Die Vorteile der Deutschen Einheit überwiegen die Nachteile.

Zu den Hintergrundinformationen allgemein: Die Hintergrundinformationen, die wir zu unseren Thesen bereitstellen, sollen dazu dienen, dass sich die Nutzer eine eigene Meinung zum Thema bilden können. Es sind Daten und Fakten oder auch Hinweise auf weiterführende Literatur zum Thema. Es handelt sich daher ausdrücklich NICHT um Fakten, die ausschließlich dazu dienen sollen, die These zu unterstützen!

 

Hintergrundinformationen zur These: "Die Vorteile der Deutschen Einheit überwiegen die Nachteile."
1. Ausgangsüberlegungen

„Vor- und Nachteile“ sind immer subjektive Bewertungskategorien, weil sie von den unterschiedlichen Interessenlagen der jeweiligen Betrachter abhängen. Was der eine als Vorteil ansieht, mag ein anderer als Nachteil empfinden. Die Einschätzung von Vor- und Nachteilen kann zudem einem Wandel im Zeitverlauf unterliegen. Die Vor- und Nachteile der Deutschen Einheit lassen sich daher am besten nicht allein anhand von Fakten diskutieren, sondern auch in Form repräsentativer Umfragedaten darstellen, aus denen ersichtlich wird, ob die Bevölkerung (hier: v.a. die Ostdeutschen bzw. die Sachsen) relevante politische Entwicklungen seit der Deutschen Einheit tatsächlich als Vorteile oder als Nachteile wahrnimmt.

 

2. Einige wichtige Entwicklungen in Politik und Gesellschaft seit der Deutschen Einheit: Vorteile oder Nachteile?
 

2.1. Persönliche Freiheit und Reisemöglichkeiten: Der Wegfall der Mauer hob die extrem freiheitsbegrenzende Reise- und Mobilitätseinschränkung der Ostdeutschen auf. Außerdem kann nun jeder seine Meinung frei in Wort und Schrift äußern und z.B. demonstrieren, ohne stets Angst vor Stasi-Bespitzelung und sich anschließenden Repressalien haben zu müssen. Diese Zugewinne an Freiheit können gar nicht hoch genug bewertet werden, obwohl sie sich nicht konkret quantifizieren (z.B. als Geldwert ausdrücken) lassen.

2.2. Politisches System und Demokratie: Von der nur formal vorgespiegelten Scheindemokratie der DDR zu einer liberalen Demokratie mit pluralistischer Parteienkonkurrenz und freien Wahlen wurde ein Quantensprung vollzogen. Kaum jemand würde diesen als großen Vorteil der Einheit in Fragen stellen.

Dass sich auch die derzeitige Ausprägung der Demokratie in Deutschland noch nicht als das demokratische Non-plus-Ultra darstellt, steht auf einem anderen Blatt:

  • Häufig wird eine zu geringe Bürgernähe mancher Parteien und politischer Institutionen kritisiert, gleichfalls deren teils wenig durchlässige Elite-Personalrekrutierungsmechanismen. Auch ist die programmatische Unterscheidbarkeit der Parteien der Mitte tendenziell rückläufig, weswegen offenbar bei manchen Wählern die moralische Scheu vor der Wahl extremer Parteien abnimmt.
  • Das Fehlen einer europäischen Öffentlichkeit und eines europäischen Wir-Bewusstseins ist ebenso zu beklagen wie die recht komplexen und von den meisten Bürgern kaum direkt lebensweltlich erfahrenen Prozesse und Institutionen der Europäischen Union.
  • Die immer geringere staatliche Kontroll- und Steuerungsfähigkeit gegenüber Teilen der globalisierten Wirtschafts- und Finanzwelt wirft berechtigte Fragen hinsichtlich eines Legitimitäts- und Demokratiedefizits auf – vor allem dann, wenn im Krisenfall die Steuerzahler für die Verluste aufkommen sollen.
  • Schließlich bestehen auch hinsichtlich der politischen Mitwirkungsbereitschaft und der politischen Bildung nicht weniger Bürger noch Steigerungspotenziale.

Allerdings hätten sich viele dieser sowie auch andere krisenhafte Entwicklungen (z.B. Migrationsströme, politischer Extremismus…) höchstwahrscheinlich auch ohne die Deutsche Einheit ergeben. Sie sind nicht das Resultat der Deutschen Einheit, sondern gründen vielmehr auf parallel stattgefundenen Entwicklungen der vergangenen 27 Jahre in anderen Bereichen (z.B. internationale Konflikte, ökonomische Globalisierung und Finanzkrise, rasante Innovationen bei den Kommunikationstechnologien etc.).

2.3. Wirtschaftliche Entwicklung; Arbeitsmarkt: Ein großer wirtschaftlicher Vorteil der Einheit für die Menschen im Osten Deutschlands war und ist die umfangreiche Güterversorgung im vergrößerten deutschen Binnenmarkt, welche 1989/90 die DDR-Mangelwirtschaft ablöste. Die relative Wirtschaftskraft Ostdeutschlands (ohne Berlin) ist seit der Einheit gestiegen: Das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Einwohner betrug im Jahr 2015 bereits 67,4 Prozent (Sachsen: 70,7 Prozent) des westdeutschen Niveaus - gegenüber lediglich 32,4 Prozent (Sachsen: 34, 1 Prozent) im Jahr 1991.

