Über Sachsen darf nur urteilen, wer auch hier geboren ist.

Wie hat sich die sächsische Bevölkerung seit 1990 entwickelt?

Sachsen hat heute ca. 4,08 Millionen Einwohner*innen. Im Vergleich zum Anfang 1990, wo es in Sachsen noch 4,9 Millionen Einwohner*innen gab, leidet das Land unter einem deutlichen Verlust, der sich erst allmählich umkehrt.

Hauptursache des Bevölkerungsrückgangs war ein Geburtenrückgang. Zwischen 1990 und 2015 wurden insgesamt 834.784 Kinder geboren, was 553.740 Menschen weniger sind, als in diesem Zeitraum gestorben sind. (Quellen: Statistisches Landesamt Sachsen und Sächsische Staatskanzlei. Auch Wanderungsaktivitäten hatten auf die sächsische Bevölkerungsentwicklung einen Einfluss. Die räumliche Mobilität der Bevölkerung der DDR war jedoch deutlich geringer als die in der Bundesrepublik Deutschland. Es überwogen Fortzüge, Wanderungsgewinne traten zeitlich und räumlich begrenzt auf. Ursachen für Wanderungen lagen immer wieder in Umbrüchen der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.

Solche Umbrüche waren z.B.:

  • Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges: stetige Abwanderung in die westlichen Besatzungszonen, kompensiert durch die Aufnahme von 750.000 Flüchtlingen und Vertriebenen aus Schlesien und Ostpreußen
  • 1950er Jahre: Wanderung von Arbeitskräften nach Sachsen im Zusammenhang mit dem Aufbau von DDR Industriestrukturen, z.B. in Chemnitz (Karl-Marx-Stadt), Hoyerswerda, Weißwasser und Riesa
  • Vervielfältigung der Fortzugsraten in Folge der Friedlichen Revolution in der DDR: 1989 und 1990 zogen rund 212.000 Menschen aus Sachsen in das frühere Bundesgebiet und knapp 8.000 Deutsche zogen von dort nach Sachsen zu, 1991 und 1992 massive Abwanderung in das frühere Bundesgebiet und Berlin
  • Ab Mitte der 1990er Jahre Wanderungsverluste v.a. in Bevölkerungsteilen im Ausbildungsalter – insb. für 16-19 jährige waren nicht genug Ausbildungsplätze und Perspektiven vorhanden
  • Ab Mitte 1990er Jahre Wanderungsgewinne durch Zuzüge von Spätaussiedlern und Bürger*innenkriegsflüchtlingen

Die Bilanz der Wanderungsströme zwischen 1991 und 2015 sieht folgendermaßen aus:

  • Wanderungsverlust von 73.000 Menschen
  • Insgesamt 1,9 Millionen Fortzüge (59% in das frühere Bundesgebiet; 23,2% mit Ziel Ausland und 17,8% in die neuen Länder) und 1,8 Millionen Zuzüge (42% aus dem früheren Bundesgebiet; 22,3 % aus den neuen Bundesländern und 33% aus dem Ausland)
  • Ungleichförmige Entwicklung: 10 Jahre mit Wanderungsgewinnen und 15 Jahre mit Wanderungsverlusten
  • Aktuell verzeichnet Sachsen einen Rückgang der Zahl der Fortzüge in das Bundesgebiet und das höchste Niveau der Zuzüge aus dem Bundesgebiet seit 1991.
  • Im Jahr 2011 war die Zahl der Zuzüge insgesamt erstmals wieder höher als die Zahl der Fortzüge.
  • Der Wanderungssaldo der deutschen Bevölkerung ist in Sachsen seit dem Jahr 2012 wieder positiv.
  • Ab 2011 Hauptwanderungsgeschehen Zunahme der Zuzüge von Schutzsuchenden aus dem Ausland und Arbeitsmigranten aus den EU-Staaten.

(Quelle: Statistisches Landesamt: 2. Sächsische Wanderungsanalyse)

Die Bevölkerung Sachsens hat sich also über die Jahre hinweg vor allem durch Zuwanderer aus dem Rest der Bundesrepublik und aus dem Ausland erweitert. Gibt es ein Anerkennungsgefälle zwischen „geborenen“ und „zugewanderten“ Sachsen? Diese Fragen zielen im Kern auf die „innere Einheit“ von Ost und West. Was wissen wir über den Stand der Wiedervereinigung?

