Heimatverbundenheit ist etwas für Romantiker.

Hintergrundinformationen zur These "Heimatverbundenheit ist etwas für Romantiker"

1. Thema und Problematisierung: „Romantiker“ und „Heimat“ als mehrdeutige Begriffe

Nur in dem Fall, dass sowohl „Heimat“ bzw. „Heimatverbundenheit“ als auch „Romantiker“ als gänzlich positive Begriffe aufgefasst würden, gäbe es hier gar nichts zu diskutieren. In diesem Fall wäre nämlich die These „Heimatverbundenheit ist etwas für Romantiker“ komplett unumstritten und somit für den Online-Dialog völlig ungeeignet.

Sobald jedoch unter „Romantiker“ in eher geringschätzender Weise jemand verstanden wird, der als realitätsferner, versponnen-idealistischer Träumer weltfremd durchs Leben geht, oder der sich gar als die Vergangenheit verklärender Nostalgiker oder Reaktionär nach den „guten alten Zeiten“ zurücksehnt, erhielte automatisch auch der Begriff „Heimatverbundenheit“ einen entsprechend negativen Beiklang.

Diese Mehrdeutigkeit wird durch die verschiedenen möglichen Blickwinkel auf den Heimatbegriff noch verstärkt. Für die einen bedeutet Heimat einen guten und identitätsstiftenden Platz der eigenen Verwurzelung und des gefühlten Zuhauses, der sich aus den Elementen Gemeinschaft, Raum und Tradition zusammensetzt, und der für ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit sorgt („Home is where the heart is“), ohne dabei mit Nationalismus in Verbindung zu stehen – jedenfalls nicht zwingend.

Für die anderen ist Heimat ein rückwärtsgewandter und politisch rechtsgewirkter Kampfbegriff, durch den an eine (aber nur scheinbar) entpolitisierte Gefühlsduselei und an eine leitkulturelle Deutschtümelei appelliert wird, wie sie nicht zuletzt schon von den Nationalsozialisten politisch zu instrumentalisieren versucht wurde.

Für wiederum andere ist ein aktuelles Mehr an Heimatverbundenheit ein logischer lebensweltlich geerdeter Reflex auf die zunehmend komplexe und immer schneller getaktete Realität der globalisierten und technologisierten Welt. Dabei könnte sich das Nebeneinander von Regionalität und Globalität (als eine „Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigkeiten“ zentrifugaler und zentripetaler Kräfte) im Idealfall sogar positiv auf die gesellschaftliche Integration und Stabilität auswirken, weil dieses Nebeneinander in notwendig unscharfer Weise Raum für gelebte Vielfalt bereithält. Hingegen könnte sich das Nebeneinander im negativen Fall aber auch zu einem Gegeneinander entwickeln, nämlich zu einem Synonym bzw. zu einer räumlichen Spiegelung des Kampfes zwischen Moderne und Anti-Moderne, wie ihn derzeit liberale Demokraten und Populisten vielerorts in Deutschland, Europa und der Welt austragen.

Bei allem ist zu bedenken, dass Heimat nicht zwangsläufig ein statischer und dabei ausschließlich geografisch definierter Ort ist, sondern dass Heimat – eine hinreichende emotionale und geistige Flexibilität vorausgesetzt – immer auch neu gewonnen werden kann.

Außerdem rückt das Thema „Heimat“, das in erheblichem Maße die emotionale Seite von Politik anspricht, derzeit zunehmend in den Fokus sozialwissenschaftlicher Aufmerksamkeit, nachdem festgestellt wurde, dass sich populistische Tendenzen in der Bevölkerung allein durch sozioökonomische Faktoren nicht hinreichend erklären lassen, sondern dass die „gefühlte Wirklichkeit“ hinzutritt. Ganz aktuelle Relevanz erfährt der Heimatbegriff durch die geplante Umbenennung des Bundesinnenministeriums. Die CSU soll in einer möglichen neuen Großen Koalition den „Bundesminister für Inneres, Bau und Heimat“ stellen. Der Berliner „Tagesspiegel“ kommentiert, warum dieser neue Ministeriumszuschnitt umstritten ist:
„Indem das Innenressort, also Terrorabwehr, Verfassungs- und Grenzschutz mit dem Heimatbegriff gefühlig-kulturell aufgeladen wird, wird die Integration von Migranten noch stärker als bislang durch die Sicherheits- und Leitkulturbrille gleichzeitig gesehen. Der Gedanke, dass es eine ‚Heimat‘ gibt, die gegen Angriffe (der Moderne, der ‚Fremden‘, der Globalisierung) verteidigt werden muss, wird Institution. […] Das Ministerium soll immun machen gegen Populismus. Und ist gleichzeitig das Institution gewordene Narrativ der Populisten.“
(Quelle: http://www.tagesspiegel.de/politik/seehofer-und-das-heimatministerium-deutschland-im-trachtenjanker/20943628.html)

Links zum Weiterlesen:

Heimatdefinitionen im Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB):
http://www.bpb.de/lernen/grafstat/projekt-integration/134586/info-03-05-was-ist-heimat-definitionen

Artikel in Focus Online vom 21.10.2017 zur Debatte um den Heimatbegriff:
https://www.focus.de/politik/deutschland/deutschland-wie-das-wort-heimat-zum-politischem-kampfbegriff-wird_id_7709258.html

 

2. Daten zur Heimatverbundenheit in Deutschland und Sachsen

2.1. Heimatbegriff

Über den Zusammenhang von Romantikern und Heimatverbundenheit gibt es keine empirischen Umfragedaten, sondern es muss hier der reine Plausibilitätsschluss die fehlende Statistik ersetzen. Jedoch war der Begriff „Heimat“ im Oktober 2017 für 92 Prozent der Deutschen eher positiv besetzt, hingegen lediglich für 5 Prozent eher negativ (Focus/EMNID, zit. n. Statista 2017). Aufgeschlüsselt nach Parteipräferenz, erhält der Heimatbegriff unter den CDU-Anhängern mit 98 Prozent die relativ größte, unter den Anhängern der Linken mit – immerhin noch – 82 Prozent die relativ geringste positive Bewertung. Inhaltlich verbinden die Deutschen mit „Heimat“ in allererster Linie die Familie (45 Prozent), danach folgen (lt. Statista 2017, s. Abb. 1) mit großem Abstand, aber dabei mit einander sehr ähnlicher Ausprägung, als zweit- bis viertstärkste „Heimat“-Assoziationen der aktuelle Wohnort, der Geburtsort und Deutschland (mit 16, 15 bzw. 14 Prozent).