Die Arbeitslosenquote lag 2015 im Osten Deutschlands bei 8,2 Prozent (Sachsen: 7,1 Prozent), während sie in Westdeutschland 5,6 Prozent betrug. Damit sank die Arbeitslosenquote im Verlauf der letzten zehn Jahre im Osten deutlich schneller als im Westen, denn im Jahr 2005 betrug der Wert im Osten noch hohe 18,7 Prozent gegenüber 9,9 Prozent im Westen. Entsprechend der günstigen Entwicklung ist die Zahl der Erwerbstätigen gestiegen und hat 2015 im Osten mit gut 7,6 Mio. wieder den Stand von 1992 erreicht. Auch die Tariflöhne haben sich aus ostdeutscher Sicht sehr positiv entwickelt und lagen 2015 – nach langjährigen Tarifauseinandersetzungen und etlichen kleinstufigen Anhebungen – bei 97 Prozent des Westniveaus, auch obwohl sich in ihnen noch kein gleich hoher Anstieg der wirtschaftlichen Produktivitätsdaten widerspiegelt, die sich aktuell bei ca. 80 Prozent bewegen.

Diese für den Osten scheinbar sehr vorteilhaften Entwicklungen sind jedoch mit Einschränkungen versehen. Hinsichtlich des Tariflohnniveaus ist anzumerken, dass der im Osten besonders hohe Anteil von prekären Beschäftigungsverhältnissen mit geringer Bezahlung in diese Zahl natürlich nicht eingeht. Aber auch insgesamt ist der wirtschaftliche Aufholprozess des Ostens nicht nur weiter unvollständig, sondern vollzog sich vor allem zum größten Teil ‑  und zwar nicht unwesentlich auf Kosten einer sehr hohen Staatsverschuldung ‑ bereits bis zur Jahrtausendwende. Seitdem hat er sich aber erheblich verlangsamt. Eine wichtige Problemursache bildet der Umstand, dass der ostdeutschen Wirtschaft ‑ bis auf wenige punktuelle Investitionskerne ‑ die großen Unternehmen fehlen, die einesteils eine regionale Zulieferindustrie stützen und andernteils durch Ausgaben für Forschung und Technologie für die im Osten besonders notwendigen Innovationen sorgen würden. Insofern mangelt es der ostdeutschen Wirtschaft vielerorts an Nachhaltigkeit. Schließlich ist auch die Netto-Abwanderung zahlreicher junger und gut ausgebildeter Menschen („Brain Drain“) zu bedenken, die sich erst in den letzten drei Jahren erstmals in eine minimal positive Entwicklung umkehrte. Parallel dazu vollzog sich außerdem eine nicht unbeachtliche Abwanderung aus manchen ländlichen Gebieten, wo heute in der Folge erhebliche infrastrukturelle Probleme (Mangel an Ärzten, Lehrern etc.) zu beklagen sind.

2.4. Soziale Sicherung; Freiheit und Gleichheit: Während die soziale Absicherung in der DDR zwar auf recht geringem Niveau – aber dafür flächendeckend – gesichert war (u.a. Grundversorgung mit Wohnraum bei Heirat, Arbeit, Lebensmitteln…), hat auch im heutigen Deutschland aufgrund wohlfahrtstaatlicher Bestimmungen (u.a. Arbeitslosengeld und „Hartz IV“, Wohngeld, Kindergeld…) jeder im Prinzip ein menschenwürdiges Auskommen. Allerdings sind die Unterschiede zwischen Arm und Reich viel größer als ehedem in der DDR. Ein Mehr an Freiheit (hier: des Privatbesitzes) geht automatisch stets mit relativen Abstrichen bei der Gleichheit einher. Zwar ist die Gleichheit vor dem Gesetz in Deutschland gesichert und es besteht eine weitgehende Chancengerechtigkeit beim Bildungszugang, aber in manch anderen Bereichen (z.B. Einkommensschichtung, qualitativ gleichwertiger Zugang zum Gesundheitswesen, Altersvorsorge etc.) sind zunehmende Ungleichheiten nicht vollständig von der Hand zu weisen.

2.5. Schulsystem; Innere Sicherheit: Die verschiedenen Schulsysteme in den heutigen Bundesländern und in der ehemaligen DDR werden oft vollkommen unterschiedlich bewertet. Heute wird häufig Kritik am deutschen Bildungsföderalismus geübt, gleichfalls an den je nach Bundesland, Schulart und z.T. einzelner Schule einmal als zu lax, einmal als zu hart empfundenen schulischen Anforderungen. Sowohl ein Absinken des allgemeinen Bildungsniveaus der Jugend als auch eine in Einzelfällen übertriebene Elitebildung sind Gegenstand der Kritik. Dementsprechend fallen auch die Vergleiche zum zentralistischeren Schulsystem der ehemaligen DDR, wo allerdings politisch gelenkte Zugangsquoten zu den einzelnen Ausbildungsgängen bestanden, mehr oder weniger freundlich aus. Ähnlich bei der Innenpolitik: Jeweils abhängig davon, ob man sich eine eher starke oder schwache Rolle des Staates wünscht, wird auch die Praxis der Inneren Sicherheit (polizeilicher Schutz vor Kriminalität, Terror, Extremismus...) teils sehr kritisch und teils positiv bewertet.

