Über kurz oder lang werden fast alle Menschen in Städten leben.

Hintergrundinformationen zur These „Über kurz oder lang werden alle Menschen in Städten wohnen“.

 

Eine kleine Geschichte der Urbanisierung

Urbanisierung („Verstädterung“, von lat. Urbs, die Stadt) ist kein Phänomen der jüngeren Moderne, sondern ereignet sich bereits seit Jahrhunderten. Schon in vormodernen Zeiten bildeten sich Ballungsräume, welche auch nach heutigen Maßstäben als Großstädte gelten können. So wies das antike Rom im Zenit seiner Größe eine Einwohnerzahl von ca. 450 000 Bewohnern auf. Zum Vergleich: In der Landeshauptstadt Dresden und eingemeindeten, angrenzenden Ortschaften wohnen derzeit ca. 550 000 Menschen. Historisch betrachtet entstehen solche Ballungszentren, sobald bestimmte technologische und politische Voraussetzungen erfüllt sind. So wies das antike Rom nicht nur ein hohes Verständnis von Hygiene und (Ab-)Wassersystemen, sondern darüber hinaus eine hocheffiziente Verwaltung und ein handlungsfähiges Rechtssystem auf.

Der Urbanisierungsgrad, also der Anteil der Bevölkerung, welche in Städten lebt, gemessen an der gesamten Einwohnerzahl, kann aus zwei Gründen zunehmen: Einerseits durch Binnenmigration, also durch die Bewegung von ehemaliger Landbevölkerung in die Städte. Andererseits dadurch, dass die Fortpflanzungsrate in den Städten höher ist, als im ländlichen Raum – die urbanen Regionen wachsen dann schlicht schneller und stellen somit einen zunehmend höheren Anteil der Gesamtbevölkerung dar.

Zu Zeiten der industriellen Revolution Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts nahm die Verstädterung in Europa vor allem durch Binnenmigration massiv zu: Während 1871, zu Beginn des Deutschen Kaiserreichs, nur etwa 36% der deutschen Bevölkerung in Städten wohnte, so betrug dieser Anteil im Jahr 1910 etwa 60%. Gründe für die Binnenmigration waren vor allem wirtschaftliche: Mit der bereits abgeschafften Leibeigenschaft existierten nun Arbeitskräfte, die nach Lebensbedingungen suchten, welche den ehemaligen, mitunter sklavenähnlichen Arbeitssituationen überlegen waren. Gleichzeitig konzentrierte sich der Bodenbesitz im sich entfaltenden Wirtschaftssystem des Kapitalismus auf zunehmend weniger Besitzer, welche aber nur einen begrenzten Bedarf nach zu entlohnenden Arbeitskräften auswiesen. In den Städten hingegen gab es durch die neu entstehenden Fabriken und Manufakturen Bedarf nach diesen Arbeitskräften – aus ehemaligen Leibeigenen oder Kleinbauern wurden industrielle Arbeiter.

 

Mehr zum Thema Verstädterung.

Mehr zu Ursachen der Urbanisierung.

 

Urbanisierung in der späten Moderne: von Megastädten und Slums

Betrachtet man die Verstädterung heutzutage, so wächst die Stadtbevölkerung vor allem im asiatischen, südamerikanischen und afrikanischen Raum. Dieses Wachstum hängt jedoch weniger mit der Binnenmigration – also der klassischen „Landflucht“ – zusammen, sondern mit der Tatsache, dass die Gesundheitsversorgung in den Städten deutlich besser und damit die Sterblichkeitsrate deutlich niedriger ist. Die Schwellenländer folgen damit dem Trend, welcher in den klassischen Industrieländern schon im 20. Jahrhundert eingesetzt hat, auf anderem Wege. Im Jahr 2007 ließ sich der „Kipppunkt“ eines Urbanisierungsgrades von 50% beobachten – seitdem leben weltweit mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Darüber hinaus existieren Schätzungen der UNO, wonach dieser Anteil bis 2030 auf 60% und bis 2050 auf 70% steigen wird.

Hierbei lässt sich ein neues Phänomen beobachten: Die Verstädterung konzentriert sich auf einige wenige Städte, wodurch gigantische Ballungsräume mit bis zu 35 Millionen Einwohnern entstehen. Solche Ansammlungen von Menschen stellen für die Politik und Verwaltung vor Ort eine enorme Herausforderung dar, die Bildung von Slums – informelle Siedlungen, die oft keine Anbindung an Wasser- und Stromnetze aufweisen - erzeugt Potenzial für Kriminalität und soziale Unruhen. Dennoch, so lässt sich argumentieren, bietet die Urbanisierung auch Chancen, da durch gezielte Sozial-, Bildungs- und Infrastrukturpolitik in Megastädten Entwicklungspolitik viel zielgerichteter stattfinden kann als im ländlichen Raum.