--- siehe unten Abb. 1: Heimat-Assoziationen in Deutschland 2017 (Quelle: Statista 2017)


Die Zahlen deuten darauf hin, dass die meisten Deutschen „Heimat“ offensichtlich als einen unproblematischen und positiven Begriff auffassen, der sich durch familiäre und geografische Faktoren definiert. Zu welchem Anteil diese positive Bewertung einerseits einer weitgehend unpolitischen bzw. gefühlsgesteuerten Herangehensweise geschuldet ist oder sich andererseits politisch-nationaler Beiklänge bewusst ist und diese gewollt in Kauf nimmt, lässt sich nicht mit empirischen Daten belegen. Auch liegen zu Heimat-, Regional- und Identitätsvariablen keine aktuellen sachsenspezifischen Daten vor, da solche Variablen im „Sachsen-Monitor“ bislang noch keine Berücksichtigung fanden.

2.2. Hilfsvariable Primäre Identifikationsebene

Wenn Heimat einesteils zu einem wesentlichen Anteil geografisch definiert wird und andernteils als gefühlsgesteuerte Kategorie gilt, gibt die Frage nach der – gefühlten – primären Identifikationsebene Aufschluss über die relative Enge oder Weite des Heimatgefühls: Fühlt man sich in erster Linie als Europäer, als Deutscher, als Bewohner seines Bundeslandes oder seines Wohnortes? Je relativ enger die Identität gefasst wird, desto stärker ist sie vermutlich im eigenen lebensweltlichen Erfahrungskreis verankert, während umgekehrt von einem eher theoretisch-abstrakten Identitätsverständnis auszugehen ist, wenn z.B. „Weltbürger“ oder „Europäer“ als primäre Identifikationsebenen angegeben werden.

Die vorliegenden Daten für Deutschland und für Sachsen lassen sich jedoch nicht seriös vergleichend interpretieren, weil die sächsischen Daten – in Ermangelung neuerer Zahlen – den Stand von 2006 widerspiegeln, während die Daten für Deutschland aus dem Jahr 2017 stammen (s. Abb. 2 und 3). Insofern erlaubt die Gegenüberstellung maximal eine höchst indizienhaft-vage Deutung mit allen Vorbehalten.

Für die Deutschen insgesamt ist festzuhalten, dass sie sich primär als Deutsche fühlen (43 Prozent). An zweiter Stelle rangiert die regionale Identität als Einwohner der heimischen Stadt bzw. Gemeinde (21 Prozent), gefolgt vom Gefühl, Europäer zu sein (17 Prozent). Erst danach folgt an vierter Stelle die Verbundenheit zum jeweiligen Bundesland (11 Prozent).

In Sachsen hingegen gab es 2006 zwar durchweg hohe Verbundenheitswerte für alle abgefragten Ebenen (auf einer Skala von 0 = „sehr nah“ bis 9 = „überhaupt nicht nah“ bewegten sich sämtliche Werte zwischen 2 und 2,7), jedoch es fällt auf, dass sich die Sachsen damals gegenüber den heutigen Werten für Deutschland insgesamt genau umgekehrt positionierten: Die Identifikation mit dem Bundesland Sachsen stand (und steht?) an erster Stelle, während jene mit Deutschland noch nach der regionalen bzw. lokalen Identitätsbasis erst an dritter Stelle rangierte.

Möglicherweise deutet sich hier an, dass der viel zitierte „Sachsenstolz“ hierzulande ein dominantes Gefühl darstellte, während sich die Identifikation der Sachsen mit Deutschland noch nicht so stark durchgesetzt hatte. Methodisch einschränkend ist allerdings anzumerken, dass in der sächsischen Umfrage die Kategorien „Europa“ und „Weltbürger“ nicht mit abgefragt wurden.

--- siehe unten Abb. 2: Umfrage zur primären Identifikationsebene (Deutschland 2017) (Quelle: Statista 2017)


--- siehe unten Abb. 3: Heimatverbundenheit der Sachsen 2006
Quelle: Sachsen, Staatskanzlei (mit TND Emnid), 2006: Politflash Freistaat Sachsen, Januar 2006. Trend & Meinung. Demoskopie in Sachsen. Dresden: Sächsische Staatskanzlei. Online:
https://publikationen.sachsen.de/bdb/artikel/10615/documents/10722


 

2.3. Hilfsvariable Wanderungsbewegungen

Wenn einst fortgezogene Sachsen sich nach Jahren dafür entscheiden, wieder nach Sachsen zurückzukehren (wofür einige Kommunen ja sogar aktiv werben!), kann dies als ein Indiz für Heimatverbundenheit gewertet werden, ob nun berufliche, familiäre oder andere Faktoren hierfür den Ausschlag gegeben haben mögen.

Aktuell kehrt sich für Sachsen seit 2012 im Saldo der Wanderungsverlust in einen Wanderungsgewinn um, nachdem zuvor 13 Jahre in Folge die Fortzüge überwogen hatten (s. Abb. 4 und 5). Der positive Wanderungssaldo bezüglich der deutschen Bevölkerung wurde dabei zunächst maßgeblich von dem schon seit 1996 festgestellten Wanderungsgewinn gegenüber den neuen Bundesländern bestimmt. Aber seit 2013 wurden erstmalig auch Wanderungsgewinne Deutscher gegenüber dem früheren Bundesgebiet und Berlin verzeichnet, wenngleich in noch nicht sehr beträchtlichem Ausmaß.
(Quelle: Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen (Hg.), 2017: 2. Sächsische Wanderungsanalyse. Ergebnisbericht. Kamenz: Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen. Online (PDF-Version):
https://www.demografie-portal.de/SharedDocs/Downloads/DE/Studien/Zweite-Saechsische-Wanderungsanalyse.pdf?__blob=publicationFile&v=1, hier: S. 30f.).