2.6. Außen- und Sicherheitspolitik: Die Deutsche Einheit hat - zusammen mit dem Ende des Kalten Krieges - große Auswirkungen auf die Weltpolitik gehabt und dabei Deutschlands Ansehen und Einfluss in der Welt überwiegend gestärkt, abgesehen von jenen Akteuren, die angesichts des vergrößerten Deutschlands und seiner starkten Volkswirtschaft mit historisch begründeten Ängsten oder mit Furcht vor ökonomischer Dominanz reagierten. Viele Beobachter sahen es als Vorteil an, dass Deutschland solchen Reaktionen bzw. Bedenken faktisch mit der Aufgabe der D-Mark und der Einbindung in den Euro-Raum begegnete. Dass sich zugleich die machtpolitische Position Deutschlands erweiterte - wobei ausländische Militäreinsätze Deutschlands von verbündeten Staaten z.T. unmissverständlich eingefordert wurden - wird aus der innenpolitischen Sichtweise überwiegend als Nachteil eingeschätzt. Hingegen wird der Umstand, dass durch den Wegfall des Kalten Krieges die Bundeswehr verkleinert und die Wehrpflicht ausgesetzt werden konnte, von vielen als Vorteil beurteilt.

 

3. Vor- und Nachteile der Einheit aus Sicht der Bevölkerung: Insgesamt 53 Prozent der Bevölkerung sieht derzeit die Vorteile der Einheit die Nachteile überwiegen (repräsentative Befragung 2016 von Statista), wobei dieser Anteil unter den Ostdeutschen mit 74 Prozent deutlich höher liegt als bei den Westdeutschen mit 48 Prozent (vgl. Grafik 1 unten in der Galerie, wobei die Fragestellung lautete: „Würden Sie sagen, die deutsche Vereinigung hat Ihnen alles in allem eher Vorteile gebracht oder eher Nachteile gebracht?“). Eine Betrachtung der einzelnen Politikfelder im Vergleich zwischen heutiger Bundesrepublik und ehemaliger DDR macht deutlich, dass vor allem die hinzu gewonnenen Freiheitsrechte (persönliche, berufliche, reisebezogene Freiheit) von den Ostdeutschen als große Vorteile der Bundesrepublik wahrgenommen werden (vgl. Grafik 2). Ebenso werden die Bereiche Wirtschaft, Lebensstandard und Politik eher als Stärken der Bundesrepublik als der ehemaligen DDR angesehen. Hingegen schätzen die Ostdeutschen die sozial- und innenpolitischen Leistungen der DDR (u.a. Gesundheitssystem, soziale Absicherung, Schulsystem und Schutz vor Kriminalität) rückblickend mehr als die heutige Politik in den entspechenden Feldern (vgl. Grafik 2).

Das gleiche Bild ergibt sich, wenn nur die Sachsen befragt werden. In Grafik 3 wird gezeigt, dass vor allem das Mehr an Freiheitsrechten (speziell Warenkonsum-, Reise- und Meinungsfreiheit) als besonders positive Veränderungen gegenüber der DDR erlebt werden, während der Bereich des Sozialen überwiegend kritisch gesehen wird und 68 Prozent auf soziale Unterschiede "lieber verzichtet" hätten. Unter dem Strich zeigt sich, dass einem Lob für freiheitsbezogene Veränderungen im heutigen Deutschland die Kritik an den (eher gleichheitsbezogenen) sozialen Politikbereichen gegenübersteht: Ein weiters Indiz dafür, dass Freiheit und Gleichheit oft in einem Spannungsverhältnis zueinander stehen.

 

4. Fazit aus Expertensicht: Positive Gesamtbilanz der Deutschen Einheit: Holtmann (2015, S. 36f.) fasst die wichtigsten Ergebnisse seiner Studie zur Bilanzierung der Deutschen Einheit wie folgt zusammen:

„Vorteile oder Nachteile der Wiedervereinigung: Ungeachtet der Mängelrügen, die aus west-und ostdeutscher Sicht der Bundesrepublik für die Zeit nach 1990 erteilt werden, und trotz etlicher von Ostdeutschen mehrheitlich positiv erinnerter Facetten des Systemprofils der DDR sind sich vier Fünftel im Osten wie im Westen des Landes gleichermaßen darin einig, dass die Wiedervereinigung für Deutschland als Ganzes vorteilhaft war. Schlüsselt man die Befragten nach dem Bildungsgrad auf, so schält sich für beide Landesteile das gleiche sozialstrukturelle Muster heraus: Hauptschulabsolventen sind häufiger als Abiturienten und Akademiker der Meinung, dass die Nachteile der Einigung überwögen. Dieser Zusammenhang zwischen Bildung und Einigungsbilanz ist im Westen noch etwas stärker ausgeprägt.

Mehr Vorteile für Ostdeutschland: Ostdeutsche wie Westdeutsche sehen übereinstimmend mehrheitlich mehr Vorteile der Einigung für Ostdeutschland. Aufschlussreich ist ferner, dass zehn Prozent mehr West- als Ostdeutsche die Einigungsfolgen für ihr eigenes Teilgebiet als nachteilig empfinden. Dieses unterschiedliche Antwortverhalten macht anschaulich, wie eine ältere Erfahrungswelle allmählich ausläuft und eine jüngere sich neu aufbaut: Während die Eindrücke der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Transformationskrise, die ausschließlich die Bevölkerung der früheren DDR betroffen hatte, dort allmählich verblassen, nimmt in Westdeutschland die Debatte, ob es nicht an der Zeit sei, die Teilungslasten gerechter, sprich: stärker zugunsten westlicher Problemregionen zu verteilen, gerade erst Fahrt auf.