Regionale Identitäten in Sachsen

Die Nachkriegsjahre bedeuteten tiefe Einschnitte für das Land Sachsen. Am 23. Juli 1952 wurde das Land Sachsen aufgelöst und in die Bezirke Dresden, Leipzig und Chemnitz (Karl-Marx-Stadt) geteilt. Erst am 3. Oktober 1990 wurden diese drei DDR-Bezirke wieder zusammengelegt und der Freistaat Sachsen neu gebildet. Während dieser 38 Jahre blieb Sachsen jedoch im Bewusstsein der Menschen erhalten und dies sogar in Westdeutschland, wo z.B. sächsische Flüchtlinge, Landsmannschaften und Stiftungen an Sachsen erinnerten. Trotz starker Migrationsprozesse und tiefer historischer Einschnitte in eine sächsische Staatlichkeit in der DDR, wurde durch die Pflege heimatlicher Bräuche und Traditionen ein ausgeprägtes sächsisches Identitätsgefühl und Regionalbewusstsein erhalten. Dies betraf besonders die Städte und den erzgebirgisch-vogtländischen Raum, wo von einem ausgeprägten Heimatgefühl gesprochen werden kann. Durch die mediale Isolation in Teilen von Sachsen, in denen keine westlichen Fernseh- und Radioprogramme empfangen werden konnten, waren die Menschen, im Gegensatz zu grenznahen DDR-Regionen, über Jahrzehnte von einem erweiterten Informationsaustausch abgeschnitten. Man konzentrierte sich mehr auf sich selbst. Eine sächsische Identität diente zu dieser Zeit auch als Selbstschutz und zur Abgrenzung zur Territorialpolitik in der DDR. Sachsen wurde als wirtschaftlich und kulturell fortgeschrittenste und reichste Region in hohem Maße, z.B. durch Umverteilung des Nationaleinkommens unter den Regionen, benachteiligt. Die Städte verfielen und die Bauarbeiter und Materialien gingen nach Berlin. Diese Abgrenzung zum „Norden“ der DDR hatte so erhebliche Auswirkungen auf den Erhalt einer genuin sächsischen Identität. Nach der Friedlichen Revolution 1990 sah deswegen Kurt Biedenkopf, erster Ministerpräsident des Freistaates, die Stärke Sachsens in der „einmaligen Kombination von industrieller Erfahrung sowie staatlicher und kultureller Identität“, aus der die Sachsen ihre Stärke und ihre Selbstbewusstsein bezögen.
(Quelle: Richter, Michael: Die Bildung des Freistaates Sachsen: Friedliche Revolution, Föderalisierung, deutsche Einheit 1989/90, Göttingen, 2004)

Die Bürger*innen Ostdeutschlands fühlen sich heute am stärksten mit ihrem Wohnort verbunden, gefolgt von Bundesland, Ostdeutschland, Gesamtdeutschland und Europa. Interessant ist dabei vor allem der Bezugspunkt Ostdeutschland, zu dem eine größere Nähe als zu Gesamtdeutschland vorherrscht. Auch heute noch nehmen sich viele in erster Linie als Ostdeutsche und nicht Gesamtdeutsche wahr. Lediglich bei der Altersgruppe der 14-29-Jährigen zeigen sich hier andere Tendenzen. Die Verbundenheit zu Ostdeutschland kommt hier erst nach dem Wohnort, Gesamtdeutschland und dem Bundesland. Ostdeutschland scheint hier so langsam als Identitätsanker an Bedeutung zu verlieren. (Quelle: Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Bundesländer: Deutschland 2014: Sind wir ein Volk?)

Verhältnis zu Westdeutschen

In der Sächsischen Längsschnittstudie werden seit 1987 im jährlichen Rhythmus die gleichen Menschen zum Thema Wiedervereinigung befragt. Die darin befindlichen Teilnehmer waren 1987 in der 8. Klasse einer Polytechnischen Oberschule der DDR und etwa 14 Jahre alt. Für den DDR-Geburtengang 1973 gilt sie als repräsentativ.

Unter anderem werden die Teilnehmer gefragt, ob auch über 25 Jahre nach dem Mauerfall noch Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen wahrgenommen werden und wie lange es noch dauern wird, bis diese wirklich wiedervereint sind. Dazu hier eine Übersicht der wichtigsten Ergebnisse:

  • Teilnehmer 1990: in etwa acht Jahren (1998) werde die sogenannte "innere Einheit" hergestellt sein
  • Teilnehmer 1996: erwartete Zeitspanne auf 2019, also mehr als 20 Jahre erhöht
  • ab 1998 Mittelwert immer größer als 20 Jahre
  • 2013/2014: 24,6 Jahre als Mittelwert – also erst 2038, wo die Teilnehmer im Schnitt etwa 65 Jahre alt sein werden