Dabei unterteilen sich die Zuzüge nach Sachsen zwischen 2010 und 2015 in drei Gruppen (ohne Berücksichtigung der Asylsuchenden): Arbeits-, Bildungs- und Familienmigranten. „Die anteilmäßig stärkste Zuwanderungsgruppe bilden die Arbeitsmigranten mit 54,6 Prozent, gefolgt von den Bildungsmigranten mit 33,5 Prozent. Rund 12 Prozent können den Familienmigranten zugeordnet werden. Einer von vier Zugezogenen wurde ursprünglich in Sachsen geboren und kehrte nun wieder in den Freistaat zurück. Die Mehrheit von ihnen (73,9 Prozent) sind Arbeitsmigranten“ (ibid., S. 8).

Zusammenfassend ist hier festzuhalten, dass in den letzten Jahren ein leichtes Plus an Sachsen-Rückkehrern festzustellen ist, das sich m.E. als Ausdruck leicht steigender regional definierter Heimatverbundenheit deuten lässt.

--- siehe unten Abb. 4: Zu- und Fortzüge nach/von Sachsen 1990 bis 2015 nach Herkunfts- bzw. Zielgebiet
Quelle: https://www.statistik.sachsen.de/download/010_GB-Bev/02_03_05_nZ.pdf


--- siehe unten Abb. 5: Zu- und Fortzüge nach/von Sachsen 2011 bis 2015 nach Herkunfts- bzw. Zielgebiet
Quelle: https://www.demografie-portal.de/SharedDocs/Downloads/DE/Studien/Zweite-Saechsische-Wanderungsanalyse.pdf?__blob=publicationFile&v=1, S. 30


 

2.4. Hilfsvariable gesellschaftlicher Zusammenhalt und Fazit

Wenn sich die Heimatverbundenheit der Sachsen u.a. in einer starken Landes- und Regionalidentität ausdrückt, so würde sich ein positives Heimatbild dadurch abrunden, dass eine funktionierende Zivilgesellschaft und ein vielfältiges kulturelles Miteinander vor Ort insgesamt einen hohen Grad an gesellschaftlichem Zusammenhalt zur Folge hätten. Eine aktuelle Bundesländer-Vergleichsstudie der Bertelsmann-Stiftung (2017) kommt jedoch diesbezüglich für Sachsen zu wenig ermutigenden Befunden, die hier gekürzt und gegliedert nach den neun Untersuchungsdimensionen der Studie zusammengefasst werden:

  • Bei Skalen jeweils zwischen null (minimaler Zusammenhalt) und 100 (maximaler Zusammenhalt) weist Sachsen „in der Dimension soziale Netze mit 68,38 Punkten den zweitniedrigsten Wert aller Bundesländer auf.
  • Sachsen erreicht in der Dimension Vertrauen in Mitmenschen einen Wert von 52,02 und weist damit den fünftniedrigsten Wert im Bundesländervergleich auf.
  • Sachsen weist in der Dimension Akzeptanz von Diversität einen Indexwert von 68,34 und damit den niedrigsten Wert aller Bundesländer auf.
  • Sachsen weist in der Dimension Identifikation mit dem Gemeinwesen einen Wert von 76,1 auf und bleibt in dieser Dimension somit leicht unter dem Bundesdurchschnitt.
  • Sachsen kommt in der Dimension Vertrauen in Institutionen auf 51,31 Punkte und erzielt damit den zweitniedrigsten Wert im Vergleich der Bundesländer.
  • Sachsen weist in der Dimension Gerechtigkeitsempfinden mit 33,67 Punkten den viertniedrigsten Wert aller Bundesländer auf.
  • Sachsen weist in der Dimension Solidarität und Hilfsbereitschaft einen Indexwert von 43,31 auf und steht somit an viertletzter Stelle im Vergleich der Bundesländer.
  • Sachsen weist in der Dimension Anerkennung sozialer Regeln mit 73,31 Punkten den viertniedrigsten Indexwert aller Bundesländer auf.
  • Sachsen erzielt in der Dimension gesellschaftliche Teilhabe mit 47,11 Punkten den zweitniedrigsten Indexwert aller Bundesländer.“ (Bertelsmann-Stiftung 2017, passim.)

Im Ergebnis aller Dimensionen liegt Sachsen hinsichtlich des gesellschaftlichen Zusammenhalts damit insgesamt auf dem letzten Rang aller Bundesländer - bei einem durchschnittlichen Gesamtindexwert von nur 57,06 Punkten. Bei regionaler Aufschlüsselung innerhalb Sachsens stellt sich heraus, dass der Erzgebirgskreis, Vogtlandkreis und der Raum Zwickau noch am relativ günstigsten abschneiden (Indexwerte um 60), während der allergeringste gesellschaftliche Zusammenhalt in Dresden, Bautzen, Görlitz sowie in der Sächsischen Schweiz/Osterzgebirge besteht (Indexwerte unter 55). Die weiteren Gebiete (Chemnitz, Mittelsachsen, Meißen, Leipzig, Nordsachsen) erzielen Werte zwischen 56,2 und 58,2. Zum Vergleich: Der Durchschnittswert für Deutschland betrug 61,37, den besten Wert im Bundesländervergleich erzielte das Saarland mit 63,07.

Insgesamt legen die Daten nahe, dass in Sachsen offenbar noch einige Defizite abzubauen sind, bevor die Heimat tatsächlich auch gesellschaftlich zu einem Platz für Romantiker werden kann.

