!“

Die Bewegung ist online stark aufgestellt und über eine Vielzahl von Kanälen. Neben einer Webpräsenz existieren eine Vielzahl Accounts in sozialen Netzwerken wie Twitter, Instagram, Facebook, Telegram, Whatsapp und YouTube sowie Bildergalerien auf flickr, ein Podcast auf Spotify, eine reddit-Community und ein Discord-Server. Die Organisation des Engagements und die Vernetzung in den verschiedenen regionalen Gruppen findet primär über Gruppenchats verschiedener Messenger wie Telegram und Whatsapp statt. Primäre Aktionsform der Fridays-for-Future-Bewegung sind dezentrale Demonstrationen, die in der Regel freitags während der Schulzeit stattfinden.

 

Welchen Erfolg hat Fridays-for-Future?

Die Kinder und Jugendlichen haben es nach Ansicht vieler innerhalb eines Jahres geschafft den Klimawandel ins Zentrum der gesellschaftlichen Diskussion zu rücken. Und die Demonstrationen dauern an.

Inwiefern Fridays-for-Future Aktionen aber wirklich zu einem Umdenken in der Bevölkerung führen, wird kontrovers diskutiert. Eine Studie der Universität Konstanz kommt zu folgenden Ergebnissen:
„Unsere Auswertungen zeigen erstens, dass der Klimawandel durchaus als Bedrohung wahrgenommen wird, jedoch eher als eine weltweite und weniger als eine persönliche Gefahr. Zweitens äußert die Mehrheit der deutschen Bevölkerung Verständnis für die „Fridays for Future“-Klimastreiks. Während die aktuellen TeilnehmerInnen der Klimaproteste mehrheitlich Jugendliche sind, ist altersunabhängig etwa die Hälfte der Befragten bereit, sich an zukünftigen Demonstrationen zu beteiligen. Die gesellschaftliche Unterstützung ist also groß: Hier könnte eine breitere gesellschaftliche Klimabewegung entstehen. Drittens zeigen wir, dass sich in den letzten zwei Jahren die Wahrnehmung des Klimawandels geändert hat. Dieser wird zunehmend als eine Bedrohung gesehen, die in immer größerem Maße Deutschland und jeden persönlich betrifft. Viertens zeigen wir, dass die jungen Klima-AktivistInnen auch Einfluss auf die private Lebenswelt ausüben, so dass mehr als die Hälfte der Befragten ihren persönlichen Lebensstil verändert haben, um dem Klimawandel entgegenzuwirken.“ Außerdem gäbe es Hinweise auf starke Generationsunterschiede: „Unsere Auswertungen legen nahe, dass die Wahrnehmung des Klimawandels und die Ein-stellungen zum Klimaschutz von teils recht stark ausgeprägten Konflikten zwischen Jung und Alt und zwischen Anhängern verschiedener Parteien geprägt ist. Junge Befragte zeigen ein deutlich größeres Verständnis für die Klimaproteste als ältere Befragte und nehmen den Klimawandel sehr viel stärker als eine persönliche Bedrohung wahr.“

 

Reaktionen auf Fridays-for-Future

Im September 2019 haben die Spitzen der großen Koalition das erste Eckpunktepapier „Klimaschutzprogramm 2030“ vorgestellt. Bei dieser Vorstellung betonte Bundesfinanzminister Olaf Scholz die Initiative zu diesem „Klimapaket“ auch mit den Schüler*innen auf der Straße: ",Fridays for Future' hat uns alle aufgerüttelt.". Auch Bundesjustizministerin Katarina Barley erklärte am 1. März 2019: „Diese Proteste, bei denen Schülerinnen und Schüler Freitag für Freitag für ihre Zukunft auf die Straße gehen, verdienen hohen Respekt: Solche jungen Leute wünschen wir uns.“ Einen Tag darauf erwähnte Bundeskanzlerin Angela Merkel die Schülerproteste in ihrem wöchentlichen Video-Podcast: „Wir können unsere Klimaschutzziele nur dann erreichen, wenn wir auch Rückhalt in der Gesellschaft haben. Und deshalb begrüße ich es sehr, dass junge Menschen, Schülerinnen und Schüler demonstrieren und uns sozusagen mahnen, schnell etwas für den Klimaschutz zu tun. Ich glaube, dass das eine sehr gute Initiative ist.“

Kritische Stimmen verweisen indes immer wieder auf die Schulpflicht. Winfried Kretschmann (Grüne) hält es z.B. nicht für legitim sich über Monate hinweg auf den zivilen Ungehorsam zu beziehen. Der moralische Appell sei zwar gerechtfertigt aber wenn das Schwänzen es zur „Dauerveranstaltung“ werde, müsse man auch irgendwann mit Sanktionen rechnen.