Die Zeit, die bis zur tatsächlichen Einheit erwartet wurde, verschob sich von Jahr zu Jahr immer weiter nach hinten. Eigentlich würde man vom gegenteiligen Effekt ausgehen. Einfluss auf die Beurteilung haben unter anderem das Geschlecht, der Wohnort Ost- oder Westdeutschland, der Bildungsstand und das persönliche Einkommen. So beurteilen Frauen, Personen, die in Ostdeutschland leben, Personen mit einem niedrigeren Bildungstand (weniger als Abitur) und Personen mit einem niedrigeren Einkommen die deutsche Einheit kritischer. Bei den Männern lassen sich wiederum positivere Schlüsse auf die Wiedervereinigung bei Wohnort Westdeutschland, höherer Bildung und höherem Einkommen erkennen. (Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung: Der lange Weg zur inneren Einheit. Ergebnisse der Sächsischen Längsschnittstudie) Doch warum ist das alles so? Studien zeigen, dass für viele Ostdeutsche die Erfahrungen der Nach-Wende-Zeit ambivalent blieben. Für eine ganze Reihe von Menschen wird diese Zeit rückblickend als „Phase kollektiver Benachteiligung“ wahrgenommen, was Folgen für ihr Verhältnis zur Demokratie hat. Während in Westdeutschland die Demokratisierung stark mit dem Wirtschaftswunder und sozialem Aufstieg verbunden ist, stehen dem Angebot an die Ostdeutschen aus D-Mark, Freiheit und sozialer Sicherheit reale Erfahrungen von hoher Arbeitslosigkeit, Angst vor sozialem Abstieg und ein Gefühl der mangelnden Anerkennung entgegen. Fast drei Viertel der Ostdeutschen sind z.B. der Meinung, dass ihre Leistungen beim Aufbau der neuen Bundesländer von Westdeutschen zu wenig anerkannt würden. Mit 56 Prozent ist eine Mehrheit der Einwohner*innen Sachsens der Meinung, dass es den Sachsen insgesamt schlechter gehe als der westdeutschen Bevölkerung. Und sogar 23 Prozent glauben, dass Sachsen schlechter dastehe als der Rest Westeuropas. Diese fehlende Integration kann Gefühle der politischen Machtlosigkeit, der Frustration und des Misstrauens fördern. (Quelle: Bertelsmann Stiftung: Sozialer Zusammenhalt in Deutschland 2017)

148 Meinungen 82 Kommentare

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Gast stimmt der These Über Sachsen darf nur urteilen, wer auch hier geboren ist. nicht zu

Weil diese Frage nicht berücksichtigt wie viel Gutes Zugezogene dem Land tun.

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21.09.2018

Gast stimmt der These Über Sachsen darf nur urteilen, wer auch hier geboren ist. zu

Oder hier lebt. Ich kann auch schlecht über Länder urteilen von denen ich keine Ahnung habe . Wer selbst hier lebt kennt die Situation und kann sich seine Meinung bilden und urteilen.

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20.09.2018

Gast stimmt der These Über Sachsen darf nur urteilen, wer auch hier geboren ist. nicht zu

Ich darf über alles und jeden ein Urteil fällen (solange ich über das Thema Bescheid weiß), egal wo ich herkomme und wer ich bin.

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20.09.2018

Gast stimmt der These Über Sachsen darf nur urteilen, wer auch hier geboren ist. nicht zu

Konstruktive Kritik von außen ist wichtig

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20.09.2018

Gast stimmt der These Über Sachsen darf nur urteilen, wer auch hier geboren ist. nicht zu

Wir sind kein geteiltes Land mehr, im Westen klappt es doch auch mit der Integration. Das heißt in Deutschland darf jeder über die Verhältnisse hier urteilen, es gibt bestimmt auch Anhaltspunkte von 'außen' die im Osten helfen können.

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20.09.2018 1 Kommentar

Gast stimmt der These Über Sachsen darf nur urteilen, wer auch hier geboren ist. zu

Genau so ist dad

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20.09.2018

Gast stimmt der These Über Sachsen darf nur urteilen, wer auch hier geboren ist. nicht zu

Das wäre undemokratisch!

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19.09.2018

Gast stimmt der These Über Sachsen darf nur urteilen, wer auch hier geboren ist. nicht zu

Jeder darf sich ein Urteil bilden

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19.09.2018

Gast positioniert sich zur These Über Sachsen darf nur urteilen, wer auch hier geboren ist. neutral

Jede Person hat das recht sich im normalen ton zu diesem Bundesland zu äußern

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19.09.2018

Gast stimmt der These Über Sachsen darf nur urteilen, wer auch hier geboren ist. nicht zu

In Deutschland ist jeder deutscher. Und nicht Sachse,Hesse u.s.w. wie im Kaiserreich.

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19.09.2018

Gast stimmt der These Über Sachsen darf nur urteilen, wer auch hier geboren ist. nicht zu

Perspektivwechsel sind immer auch von außen notwendig. Nur so lassen sich Vergleiche und ein ausgewogenes Maß finden.

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19.09.2018

Gast positioniert sich zur These Über Sachsen darf nur urteilen, wer auch hier geboren ist. neutral

Kommt auf die Situation an

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19.09.2018 1 Kommentar

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