(Quelle: Bertelsmann-Stiftung (Hg.), 2017: Sozialer Zusammenhalt in Deutschland 2017. Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt. Gütersloh: Bertelsmann-Stiftung. Online (PDF-Version der Studie):
https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/Projekte/Gesellschaftlicher_Zusammenhalt/ST-LW_Profil_Sachsen_Zusammenhalt_2017.pdf
sowie
https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/ST-LW_Studie_Zusammenhalt_in_Deutschland_2017.pdf).

Der Dialog ist beendet

Über kurz oder lang werden fast alle Menschen in Städten leben.

Hintergrundinformationen zur These „Über kurz oder lang werden alle Menschen in Städten wohnen“.

 

Eine kleine Geschichte der Urbanisierung

Urbanisierung („Verstädterung“, von lat. Urbs, die Stadt) ist kein Phänomen der jüngeren Moderne, sondern ereignet sich bereits seit Jahrhunderten. Schon in vormodernen Zeiten bildeten sich Ballungsräume, welche auch nach heutigen Maßstäben als Großstädte gelten können. So wies das antike Rom im Zenit seiner Größe eine Einwohnerzahl von ca. 450 000 Bewohnern auf. Zum Vergleich: In der Landeshauptstadt Dresden und eingemeindeten, angrenzenden Ortschaften wohnen derzeit ca. 550 000 Menschen. Historisch betrachtet entstehen solche Ballungszentren, sobald bestimmte technologische und politische Voraussetzungen erfüllt sind. So wies das antike Rom nicht nur ein hohes Verständnis von Hygiene und (Ab-)Wassersystemen, sondern darüber hinaus eine hocheffiziente Verwaltung und ein handlungsfähiges Rechtssystem auf.

Der Urbanisierungsgrad, also der Anteil der Bevölkerung, welche in Städten lebt, gemessen an der gesamten Einwohnerzahl, kann aus zwei Gründen zunehmen: Einerseits durch Binnenmigration, also durch die Bewegung von ehemaliger Landbevölkerung in die Städte. Andererseits dadurch, dass die Fortpflanzungsrate in den Städten höher ist, als im ländlichen Raum – die urbanen Regionen wachsen dann schlicht schneller und stellen somit einen zunehmend höheren Anteil der Gesamtbevölkerung dar.

Zu Zeiten der industriellen Revolution Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts nahm die Verstädterung in Europa vor allem durch Binnenmigration massiv zu: Während 1871, zu Beginn des Deutschen Kaiserreichs, nur etwa 36% der deutschen Bevölkerung in Städten wohnte, so betrug dieser Anteil im Jahr 1910 etwa 60%. Gründe für die Binnenmigration waren vor allem wirtschaftliche: Mit der bereits abgeschafften Leibeigenschaft existierten nun Arbeitskräfte, die nach Lebensbedingungen suchten, welche den ehemaligen, mitunter sklavenähnlichen Arbeitssituationen überlegen waren. Gleichzeitig konzentrierte sich der Bodenbesitz im sich entfaltenden Wirtschaftssystem des Kapitalismus auf zunehmend weniger Besitzer, welche aber nur einen begrenzten Bedarf nach zu entlohnenden Arbeitskräften auswiesen. In den Städten hingegen gab es durch die neu entstehenden Fabriken und Manufakturen Bedarf nach diesen Arbeitskräften – aus ehemaligen Leibeigenen oder Kleinbauern wurden industrielle Arbeiter.

 

Mehr zum Thema Verstädterung.

Mehr zu Ursachen der Urbanisierung.

 

Urbanisierung in der späten Moderne: von Megastädten und Slums

Betrachtet man die Verstädterung heutzutage, so wächst die Stadtbevölkerung vor allem im asiatischen, südamerikanischen und afrikanischen Raum. Dieses Wachstum hängt jedoch weniger mit der Binnenmigration – also der klassischen „Landflucht“ – zusammen, sondern mit der Tatsache, dass die Gesundheitsversorgung in den Städten deutlich besser und damit die Sterblichkeitsrate deutlich niedriger ist. Die Schwellenländer folgen damit dem Trend, welcher in den klassischen Industrieländern schon im 20. Jahrhundert eingesetzt hat, auf anderem Wege. Im Jahr 2007 ließ sich der „Kipppunkt“ eines Urbanisierungsgrades von 50% beobachten – seitdem leben weltweit mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Darüber hinaus existieren Schätzungen der UNO, wonach dieser Anteil bis 2030 auf 60% und bis 2050 auf 70% steigen wird.

Hierbei lässt sich ein neues Phänomen beobachten: Die Verstädterung konzentriert sich auf einige wenige Städte, wodurch gigantische Ballungsräume mit bis zu 35 Millionen Einwohnern entstehen. Solche Ansammlungen von Menschen stellen für die Politik und Verwaltung vor Ort eine enorme Herausforderung dar, die Bildung von Slums – informelle Siedlungen, die oft keine Anbindung an Wasser- und Stromnetze aufweisen - erzeugt Potenzial für Kriminalität und soziale Unruhen. Dennoch, so lässt sich argumentieren, bietet die Urbanisierung auch Chancen, da durch gezielte Sozial-, Bildungs- und Infrastrukturpolitik in Megastädten Entwicklungspolitik viel zielgerichteter stattfinden kann als im ländlichen Raum.

 

Ausführliche Materialsammlung der UNO zur globalen Bevölkerungsentwicklung.

Ausführliche Themensammlung der BpB zum Thema Megastädte.

Studie der Landesbank BW zu Ursachen und Folgen globaler Urbanisierung.

 

Urbanisierung in Deutschland

Auch in Deutschland nimmt die Verstädterung weiter zu, hier allerdings mehr aufgrund von Binnenmigration. Wie eine Studie von Empirica im Auftrag der GdW nachweist, handelt es sich hierbei vor allem um das „Schwarmverhalten“ junger Menschen, welche nach dem Schulabschluss den ländlichen Raum verlassen. Nahezu alle ländlichen Regionen spüren diesen Abgang, insbesondere jedoch die der ostdeutschen Bundesländer. Dieser „Sogeffekt“ zwischen Städten und Umland lässt sich so auch in Sachsen gut beobachten: Dresden, Leipzig und Chemnitz sind die einzigen Gebiete in Sachsen, welche eine positive Bevölkerungsentwicklung aufweisen.