Und auch der Deutsche Lehrerverband übt Kritik an Angela Merkel für ihr Lob der Bewegung. So betonte der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Hanz-Peter Meidinger:
„Der Deutsche Lehrerverband begrüßt es ausdrücklich, dass sich Kinder und Jugendliche verstärkt für ihre Zukunft und mehr Klimaschutz engagieren. Wir plädieren auch dafür, dass die Schulen bei ihren Reaktionen auf die Teilnahme von Schülern bei den Vormittagsdemos pädagogisches Fingerspitzengefühl zeigen. Es ist aber nicht akzeptabel, dass Politiker durch ihre Unterstützung der Fridays-for-future-Demos die allgemeine Schulpflicht am Freitagvormittag praktisch für außer Kraft gesetzt erklären und Lehrkräfte und Schulleitungen an den Pranger gestellt werden, die diese Schulpflicht von ihren Schülern noch einfordern.“ Es sei doch geradezu widersinnig, dass sich einerseits fast alle Bundesländer in der Vergangenheit weigerten, der politischen Bildung an Schulen mehr Unterrichtsstunden einzuräumen, weil der Stundenplan so voll sei, andererseits es aber jetzt viele Politiker nicht störe, wenn Zehntausende von Unterrichtsstunden wegen der Freitagsdemos ausfielen. „Ich fürchte, darin spiegelt sich eine generelle mangelnde Wertschätzung des Werts von Unterricht durch die Politik, die ja auch dem massiven Unterrichtsausfall an allen Schularten wegen des Lehrermangels und fehlender Unterrichtsreserven seit Jahren weitgehend tatenlos zusieht“, fügte der Verbandsvorsitzende an.“


Schulpflicht in Deutschland

Die Proteste richten sich nach Aussage von Fridays-for-Future nicht gegen Schule, sondern sollen die Politik zu Handeln ermahnen. Eine Klimakatastrophe sei dabei eine wesentlich höhere Gefahr als den freitäglichen Unterricht zu verpassen. Die Bewegung selbst sieht sich durch das Gehör, dass sie bisher erfahren haben in ihrer Herangehensweise bestätigt. Luisa Neubauer, eine der Hauptorganisatorinnen der Fridays-for-Future-Bewegung in Deutschland, sagte dazu: „Erst dadurch, dass wir zu "drastischen" Maßnahmen greifen, werden wir so prominent gehört. Es geht hier nicht um Schuleschwänzen, sondern darum, die große Dringlichkeit, jetzt zu handeln, mit allen Mitteln zu unterstreichen.“


Zwischen Schulpflicht und Demonstrationsfreiheit

In Deutschland beginnt mit der Einschulung die Schulpflicht. Nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts liegt die Kulturhoheit (gesetzgeberische und administrative Zuständigkeit der deutschen Bundesländer auf dem Gebiet Sprache, Schul- und Hochschulwesen, Bildung, Rundfunk, Fernsehen und Kunst) bei den Ländern und ist entsprechend in jeweiligen Landesverfassungen geregelt.

Regelungen zur Schulpflicht in Sachsen:

  • In Sachsen besteht Schulpflicht nach § 26 Abs. 1 des Schulgesetzes für den Freistaat Sachsen (SächsSchulG) „für alle Kinder und Jugendlichen“
  • Sie erstreckt sich gemäß § 26 Abs. 2 SchulG „auf den regelmäßigen Besuch des Unterrichts und der übrigen verbindlichen Veranstaltungen der Schule.“
  • Die Schulpflicht gliedert sich in die Pflicht zum Besuch der Grundschule und einer weiterführenden allgemein bildenden Schule (Vollzeitschulpflicht - 9 Jahre) sowie die Pflicht zum Besuch einer Berufsschule oder der entsprechenden berufsbildenden Förderschule (Berufsschulpflicht - i. d. R. 3 Jahre). (§ 28 Abs. 1 SächsSchulG)