Persönliche Vorteile der Wiedervereinigung: Dass deutlich mehr Ostdeutsche (77%) als Westdeutsche (62%) für sich persönlich die Wiedervereinigung als vorteilhaft erleben, verwundert nicht. Nicht unbedingt zu erwarten war hingegen, dass auch annähernd zwei Drittel der westdeutschen Bevölkerung die Einigung selbst aus der räumlichen Distanz als eine persönliche Erfolgsgeschichte ansehen. Die positive Sicht mag in vielen Fällen beruflich oder familiär bedingt sein. Doch deutet die große Zahl auf eine auch im Westen der Bundesrepublik gesellschaftlich breit verankerte affektive Identifikation mit der deutschen Einheit hin.“

(Quelle: Holtmann, Everhard / Gabriel, Oscar W. u.a., 2015: Deutschland 2014. 25 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit - Ergebnisse eines Forschungsprojekts. Abschlussbericht. Berlin: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie)
 

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Quellennachweise zu den Grafiken 1-3 in der Galerie unten:

Grafik 1: Deutsche Einheit - Vor- und Nachteile allgemein (Datenstand 2016; Quelle: Statista, mit frdl. Genehmigung)

Grafik 2: Stärken Deutschlands heute im Vergleich zur DDR  (Datenstand 2014; Quelle: infratest dimap, mit frdl. Genehmigung)

Grafik 3: Sachsen - Bewertung veränderter Lebensverhältnisse heute ggü. DDR (Datenstand 2014)
(Quelle: Sächsische Staatskanzlei und EMNID; Sachsen-Umfrage „25 Jahre Friedliche Revolution“)

 

 

 

 

 

Der Dialog ist beendet

Der Westen dominiert den Osten.

 

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Hintergrundinformationen zur These „Der Westen dominiert den Osten“

26 Jahre nach der Deutschen Einheit gibt es nach wie vor Ungleichheiten zwischen den beiden Regionen. Um zu untersuchen, inwieweit die neuen Bundesländer auch heute noch in Abhängigkeit zu den westdeutschen Bundesländern stehen, lohnt sich ein Blick auf den Beginn des Einigungsprozesses. Untersucht man zudem in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft den Anteil ostdeutscher Eliten in den neuen Bundesländern, lässt sich das Bild heute, 26 Jahre nach Beginn des Einigungsprozesses, fortzeichnen. Betrachtungen zu der Frage, wie Jugendliche über die Einheit Deutschlands denken und ob diese sich noch in ost- und westdeutsche Jugendliche unterscheiden, sollen an dieser Stelle nicht angestellt werden. Informationen dazu finden sich in den Hintergrundinformationen zur These "Die Wiedervereinigung ist kein Thema mehr".

 

Institutionen-, Eliten- und Finanztransfer

Der Einigungsprozess zwischen Ost- und Westdeutschland stand von Anfang an unter Bedingungen der Ungleichheit und Abhängigkeit zwischen den Regionen. Das wirtschaftliche und politische System der DDR galt als diskreditiert und durch die Bevölkerung – vor allem die ostdeutsche – abgelehnt.

Aus diesem Grund wurden staatliche Institutionen, welche gerade in der Spätphase der friedlichen Revolution als Repressionsapparat auftraten und wahrgenommen wurden, nicht reformiert, sondern in der Regel vollkommen abgeschafft und durch neue Einrichtungen nach westdeutschem Vorbild ersetzt.

Ein solcher Institutionentransfer zog entsprechenden Bedarf an Personal nach sich, welches Erfahrungen mit der Arbeitsweise innerhalb dieser neuen Einrichtungen und Schulung im juristischen System der BRD mitbrachte. Hinzu kam die Diskreditierung ehemaliger ostdeutscher Eliten, welche sich im Verlauf der Jahrzehnte der Mittäterschaft an einem unterdrückerischem Staatsapparat schuldig gemacht hatten und dementsprechend in einem zukünftigen Staatswesen nicht mehr tragbar waren.

Schließlich war die wirtschaftliche Situation der ehemaligen DDR aufgrund ihrer Ausrichtung auf den Mechanismus der Planwirtschaft nur mangelhaft auf den marktliberal ausgerichteten Wirtschaftsraum der BRD vorbereitet. Dies hatte einen massiven Finanz- und Gütertransfer in Höhe von ca. 1 Billion Euro zwischen im Zeitraum 1990-2005 zur Folge. Ehemals verstaatlichte Produktionsgenossenschaften wurden durch die (bis heute umstrittenen) Aktivitäten der Treuhandanstalt privatisiert. Westdeutsche Investoren erhielten hier aufgrund extrem gering ausgeprägter Kapitalbestände ostdeutscher Eliten in der Regel den ersten Zugriff.

Es lässt sich also feststellen, dass der Einigungsprozess der beiden Regionen nahezu ausschließlich den Charakter eines Beitritts der ostdeutschen Bundesländer zur BRD trug. Ein wirklicher Austausch der wirtschaftlichen, sozialen oder politischen Kultur der beiden Regionen und damit eine Kompromissfindung zwischen West- und Ostdeutschland fand kaum statt.

Mehr zum Thema Elitentransfer.

 

Anteil ostdeutscher Eliten in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen

Die Datengrundlage der folgenden Betrachtung ist der Studie „Wer beherrscht den Osten? Ostdeutsche Eliten ein Vierteljahrhundert nach der deutschen Wiedervereinigung“ unter Leitung von Michael Bluhm und Olaf Jacobs in Zusammenarbeit mit dem MDR entnommen.

Link zur interaktiven Reportage beim MDR.

 

Politik

Die Tatsache, dass die beiden höchsten Ämter der Bundesrepublik Deutschland durch ostdeutsche Politiker bekleidet werden – das Amt der Bundeskanzlerin durch Angela Merkel, dass des Bundespräsidenten durch Joachim Gauck – wird gern als Beleg für die Behauptung herangezogen, ostdeutsche Eliten wären nun in der BRD vollends angekommen.