Schaut man darüber hinaus nur auf die Bewegung junger Menschen, zeigt sich ein noch klareres Bild. Aus 100 derzeit 10-14-Jährigen, in Leipzig lebenden Jugendlichen würden in 60 Jahren bei unveränderter Entwicklung über 335 70-74-Jährige (Dresden: 200-300; Chemnitz: 150-200). Die Stadt Leipzig liegt damit an der Spitze der in der Studie untersuchten Städte – nirgendwo in Deutschland siedeln sich derzeit mehr junge Menschen an, ohne dass im selben Maß Wegzug beobachtet werden kann. Die Gründe für diese „Schwarmmigration“ sind meistens der Beginn einer Ausbildung, eines Studiums oder der Berufseinstieg. 63% der beginnenden Azubis/Studierende in ganz Deutschland sind im ländlichen Raum aufgewachsen – dennoch schrumpft dort dieselbe Altersklasse um 14%. Zum Berufseinstieg kehren einige junge Menschen auf das Land zurück – jedoch nur in Nord- und Süddeutschland. In den ostdeutschen Bundesländern kehren junge Menschen dem ländlichen Raum statistisch gesehen dauerhaft den Rücken.

 

Suburbanisierung und Desurbanisierung – Landlust oder Speckgürtel?

Dennoch zeichnen sich auch statistisch Gegentrends zur Verstädterung ab, welche möglicherweise in Zukunft zunehmen könnten. Obwohl die Abwanderung junger, bildungsaffiner Menschen für viele (gerade ostdeutsche) Landkreise auch künftig ein Problem darstellen wird, siedeln sich gerade Menschen im mittleren Alter wieder vermehrt außerhalb der Städte an – doch auch hier lässt sich beobachten, dass die ostdeutschen ländlichen Regionen dadurch keinen Zuwachs an Bevölkerung verzeichnen – mit Ausnahme der Landkreise, welche direkt an große Städte angrenzen. Leichtes Wachstum (0-5% der 35-45-Jährigen) lässt sich rund um Leipzig verzeichnen (LK Nordsachsen, LK Leipzig), mittleres Wachstum (5-10%) rund um Dresden (LK Meißen, LK Sächsische Schweiz/Osterzgebirge). Enorm ist das Wachstum in dieser Altersklasse rund um die Stadt Berlin, die Spitze bilden die Landkreise um Potsdam – sie verzeichnen ein Wachstum von über 20% der Bevölkerung zwischen 35 und 45 Jahren. Landkreise, die nicht an eine größere Stadt angrenzen, gehen leer aus, doch auch kleinere Städte verlieren Bevölkerung an große Städte und angrenzende Landstriche – junge Menschen nutzen diese statistisch gesehen also nur als „Durchgangsstation“.

Ob sich diese „Suburbanisierung“ als Gegentrend zur Landflucht junger Menschen begreifen lässt, bleibt also fraglich. Der Wunsch nach einer ländlichen Wohngegend wird immer öfter verbunden mit dem Anspruch, dennoch an das Leben einer Großstadt angebunden zu sein. Selbstverständlich lassen sich deutsche Großstädte nicht mit den Dimensionen globaler Megastädte vergleichen – dennoch zeichnet sich auch in Deutschland das Bild von immer weniger Städten, welche immer mehr wachsen – umschlossen von einer Großzahl an landlustiger Bevölkerung.

 

Untersuchung des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung zum Thema „Suburbanisierung“.

Mehr zum Thema „Schrumpfende Städte“.

 

Weiterführende Literatur

Burmeister, Klaus: Stadt als System. Trends und Herausforderungen für die Zukunft urbaner Räume. München, 2016.

Heineberg, Heinz et al.: Stadtgeographie. Paderborn, 2014.

Magnago Lampugnani, Vittorio: Die Stadt von der Neuzeit bis zum 19. Jahrhundert: urbane Entwürfe in Europa und Nordamerika. Berlin, 2017.

Schmidt-Kallert, Einhard: Magnet Stadt. Urbanisierung im globalen Süden. Wuppertal, 2016.

Vogelgesang, Waldemar et al.: Stadt - Land - Fluss. Sozialer Wandel im regionalen Kontext. Wiesbaden, 2018.

 

 

 

 

 

Der Dialog ist beendet

Großstädte sind familienfeindlich.

Hintergrundinfos zur These: Großstädte sind familienfeindlich

Ein subjektiver Blick – wie schätzen die Einwohner der Großstädte deren Familienfreundlichkeit bzw. -feindlichkeit ein?
49 Prozent der Einwohner der 10 größten Städte Deutschlands bezeichnen ihre Stadt als familienfreundlich, 51 Prozent halten sie für seniorenfreundlich und 86 Prozent für weltoffen (Quelle: BAT Stiftung für Zukunftsfragen, Statista 2017).
65 Prozent der Einwohner von Stuttgart halten ihre Stadt für familienfreundlich, dahinter kommen Dortmund mit 63 Prozent und Bremen mit 61 Prozent. Schaut man sich die größten deutschen Städte an, so ist wird Hamburg immerhin von 60 Prozent der Einwohner als familienfreundlich angesehen, in München sind es 56 Prozent und in Berlin nur 48 Prozent. (Quelle: Statista)

Begriffe und Definitionen:

Definition "familienfeindlich": Der Familie (als sozialer Gruppe) nicht dienlich, förderlich, gegen sie eingestellt. (Quelle: Duden)

Wie sich aus den unterschiedlichsten Rankings der Familienfreundlichkeit deutscher Städte ergibt, sind die Kriterien dessen, was als „familienfeindlich“ oder „familienfreundlich“ eingestuft wird, sehr unterschiedlich.  Die Kriterien für Familienfreundlichkeit, verstanden als die Rahmenbedingungen, welche für die Lebenssituation von Familien im jeweiligen Umfeld als besonders relevant eingeschätzt werden, schwanken also je nach der Position des Betrachters. Selbst über die Frage, welche Lebensform als "Familie" definiert wird, gehen die Meinungen auseinander. Im folgenden Text verstehen wir unter Familie eine durch Partnerschaft, Heirat, Lebenspartnerschaft, Adoption oder Abstammung begründete Lebensgemeinschaft, meist aus Eltern oder Erziehungsberechtigten sowie Kindern bestehend. Da sich dieser Familienbegriff überwiegend am Vorhandensein von Kindern fest macht, werden im Folgenden die Begriffe familienfreundlich bzw. familiefeindlich und kinderfreundlich bzw. kinderfeindlich gleich gesetzt.