Die Schulpflicht des Sächsischen Schulgesetzes verbietet damit Schulstreiks. Nach §61 SächsSchulG handelt ordnungswidrig, wer vorsätzlich oder fahrlässig als Schulpflichtiger am Unterricht nicht teilnimmt oder Sorgeberechtigter nicht dafür gesorgt hat. Dies kann mit einer Geldbuße von bis zu 1250€ geahndet werden. Die Schulpflicht müssen die Erziehungsberechtigten durchsetzen. Verantwortung für den Umgang mit dem unentschuldigten Fernbleiben trägt die Schulleitung. Das einmalige unentschuldigte Fehlen wird meist notiert. Unentschuldigte Fehlstunden tauchen außerdem meist in den Zeugnissen auf und können zum Verweis führen, die dann in gehäufter Anzahl auch zum Rauswurf des Kindes aus der Schule führen kann. Das Problem der Verletzung der Schulpflicht durch die Fridays-for-Future-Proteste wird von Schule zu Schule, Bundesland zu Bundesland und Famile zu Familie unterschiedlich behandelt. Es gäbe Lehrer, die wegschauten und welche, die Verweise erteilen und Fehlstunden eintragen. Das Sächsische Kultusministerium äußerte sich verständnisvoll für die streikenden Schüler.

240 Meinungen 97 Kommentare

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Gast stimmt der These Schule schwänzen rettet nicht den Planeten. zu

Es besteht Schulpflicht, oder?

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20.01.2020

Gast stimmt der These Schule schwänzen rettet nicht den Planeten. nicht zu

Umweltschutz und Klimaaktivismus hat, wahrscheinlich auch wegen der Demonstrationen der FFF Bewegung, eine unglaublich hohe Medienpräsenz und wird nicht mehr als eine Kleinigkeit abgetan.

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20.01.2020

Gast stimmt der These Schule schwänzen rettet nicht den Planeten. nicht zu

Es würde sonst niemanden interessieren.

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18.01.2020

Gast stimmt der These Schule schwänzen rettet nicht den Planeten. nicht zu

Auch wenn das Schwänzen der Schule nich direkt den Planeten retten mag, so hat z.B alleine schon das mediale Aufsehen auf einige Probleme aufmerksam gemacht.

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18.01.2020

Gast stimmt der These Schule schwänzen rettet nicht den Planeten. zu

Dumme Kinder nutzen nix !!!

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17.01.2020

Gast stimmt der These Schule schwänzen rettet nicht den Planeten. zu

Das kann auch nach dem Unterricht oder am Wochenende statt finden

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17.01.2020 1 Kommentar

Gast stimmt der These Schule schwänzen rettet nicht den Planeten. zu

Besser zur Schule gehen und was erreichen in der Zukunft im etwas zu verändern.

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17.01.2020

Gast stimmt der These Schule schwänzen rettet nicht den Planeten. nicht zu

Die sogenannten Schulschwänzer werden von der Politik wahrgenommen

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17.01.2020

Gast stimmt der These Schule schwänzen rettet nicht den Planeten. zu

Um wirtschaftlich und politisch was zu ändern benötigt man eine gebildete Generation

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17.01.2020

Gast positioniert sich zur These Schule schwänzen rettet nicht den Planeten. neutral

Bildung rettet die Zukunft! Ob Schule heutzutage noch allgemein bildend ist sollte dringend kritisch hinterfragt werden.

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17.01.2020

Gast stimmt der These Schule schwänzen rettet nicht den Planeten. nicht zu

1. Streik macht nur in der "Arbeitszeit" Sinn. 2. FFF haben im letzten Jahr extrem viel in der Politik und Gesellschaft bewegt. 3.

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17.01.2020

Gast stimmt der These Schule schwänzen rettet nicht den Planeten. zu

Reiner Protest bringt uns keinen Klimaschutz. Forschung und Zukunftstechnologien werden unseren Planeten retten und dazu sollten sich die Schüler von heute lieber mehr mit der Schule und vor allem den MINT-Fächern beschäftigen.

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17.01.2020

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