Allerdings trügt diese Wahrnehmung, da sowohl auf niedrigeren Ebenen der Bundespolitik wie auch in den Parlamenten und Regierungen der neuen Bundesländer nicht eindeutig von einer repräsentativen Verteilung gesprochen werden kann. So sind im Apparat der Ministerialbürokratie ostdeutsche Vertreter stark in der Minderheit: Nur drei der 60 Staatssekretäre auf Bundesebene haben einen ostdeutschen Hintergrund.
Auf Landesebene können Mitglieder der Regierungen dem Anteil der Bevölkerung eher gerecht werden: Während etwa 87% der Bevölkerung gebürtige Ostdeutsche sind, bestehen die Landesregierungen der fünf neuen Bundesländern aus etwa 70% ostdeutschen Politikern.

 

Medien

Im Bereich der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten (BBR, MDR, NDR) beträgt der Anteil der ostdeutschen Hörer etwa 50%. Eine Repräsentation in den Führungsgremien der Rundfunkanstalten kann mit etwa 25% ostdeutscher Mitglieder also nicht erreicht werden. Anders sieht es auf dem Zeitungsmarkt aus: Der Anteil ostdeutscher Chefredakteure beträgt hier 62%. Allerdings sind nur 9% der Geschäftsführer bzw. Inhaber dieser Zeitungen Ostdeutsche. Dieses Phänomen lässt sich auch dadurch erklären, dass sich der Zeitungsmarkt in Deutschland zunehmend konzentriert. Die größten Medienkonzerne Deutschlands haben ihren Stammsitz in Westdeutschland, ostdeutsche Zeitungen werden aufgrund der rückgängigen Auflagen und des Drucks durch Online-Journalismus zunehmend Teil dieser Verlagsgruppen.

Mehr zum Thema Konzentration des Zeitungsmarktes in Deutschland.

 

Wirtschaft

Obwohl die ostdeutsche Wirtschaft im Verlauf der letzten Jahrzehnte eine starke Transformation durchlaufen hat, ist der Anteil der ostdeutschen an der gesamtdeutschen Wirtschaftsleistung eher gering. Nur zwei der 100 größten Unternehmen Deutschlands haben ihren Stammsitz in Ostdeutschland, keine der beiden Unternehmen ist im Deutschen Aktienindex gelistet. Dadurch lässt sich auch der geringe Anteil ostdeutscher Mitglieder in den Vorständen von DAX-Unternehmen erklären: Nur etwa drei der insgesamt 190 Vorstandsmitglieder stammen aus Ostdeutschland. Ein wenig repräsentativer sieht es im Bereich der größten ostdeutschen Unternehmen aus: Etwa 49% von ihnen haben einen ostdeutschen Eigentümer, auf der Ebene der Geschäftsführung beträgt der Anteil ostdeutschen Personals etwa 25%.

An dieser Stelle sollte jedoch angemerkt werden, dass der Prozess der Deutschen Einheit wirtschaftlich parallel zum Prozess der Globalisierung abläuft, so ist nicht nur der geringe Anteil ostdeutscher Vorstände in DAX-Unternehmen auffällig, sondern auch der hohe Anteil internationaler Eliten. So kommen über ein Viertel - 50 der oben aufgeführten 190 Vorstandsmitglieder - ursprünglich nicht aus Deutschland. 

 

Wissenschaft

Auch im Bereich der Wissenschaften wurden im Nachgang des Zusammenbruchs der DDR viele ostdeutsche Eliten abgesetzt. Gerade der Bereich der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften erfuhr im akademischen System der DDR eine mitunter starke Ideologisierung, das wissenschaftliche Paradigma des Marxismus-Leninismus ließ sich in vielen Bereichen nicht mit einer pluralistischen Forschung und Lehre vereinen. Dementsprechend gering sind ostdeutsche Akademiker bis heute im Wissenschaftsapparat der neuen Bundesländer repräsentiert: Gerade einmal drei der 20 Rektoren ostdeutscher Hochschulen mit mehr als 5.000 Studierenden haben ostdeutschen Hintergrund, nur 15% der Direktoren, Vorstände und Institutsleiter der vier großen Forschungsgesellschaften (Max Planck, Leibnitz, Fraunhofer, Helmholtz) stammen aus Ostdeutschland.

 

Justiz

Den größten Einschnitt durch die Schaffung neuer Institutionen nach westdeutschem Vorbild erfuhr sicherlich der Bereich der Rechtsprechung. Eliten im Bereich der Justiz wurden aufgrund ihrer engen Verflechtung mit den ehemaligen DDR-Institutionen und ihrer Repräsentationsfunktion für die stark umstrittene DDR-Rechtsprechung größtenteils von staatlichen Positionen abgesetzt. Entsprechend gering ist der Anteil ostdeutscher Eliten in diesem Bereich heute. Nur 13,3% der Richterstellen an den obersten Gerichten der neuen Bundesländer werden durch Ostdeutsche besetzt, der Anteil an (Vize-)Präsidenten dieser Gerichte und vorsitzenden Richter ist noch geringer: Nur 11 Juristen (5,9%) mit ostdeutschem Hintergrund befinden sich darunter.

 

Ostdeutsche „Wehleidigkeit“?