Als Kriterien für die Familienfreundlichkeit des Umfelds werden die Punkte Wohnsituation (Wohnungsangebot, -ausstattung, Mieten), Bildung und Kinderbetreuung, Arbeitsplatzsituationn und Sicherheit vor Kriminalität herangezogen.

Großstädte sind nach einer Begriffsbestimmung der Internationalen Statistikkonferenz von 1887 alle Städte mit mindestens 100.000 Einwohnern. In Sachsen sind dies nur Dresden, Leipzig und Chemnitz.

Siehe ausführliche Darstellungen zum Thema Familiefreundlichkeit in Deutschland im Familienatlas 2012 des Bundesfamilienministeriums sowie den Familienindex Deutschland.
Zur Relevanz familienpolitischer Handlungsfelder aus Sicht der Kommunen siehe Abbildung 1 unten.
 

Wohnsituation
Will man die Wohnsituation von Familien in Stadt und Land einschätzen, so muss man sich anschauen, was der Wohnraum in Bezug auf die Durchschnittsgehälter kostet. Wie Abbildung 2 unten zeigt, sind die Mieten in den deutschen Großstädten in den letzten Jahren rapide gestiegen. Auch wenn man von einem gleichzeitigen Anstieg der Gehälter ausgehen kann, so ist doch der relative Anteil der Kosten des Wohnens vergleichsweise hoch. Hinzu kommt, dass in Ostdeutschland der Durchschnittsverdienst noch immer deutlich niedriger liegt als im Westen. Da Familien mit Kindern tendenziell größere Wohnungen brauchen, schlagen hier hohe Kosten fürs Wohnen stärker zu Buche. Interessant ist vor allem, dass Dresden hinsichtlich der Bezahlbarkeit von Wohnraum in Bezug auf Durchschnittsgehälter und Immobilienpreise die teuerste deutsche Großstadt noch vor Berlin und München ist (Quelle: Homeday Familien-Index).
Die Unterschiede zwischen Stadt und Land in Sachen Wohnen machen sich auch daran fest, dass der Anteil der Bevölkerung, bei dem sich die Wohnkosten auf mehr als 40 Prozent des Nettoeinkommens belaufen (man spricht hier von der Quote der Überbelastung) 2016 in geringbesiedelten Gebieten bei 12,2 Prozent, in dicht besiedelten Gebieten aber bei 19,6 Prozent lag (Quelle: Eurostat/ Statista 2017). Städter müssen also einen größeren Anteil ihres Einkommens für den Faktor Wohnen aufbringen als Menschen, die auf dem Land leben.

Siehe Abbildung 3 unten zur Wohnsituation von Familien in Deutschland.


Bildung und Kinderbetreuung
Generell lässt sich sagen, dass es extreme Unterschiede hinsichtlich der schulischen Versorgung von Kindern in der Bundesrepublik gibt. Dies ist eine Auswirkung des Bildungsföderalismus. Verschärft werden diese Unterschiede noch durch die spezifischen Rahmenbedingung in Stadt und Land.
Hinsichtlich der Betreuungsbedingungen für Kinder (darunter versteht man die Schüler-Lehrer-Relation, die Unterrichtsstunden, die Klassengröße und die Betreuungsrelation in Kindergärten) steht Sachsen nach dem Bildungsmonitor bundesweit auf Platz fünf (Quelle INSM, Statista 2017). Dies sagt jedoch noch nichts über die Unterschiede in der Qualität der Bildung in Stadt und Land aus. Sie macht sich unter anderem daran fest, wie groß die Schulklassen sind, ob Schulen jeder Schulart vor Ort vertreten sind oder ob die Schüler weite Wege zurückzulegen haben. Aufgrund der demographischen Entwicklung und der damit verbundenen sinkenden Einwohnerzahl in ländlichen Gebieten vor allem in Ostdeutschland sind viele Schulstandorte gefährdet und das Schulnetz dünnt aus. Vor allem im ländlichen Raum Ostdeutschlands liegt die mittlere Distanz zu Grundschulen bereits jetzt vielerorts über den vereinzelt in Schulgesetzen festgelegten 2 km. Der Raumordnungsbericht des Bundes kommt zu dem Schluss, dass es ein deutliches Gefälle zwischen Stadt und Land, zwischen urbanen und peripheren Regionen in Sachen Bildung gibt.
Während in Gemeinden mit bis zu 5.000 Einwohnern nur 21 Prozent der Bevölkerung einen Fachhochschul- oder Hochschulabschluss erwirbt, sind es in Großstädten 41,9 Prozent. (Quelle: Statistisches Bundesamt Mikrozensus 2016, Ausgabe 2018)

Siehe Abbildung 4 unten zur Bildungssituation in Deutschland.