 

Ausführliche Materialsammlung der UNO zur globalen Bevölkerungsentwicklung.

Ausführliche Themensammlung der BpB zum Thema Megastädte.

Studie der Landesbank BW zu Ursachen und Folgen globaler Urbanisierung.

 

Urbanisierung in Deutschland

Auch in Deutschland nimmt die Verstädterung weiter zu, hier allerdings mehr aufgrund von Binnenmigration. Wie eine Studie von Empirica im Auftrag der GdW nachweist, handelt es sich hierbei vor allem um das „Schwarmverhalten“ junger Menschen, welche nach dem Schulabschluss den ländlichen Raum verlassen. Nahezu alle ländlichen Regionen spüren diesen Abgang, insbesondere jedoch die der ostdeutschen Bundesländer. Dieser „Sogeffekt“ zwischen Städten und Umland lässt sich so auch in Sachsen gut beobachten: Dresden, Leipzig und Chemnitz sind die einzigen Gebiete in Sachsen, welche eine positive Bevölkerungsentwicklung aufweisen.

Schaut man darüber hinaus nur auf die Bewegung junger Menschen, zeigt sich ein noch klareres Bild. Aus 100 derzeit 10-14-Jährigen, in Leipzig lebenden Jugendlichen würden in 60 Jahren bei unveränderter Entwicklung über 335 70-74-Jährige (Dresden: 200-300; Chemnitz: 150-200). Die Stadt Leipzig liegt damit an der Spitze der in der Studie untersuchten Städte – nirgendwo in Deutschland siedeln sich derzeit mehr junge Menschen an, ohne dass im selben Maß Wegzug beobachtet werden kann. Die Gründe für diese „Schwarmmigration“ sind meistens der Beginn einer Ausbildung, eines Studiums oder der Berufseinstieg. 63% der beginnenden Azubis/Studierende in ganz Deutschland sind im ländlichen Raum aufgewachsen – dennoch schrumpft dort dieselbe Altersklasse um 14%. Zum Berufseinstieg kehren einige junge Menschen auf das Land zurück – jedoch nur in Nord- und Süddeutschland. In den ostdeutschen Bundesländern kehren junge Menschen dem ländlichen Raum statistisch gesehen dauerhaft den Rücken.

 

Suburbanisierung und Desurbanisierung – Landlust oder Speckgürtel?

Dennoch zeichnen sich auch statistisch Gegentrends zur Verstädterung ab, welche möglicherweise in Zukunft zunehmen könnten. Obwohl die Abwanderung junger, bildungsaffiner Menschen für viele (gerade ostdeutsche) Landkreise auch künftig ein Problem darstellen wird, siedeln sich gerade Menschen im mittleren Alter wieder vermehrt außerhalb der Städte an – doch auch hier lässt sich beobachten, dass die ostdeutschen ländlichen Regionen dadurch keinen Zuwachs an Bevölkerung verzeichnen – mit Ausnahme der Landkreise, welche direkt an große Städte angrenzen. Leichtes Wachstum (0-5% der 35-45-Jährigen) lässt sich rund um Leipzig verzeichnen (LK Nordsachsen, LK Leipzig), mittleres Wachstum (5-10%) rund um Dresden (LK Meißen, LK Sächsische Schweiz/Osterzgebirge). Enorm ist das Wachstum in dieser Altersklasse rund um die Stadt Berlin, die Spitze bilden die Landkreise um Potsdam – sie verzeichnen ein Wachstum von über 20% der Bevölkerung zwischen 35 und 45 Jahren. Landkreise, die nicht an eine größere Stadt angrenzen, gehen leer aus, doch auch kleinere Städte verlieren Bevölkerung an große Städte und angrenzende Landstriche – junge Menschen nutzen diese statistisch gesehen also nur als „Durchgangsstation“.