Betrachtet man also das Verhältnis zwischen repräsentierter ostdeutscher Bevölkerung und ostdeutscher Eliten, zeigt sich ein relativ einseitiges Bild. Eventuell greift aber auch dieser Ansatz zu kurz. So entgegnet Richard Schröder auf die oben aufgeführte Studie in einem Interview mit der Sächsischen Zeitung, dass es sich bei dieser Betrachtung um „ostdeutsche Wehleidigkeit“ handele. Er führt an, dass allein vor dem Mauerfall 4 Millionen Ostdeutsche in den Westen Emigriert wären, von Beginn der Wende bis zum Jahr 2015 noch einmal weitere 4,7 Millionen. Anhand dieser Zahlen lässt sich in Frage stellen, ob es eine klare Trennung zwischen der ostdeutschen sowie westdeutschen Bevölkerung je gegeben hat.

Zudem stellt Schröder in Frage, ob durch westdeutsche Eliten wirklich "westdeutsche" Herrschaft verübt wird. So herrschten in einer Demokratie, so auch in den neuen Bundesländern, keine Personen, sondern vielmehr Prinzipien, wie die Rechtssprechung auf Basis des Gesetzes, was wiederum durch das Grundgesetz legitimiert wird. Insofern spiele es keine Rolle, ob die entsprechenden Positionen von ost- oder westdeutschen Bürgern besetzt seien, erst recht nicht, wenn sie durch die ostdeutsche Bevölkerung in demokratischen Wahlen legitimiert werden.

Treibt man diese Überlegungen auf die Spitze, könnte man die heutigen neuen Bundesländer auch mit ehemaligen Staaten des Ostblocks vergleichen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden hier oftmals Eliten nur teilweise ausgetauscht, eine Blockadehaltung gegenüber demokratischen Institutionen und systematische Korruption sei oftmals bis heute die Folge. Eventuell war also der Transfer sowohl von Institutionen als auch von Eliten, welche diese ausfüllen konnten, notwendig, damit die ostdeutsche Bevölkerung auf demokratische Weise über sich selbst herrschen kann - sofern man überhaupt eindeutig ost- und westdeutsche Bevölkerung voneinander trennen kann.

Vergleicht man zusätzlich die wirtschaftliche Situation der neuen Bundesländer mit der anderer ehemaliger Sowjetrepubliken, ergibt sich ebenfalls ein positiveres Bild. Zwar konnte der Osten, zieht man den Jahresbericht zum Stand der Deutschen Einheit zur Rate, zur hochspezialisierten Dienstleistungswirtschaft und Endverarbeitungsindustrie der alten Bundesländer nicht in Gänze aufschließen, dennoch lässt sich beobachten, dass ostdeutsche Bundesländer als Investitions- und Innovationsstandorte enorm an Attraktivität gewinnen. Das lässt sich beispielhaft an der Niederlassung verschiedener Industrie- und Forschungscluster beobachten. So entstanden länderübergreifende Cluster in Mitteldeutschland, die sich vor allem auf innovative Produkte im Bereich der Photovoltaik spezialisiert haben sowie das "Cluster Cool Silicon" in Dresden, welches im Bereich der Mikroelektronik und Halbleitertechnologie internationale Konkurrenzfähigkeit erlangen konnte.

Mehr zum Thema wirtschaftliche Entwicklung Ostdeutschlands im Jahresbericht zum Stand der Deutschen Einheit 2016.

 

Weiterführende Literatur

 
Der Dialog ist beendet

Es war nicht alles schlecht in der DDR.

Zu Hintergrundinformationen allgemein: Die Hintergrundinformationen, die wir zu unseren Thesen bereitstellen, sollen dazu dienen, dass sich die Nutzer eine eigene Meinung zum Thema bilden können. Es sind Daten und Fakten oder auch Hinweise auf weiterführende Literatur zum Thema. Es handelt sich daher ausdrücklich NICHT um Fakten, die ausschließlich dazu dienen sollen, die These zu unterstützen!

 

Hintergrundinformationen zur These: "Es war nicht alles schlecht in der DDR"

Wie eine wissenschaftliche Studie herausgefunden hat, sagen 80 Prozent der Ostdeutschen bis heute, es sei nicht alles schlecht gewesen an der DDR. 90 Prozent wollten sie aber auch auf gar keinen Fall zurückhaben. Die Aussage „Es war nicht alles schlecht in der DDR“ hört man folglich immer wieder in Gesprächen über die Deutsche Einheit. Diejenigen, die diese Meinung vertreten, heben dabei vor allem folgende Faktoren an der DDR als positiv hervor (vgl. Stärken Deutschland heute im Vergleich zur DDR, Grafik von Infratest):

 

Schulsystem (78 Prozent)
Das Schulsystem der DDR bestand aus einer 10jährigen Polytechnischen Oberschule (POS) für alle Kinder. Der Klassenverband blieb damit lange erhalten und eine Entscheidung der Schüler für eine weiterführende Schule stand erst nach Klasse 10 an. Dieser längere gemeinsame Bildungsweg wird von vielen Bürgern sehr positiv eingeschätzt.

Für die Schüler, die aufgrund ihrer schulischen Leistungen und/oder ihrer politisch systemkonformen Einstellung geeignet erschienen, schloss sich dann die Erweiterte Oberschule (EOS) an, die in zwei Jahren zum Abitur führte. Während in der DDR nur 10 Prozent der Schüler diesen Weg beschreiten konnten, machen heute ungefähr 50 Prozent der Schüler Abitur.

Hinsichtlich der Dauer der Schulzeit, die zum Abitur übernahmen die neuen Länder zunächst die westdeutsche Variante mit 13 Schuljahren. Lediglich Sachsen und Thüringen setzten einen eigenen Akzent, indem sie das Abitur nach zwölf Jahren beibehielten. Nachdem viel westdeutsche Länder sich zunächst auch für die Verkürzung der Schulzeit eingesetzt haben, ist inzwischen wieder eine gegenläufige Entwicklung im Gange.