Arbeitsplatz- und Lebenssituation in Stadt und Land
In Sachsen lassen sich deutliche Unterschiede in der Beschäftigungssituation in Stadt und Land erkennen. Die Großstädte bzw. Oberzentren sind weiterhin die wichtigsten Arbeitsplatzzentren, vor allem in kleineren Gemeinden führt ein beschränktes Arbeitsplatzangebot zu Pendlerverflechtungen hin zu attraktiven Arbeitsplätzen. Vor allem Dresden, Leipzig, Chemnitz und Zwickau profitieren von dieser Entwicklung. Im ostsächsischen Raum und in Nordsachsen ist dagegen die Arbeitsplatzdichte gering (siehe dazu Abbildung 5 unten). Die Arbeitslosenquote in den ländlichen Gebieten ist deutlich höher als in den Großstädten, in den unmittelbaren „Speckgürteln“ der Großstädte ist die Arbeitsplatzsituation dagegen besonders günstig.
Zwar ist das Arbeitsangebot auf dem Land nicht so groß wie in der Stadt, ländliche Räume haben aber dennoch geringere Armutsquoten als Städte. Armut trifft vor allem Arbeitslose, Alleinerziehende und Migranten, diese Risikogruppen leben häufiger in den großen Städten, was zu einer Ballung von sozialen Problemen führen kann.

Siehe Abbildung 5 unten zur Arbeitsplatzdichte in Sachsen.


Sicherheit vor Kriminalität
Hinsichtlich der Häufigkeit von Straftaten liegt Sachsen bundesweit auf Platz sechs. Das Land mit den meisten Straftaten ist Berlin, gefolgt von Bremen und Hamburg, am sichersten lebt man in Baden-Württemberg. Leipzig ist laut der Kriminalitätsstatistik 2016 zusammen mit Berlin die gefährlichste Stadt Deutschlands. Die höchste Kriminalitätsrate haben Städte über 500.000 Einwohnern. Alleine der Blick auf diese Rangfolge zeigt, dass das Leben in großen Städten offensichtlich gefährlicher ist als auf dem Land. Dies ist ein Tatbestand, der zwar alle Bürger gleichermaßen betrifft, für Familien mit Kindern jedoch auch ein wichtiger Faktor bei der Auswahl des Wohnortes sein dürfte.

Siehe zur Kriminalität in Städten Abbildung 6 unten.

Alles in allem sind die Bedingungen für Familien wohl in den mittelgroßen Städten am besten. Dort gibt es bezahlbaren Wohnraum, eine gute schulische Infrastruktur, ein sicheres Umfeld und ein gutes Freizeitangebot.

Der Dialog ist beendet

Gleichwertige Lebensverhaltnisse in Stadt und Land sind nicht mehr bezahlbar.

1. Was sind überhaupt „gleichwertige Lebensverhältnisse“?

Die Herstellung von gleichwertigen Lebensverhältnissen ist eine zentrale Leitidee für die Entwicklung von Bund und Ländern und zielt insbesondere auf die Daseinsvorsorge, Einkommen und Erwerbsmöglichkeiten ab. Sie ist erklärtes Handlungsziel von Bundesregierungen und befand sich in unterschiedlicher Ausprägung und Betonung spätestens seit der Wiedervereinigung in allen Koalitionsverträgen (z.B. 2013 auf S. 18, 2009 auf S. 50, 2005 auf S. 189, 2002 auf S. 8). Auch im Entwurf des Koalitionsvertrages der möglichen neuen Großen Koalition von SPD und CDU/CSU von 2018 findet er sich auf S. 4:

Unser Ziel sind gleichwertige Lebensverhältnisse im urbanen und ländlichen Raum in ganz Deutschland.“

Bei der Definition von „gleichwertigen Lebensverhältnisse“ stößt man sehr schnell auf das sogenannte Raumordnungsrecht. Darin wird grob gesagt geregelt, wie größere Gebietseinheiten (z.B. Regionen oder Länder) dauerhaft als Lebensraum genutzt werden können. Die konkreteste rechtliche Ausformulierung des Begriffes der „gleichwertigen Lebensverhältnisse“ findet sich im sogenannten Raumordnungsgesetz (ROG) im § 2 Abs. 2 Nr. 1 (Link). Dort findet man die folgenden Punkte:

  • Im Gesamtraum der Bundesrepublik Deutschland sind ausgeglichene, soziale, infrastrukturelle, wirtschaftliche, ökologische und kulturelle Verhältnisse anzustreben.
  • Daseinsvorsoge, nachhaltiges Wirtschaftswachstum, Innovation, Entwicklungspotenzialen und Ressourcen sind zu sichern.
  • Ballungsräume, ländliche Räume, strukturschwache und strukturstarke Regionen sind dabei gleichermaßen zu beachten.
  • Demografischen, wirtschaftlichen, sozialen sowie anderen strukturverändernden Herausforderungen ist Rechnung zu tragen.

Gleichwertige Lebensverhältnisse beziehen sich demnach gleichermaßen auf soziale, infrastrukturelle, wirtschaftliche, ökologische und kulturelle Bereiche. Der Staat muss hier einen Ausgleich anstreben und dabei aktuelle Herausforderungen beachten.

 

2. Gleichwertige Lebensverhältnisse als Staatsauftrag

Die Schaffung einer Raumordnung ist eng verknüpft mit dem Grundgesetz und der Idee des Sozialstaates. Unter einem Sozialstaat versteht man einen Staat, dessen Handeln auf soziale Sicherheit und Gerechtigkeit ausgerichtet ist, um die Teilhabe aller seiner Bürger an der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung zu gewährleisten. Ein wesentliche Faktor davon sind eben auch gleichwertige Lebensverhältnisse.

Entsprechend bezieht sich das Grundgesetz an mehreren Stellen explizit auf diese Leitidee. Die im Art. 20 GG als Sozialstaat definierte Bundesrepublik Deutschland weist dem Bund dafür seit der Verfassungsreform von 1994 im Art. 72 GG ein Gesetzgebungsrecht zur „Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse“ zu.