Ob sich diese „Suburbanisierung“ als Gegentrend zur Landflucht junger Menschen begreifen lässt, bleibt also fraglich. Der Wunsch nach einer ländlichen Wohngegend wird immer öfter verbunden mit dem Anspruch, dennoch an das Leben einer Großstadt angebunden zu sein. Selbstverständlich lassen sich deutsche Großstädte nicht mit den Dimensionen globaler Megastädte vergleichen – dennoch zeichnet sich auch in Deutschland das Bild von immer weniger Städten, welche immer mehr wachsen – umschlossen von einer Großzahl an landlustiger Bevölkerung.

 

Untersuchung des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung zum Thema „Suburbanisierung“.

Mehr zum Thema „Schrumpfende Städte“.

 

Weiterführende Literatur

Burmeister, Klaus: Stadt als System. Trends und Herausforderungen für die Zukunft urbaner Räume. München, 2016.

Heineberg, Heinz et al.: Stadtgeographie. Paderborn, 2014.

Magnago Lampugnani, Vittorio: Die Stadt von der Neuzeit bis zum 19. Jahrhundert: urbane Entwürfe in Europa und Nordamerika. Berlin, 2017.

Schmidt-Kallert, Einhard: Magnet Stadt. Urbanisierung im globalen Süden. Wuppertal, 2016.

Vogelgesang, Waldemar et al.: Stadt - Land - Fluss. Sozialer Wandel im regionalen Kontext. Wiesbaden, 2018.

 

 

 

 

 

65 Meinungen 20 Kommentare

Gast stimmt der These Über kurz oder lang werden fast alle Menschen in Städten leben. zu

Leider scheint das eine weltweite Entwicklung in diese Richtung zu sein.

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22.03.2018

Gast stimmt der These Über kurz oder lang werden fast alle Menschen in Städten leben. nicht zu

Ländliche Entwicklung große Fortschritte; viele Menschen verlangt es nach Ruhe und Zurückgezogenheit

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22.03.2018

Gast stimmt der These Über kurz oder lang werden fast alle Menschen in Städten leben. zu

Schaut man sich die Statistiken an, ist das sowohl in Deutschland, als auch global ein umunstößlicher Fakt.

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21.03.2018

Gast stimmt der These Über kurz oder lang werden fast alle Menschen in Städten leben. nicht zu

Es wird immer Menschen geben, die viel positives am Landleben finden: Natur, Ruhe, mehr Raum und Ruhe für Kinder. Allerdings sind dies die Menschen, die es sich leisten können, zur Arbeit zu pendeln und ihre Kinder in die Schule zu fahren.

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20.03.2018

Gast positioniert sich zur These Über kurz oder lang werden fast alle Menschen in Städten leben. neutral

es sieht tatsächlich so aus das das Leben auf dem Land nicht atraktiv ist. Und es wird nichts getan es atraktiv zu machen!

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20.03.2018

Beate.Hufnagel stimmt der These Über kurz oder lang werden fast alle Menschen in Städten leben. nicht zu

Es wäre schlimm, wenn es so wäre. bei der Vorstellung von übervölkerten und hektischen Städten, von Anonymität und wenig sozialen Umfeld läuft mir ein Schauer über den Rücken.

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20.03.2018

Gast stimmt der These Über kurz oder lang werden fast alle Menschen in Städten leben. nicht zu

Ländliche Räume bieten mehr Lebensqualität und Freiheit. Bei guter Infrastruktur (Internet, Bildung, ÖPNV) lässt es sich gut auf dem Land leben. Es ist auch günstiger als in der Stadt.

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19.03.2018

Gast stimmt der These Über kurz oder lang werden fast alle Menschen in Städten leben. nicht zu

Wir sind gerade erst aus der Stadt aufs Land gezogen und ich glaube, dass durch zukunftsorientiertes, vernetztes Arbeiten auch ein beruflich erfolgreiches Leben auf dem Land möglich sein wird.

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19.03.2018

Gast stimmt der These Über kurz oder lang werden fast alle Menschen in Städten leben. nicht zu

Nicht jedem gefällt ein Leben zwischen Straßen, Häusern und Autos.

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19.03.2018

Hanse stimmt der These Über kurz oder lang werden fast alle Menschen in Städten leben. nicht zu

Es wird immer "Landmenschen" geben, die das Landleben präferieren.

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18.03.2018

Gast stimmt der These Über kurz oder lang werden fast alle Menschen in Städten leben. zu

Wirtschaftlicher Pragmatismus.

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18.03.2018

Gast stimmt der These Über kurz oder lang werden fast alle Menschen in Städten leben. nicht zu

Die Städte werden immer hektischer und menschenunfreundlicher.

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18.03.2018

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