Die zehnjährige Polytechnische Oberschule der DDR für alle Kinder ist zwar nicht zurückgekehrt, aber aus dem dreigliedrigen West-System mit Haupt- und Realschulen sowie Gymnasien wurde in vielen Bundesländern inzwischen ein Zwei-Säulen-Modell aus Sekundarschulen und Gymnasien. Viele Eltern halten ein längeres gemeinsames Lernen der Kinder – ähnlich wie in der DDR – für besser.
Auch die schulischen Ganztagsangebote, die in der DDR die Regel waren und vor allem Frauen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglichten, haben mittlerweile Einzug in ganz Deutschland gehalten.

 

Soziale Absicherung (75 Prozent)
Das Recht auf Arbeit

Eine der wichtigsten positiven Feststellungen über die DDR, ist die Tatsache, dass man quasi „nicht arbeitslos“ werden konnte. In der Tat herrschte in der DDR Vollbeschäftigung, allerdings hatte nicht jeder, der einen Arbeitsplatz hatte, auch wirklich eine sinnvolle Beschäftigung – die sprichwörtliche Ineffizienz der Planwirtschaft war selbst in der DDR kein Geheimnis.

Das Recht auf Arbeit war in der Verfassung der DDR verankert, allerdings galt zugleich eine Pflicht zur Arbeit, bei Nicht-Einhaltung drohten Gefängnisstrafen. Paragraf 249 des DDR-Strafgesetzbuchs regelte die „Gefährdung der öffentlichen Ordnung durch asoziales Verhalten“: „1) Wer das gesellschaftliche Zusammenleben der Bürger oder die öffentliche Ordnung dadurch gefährdet, dass er sich aus Arbeitsscheu einer geregelten Arbeit hartnäckig entzieht, obwohl er arbeitsfähig ist, (…) wird mit Verurteilung auf Bewährung oder mit Haftstrafe, Arbeitserziehung oder mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren bestraft. Zusätzlich kann auf Aufenthaltsbeschränkung und auf staatliche Kontroll- und Erziehungsaufsicht erkannt werden.“

Familienpolitik
Ein Schwerpunkt der DDR-Sozialpolitik lag bei Versuchen, die Bevölkerungsentwicklung zu beeinflussen. Als der so genannte „Pillenknick“ gepaart mit der doppelten Belastung der Frauen durch Beruf und Haushalt und die schwierige Versorgungslage zu einem starken Geburtenrückgang führten, reagierte die Staats- und Parteiführung mit einer Reihe von Maßnahmen: Der bezahlte Schwangerschafts- und Wöchnerinnenurlaub wurde von 18 auf 20 Wochen verlängert.

Außerdem konnten sich seitdem Mütter nach der Geburt des zweiten Kindes bei voller Bezahlung für ein Jahr von der Arbeit freistellen lassen. Finanzielle Anreize, wie die Erhöhung der Geburtenbeihilfe von 500 Mark für das erste Kind auf 1000 Mark für jedes weitere Kind, und die Gewährung von zinslosen Krediten an junge Ehepaare, die Ausweitung des Wohnungsbaus sowie die weitere Förderung von Kindergärten und -horten sollten die Entscheidung für Kinder befördern.

Renten
Während man sich auf die gute Versorgung von Kindern und Familien viel zu Gute hielt, ließ die Situation der Rentner meist zu wünschen übrig und nicht selten herrschte im Alter die Armut. Der Mindestsatz für die Altersrente wurde nach wenigstens 15 Arbeitsjahren gewährt und deckte gerade das Existenzminimum. Auch die Kombination unterschiedlicher Renten (Witwen-, Invaliden- oder Altersrenten) konnte das Mindestniveau im Regelfall nur bescheiden anheben. Faktisch handelte es sich um eine staatlich gewährte Grundrente die nicht in erster Linie von dem zuvor erzielten Erwerbseinkommen abhing und sich nach politischen Vorgaben richtete: Sie wurde nur periodisch durch Parteitagsbeschlüsse aufgestockt. Erst 1971 wurde durch die Einführung einer freiwilligen Zusatzrentenversicherung die Möglichkeit geschaffen, über freiwillige Beiträge später höhere Rentenansprüche zu erwerben.

 

Gleichberechtigung von Frau und Mann (69 Prozent)

Aus rechtlicher Sich war die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen in der DDR deutlich früher sichergestellt worden als in der Bundesrepublik. Während sich Frauen in der DDR ihre Berufe im Rahmen der verfügbaren Stellen ohne Mitspracherecht des Mannes frei aussuchen durften, mussten die Frauen in der Bundesrepublik bis 1977 warten. Erst dann waren beide Ehepartner gleichermaßen berechtigt, erwerbstätig zu sein.

Die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu DDR-Zeiten ist für viele Ostdeutsche ein positiver Aspekt der DDR. Es wird in diesem Zusammenhang besonders auf das flächendeckende System der Kinderbetreuung in Krippen und Kindergärten verwiesen, welches den meisten Frauen eine Vollzeit-Erwerbstätigkeit ermöglicht hat. In die deutsche Einheit starteten die ostdeutschen Bundesländer mit einer fast flächendeckenden Betreuung. Laut Statistischem Bundesamt kamen 1991 auf 1000 Kinder im Alter von bis zu drei Jahren 542 Krippenplätze, eine Relation von 54 Prozent. Vollversorgung gab es für Kinder zwischen drei und sechs Jahren: Rechnerisch standen für 100 Kinder 114 Kindergartenplätze zur Verfügung. Seit der Wiedervereinigung hat sich an der Betreuungssituation einiges geändert.