Der Staat muss also einen Ausgleich anstreben. Diese vorsichtige Formulierung trägt der Tatsache Rechnung, dass der Politik bei der Gestaltung dieses Ausgleichs auch Grenzen gesetzt sind. „Gleichwertig“ kann nicht gleichbedeutend mit „gleich“ verstanden werden. So wird selbst unter idealen Bedingungen klar sein, dass z.B. ein U-Bahn-Anschluss auf dem Dorf nicht realistisch für die Entwicklung ländlicher Räume sein kann. Es geht insgesamt also weniger um die Abschaffung aller Unterschiede zwischen Stadt und Land, sondern um eine Gleichstellung. Dies bedeutet, dass sich Unterschiede bis zu einem gewissen Grad zwar nicht vermeiden lassen, aber z.B. der örtliche Arzt durch einen in der Versorgungsqualität vergleichbaren mobilen Arzt ersetzt wird.

Der Länderfinanzausgleich

Über das System des Länderfinanzausgleichs, das im Art. 106 und Art. 107 ff. GG festgeschrieben ist, soll garantiert werden, dass auch finanzschwache Bundesländer ihren Bürgern die dafür notwendige Infrastruktur bereitstellen können. Das System dieses solidarischen Ausgleichs war in der Vergangenheit immer öfter Zankapfel zwischen den Bundesländern. So wurde lange zwischen sogenannten "Geberländern" (2016 zuletzt Baden-Württemberg, Bayern, Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Hessen) und "Nehmerländern" (alle anderen Bundesländer) unterschieden und insbesondere der Freistaat Bayern, aus dem mehr als die Hälfte aller Gelder für den Länderfinanzausgleich kommt, fühlte sich als Geber überstrapaziert. Interessanterweise war Bayern bis Ende der 1980er Jahre selber ein sogenanntes Nehmerland. Im Sommer 2017 wurde beschlossen das System ab 2020 neu zu ordnen und dem Bund im Finanzausgleich mehr Kompetenzen einzuräumen.  

Die öffentliche Daseinsvorsorge

Die spannende Frage ist, welche Spielräume hat der Staat bei der Auslegung dieser Aufgabe? Aus der Perspektive des Grundgesetzes müssen Mindestvoraussetzungen für ein menschenwürdiges Leben garantiert werden. Eine solche Grundversorgung umfasst die Bereitstellung aller notwendigen Güter und Dienstleistungen zu sozial verträglichen Preisen. Eine solche öffentliche Daseinsvorsorge ist staatliche Aufgabe, weswegen diese größtenteils von kommunalwirtschaftlichen Betrieben wahrgenommen werden.

Welche Güter und Leistungen als existenziell anzusehen sind, ist durch die Politik zu ermitteln und über die Zeit hinweg anzupassen. Insbesondere der  Bereich technischer Dienstleistungen unterliegt ständigen Veränderungen und durch Innovationen (z.B. in Informations- und Kommunikationstechnologie).

Zum allgemeinen Kanon der Grundversorgung zählen heute z.B. die folgenden Aufgabenfelder:

 

I. Technische Dienstleistungen

  • Verkehrsinfrastruktur
  • Öffentlicher Nahverkehr
  • Kommunikationsdienstleistungen
  • Energieversorgung
  • Wasserwirtschaft
  • Ver-/Entsorgung und Abfallwirtschaft
  • Hochwasserschutz
  • Katastrophenschutz
  • Feuerwehr
  • Rettungswesen
  • Wohnungswirtschaft und sozialer Wohnungsbau

 

II. Soziale Dienstleistungen

  • Kulturelle Versorgung
  • Bildung und Schule
  • Kinderbetreuung
  • Gesundheitswesen
  • Altenpflege
  • Öffentliche Sicherheit
  • Sportstätten
  • Friedhöfe

 

III. Ökologische Dienstleistungen

  • Nahrungsmittelversorgung
  • Umweltschutz: Boden, Wasser, Luft
  • Biodiversität
  • Freizeitmöglichkeiten

 

3. Anspruch vs. Wirklichkeit 

Indikatoren für gleichwertige Lebensverhältnisse

Um zu überprüfen welche regionalen Unterschiede in Deutschland in Bezug auf die Lebensverhältnisse vorherrschen kann man aus den Aufgabenfeldern der Daseinsvorsorge die z.B. folgenden Indikatoren ableiten:

  • Wirtschaftskraft
  • Arbeitslosigkeit
  • Einkommen
  • Demografie und Bevölkerungsentwicklung
  • Abwanderung
  • Durchschnittsalter
  • Tourismusaufkommen
  • Erreichbarkeit von Verkehrsinfrastruktur
  • Kaufkraft
  • Zugang zu gesundheitlicher Versorgung
  • Erreichbarkeit von Einzelhandel und Supermärkten
  • Zugang zu Breitband-Internet
  • Umweltbelastungen wie Feinstaubkonzentration
  • Zugang zu Museen, Kinos, Theatern, Bibliotheken

 

In allen genannten Bereichen gibt es starke regionale Unterschiede. Vor allem im wirtschaftlichen, sozialen und infrastrukturellen Bereich gibt es in Deutschland teils deutliche Verwerfungen.

Trotz erfreulicher Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt in den letzten Jahren bestehen im innerdeutschen Vergleich, z.B. in Bezug auf die subjektive Lebenszufriedenheit, die Kaufkraft, die Armutsgefährdung oder das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner, auf regionaler Ebene sehr deutliche Unterschiede (Zahlen siehe Galerie unten). Insbesondere der Ost-West-Vergleich ist weiterhin auffällig. Gründe dafür sind zum Teil in der unterschiedlichen Wirtschaftsstruktur zu suchen. Im Osten fehlen die großen Unternehmen und Konzerne, die z.B. in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg oder Bayern zu finden sind. Auch die demografische Entwicklung in vielen ländlichen Regionen wirkt sich nachteilig auf die wirtschaftliche Entwicklung aus. Die Anpassung der Versorgung zur Sicherung der gleichwertigen Lebensverhältnisse muss hier den Spagat zwischen guter Versorgung und dauerhafter Finanzierbarkeit schaffen. Dies ist nach Ansicht vieler Experten auch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt von entscheidender Bedeutung.

Der Dialog ist beendet