In Ostdeutschland ging die Zahl der Kitaplätze deutlich zurück, auch als Folge der sinkenden Geburtenzahlen. Gleichzeitig holten die westdeutschen Länder auf, allerdings zunächst sehr langsam.
Verändert haben sich aber nicht nur die Zahlen, sondern auch der Erziehungsstil, wie der Jenaer Soziologe Ronald Gebauer analysiert. Die institutionelle Praxis in den DDR-Kindergärten sei durch „zahllose Indoktrinationsversuche“ geprägt gewesen. Mit der Friedlichen Revolution habe es im Osten auch einen „Prozess der Ablösung von alten Erziehungskonzepten“ gegeben.

Ebenfalls als Beweis für die Realisierung der Gleichberechtigung wird die hohe Erwerbsquote von Frauen in der DDR genannt. Die Erwerbsquote der Frauen lag 1989 bei 78,1 Prozent, unter Berücksichtigung der in Ausbildung Befindlichen sogar bei 91,2 Prozent (Bundesrepublik ca. 50 Prozent). Nur 27 Prozent der Frauen erhielten – häufig nach langwierigen innerbetrieblichen Auseinandersetzungen – die Genehmigung zur Teilzeitarbeit.

Trotz zahlreicher sozialpolitischer Maßnahmen war das Leben als voll berufstätige Mutter mit mehreren Kindern für viele Frauen in der DDR sehr hart. Die volle Berufstätigkeit war oft auch aus wirtschaftlichen Gründen unumgänglich, um die Familie zu ernähren. Trotz der allseits propagierten Gleichberechtigung gelang es auch in der DDR nur wenigen Frauen, Spitzenpositionen in Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung, Politik und Kultur zu erringen.

 

Schutz vor Kriminalität und Verbrechen (66 Prozent)
Die DDR zeichnete sich durch eine vergleichsweise geringe Kriminalitätsrate aus. Beispielsweise wurde - bezogen auf 100000 Einwohner - in der DDR jährlich nur 1 vorsätzliches Tötungsverbrechen verübt. Die Häufigkeit für diese Deliktgruppe überstieg in der Bundesrepublik dagegen das Fünffache. Zentralistische Verwaltungsstrukturen, hohe Polizeipräsenz, ein enges Netz an gesellschaftlichen Sicherheitssystemen, nahezu perfekte Personenkontrollen, ein ausgefeiltes polizeiliches Meldesystem und geschlossene Grenzen führten über die Jahre hinweg in der Tat zu einem Rückgang der Kriminalität, selbst wenn statistische Angaben, wie allenthalben üblich, gelegentlich durch ausgeklügelte Zuordnungen verfälscht wurden.

Der Eindruck, dass es fast keine Kriminalität gab, wurde dadurch gestützt, dass es keine Berichterstattung über Kriminalität gab wie heute. Vieles, was passierte, wurde also nie bekannt, weil das Verbrechen nicht ins Bild einer sozialistischen Gesellschaft passte und die staatlich gelenkten Medien nicht darüber berichten durften. Kriminalität galt generell als dem Sozialismus „wesensfremd“.
Ein weiterer „Kniff“, der die Verbrechensrate gering hielt, war das sozialistische Strafgesetzbuch. Es ersetzte das alte Strafgesetz von 1871 und kurzerhand wurden Tatbestände, wie Kindstötung oder Prostitution, die nicht mehr ins Bild einer sozialistischen Gesellschaft passten, abgeschafft beziehungsweise durch andere Begriffe ersetzt. Dafür entstanden neue Tatbestände, die jedoch von den gängigen Statistiken und Ländervergleichen nicht erfasst wurden.

Im – zumindest oberflächlich betrachteten – Widerspruch zur geringen Zahl der Straftaten stand jedoch in der DDR eine ungleich höhere Zahl von Strafgefangenen. Die DDR-Öffentlichkeit erfuhr nicht, dass die Zahl der Strafgefangenen pro 100.000 Einwohner in den 50er Jahren bis zu fünfmal höher war als in der Bundesrepublik. Nicht nur die Verfolgung politischer Gegner, sondern die insgesamt ungleich rigidere Strafpraxis der DDR sorgten auch in den 70er und 80er Jahren weiter für dramatisch hohe Haftquoten.

 

Gesundheitssystem (66 Prozent)

Das Gesundheitswesen der DDR war geprägt von staatlichen Polykliniken, in denen Mediziner verschiedener Disziplinen zusammen arbeiteten. „Sie waren schlecht ausgestattet und auch baulich in jämmerlichem Zustand“, sagt der einstmalige Grünen-Politiker Bernd Köppl, der die verbliebenen Poliklinik-Hinterlassenschaften in Ostberlin als Geschäftsführer über Jahre weiterbetrieb. „Aber die Strukturen der medizinischen Zusammenarbeit waren optimal für dieses arme Land.“ In den Polikliniken fanden die Patienten auf engstem Raum Mediziner unterschiedlichster Fachrichtung, die miteinander kooperierten und auch eng verzahnt mit den Krankenhäusern arbeiteten. Die strikte Sektorentrennung des westlichen Systems zwischen niedergelassenen Ärzten und Kliniken mit ihrer Schnittstellenproblematik gab es nicht.

Obwohl viele Patienten diese Einrichtungen schätzten, wurden die Kliniken nach der Wiedervereinigung rasch zerschlagen: Von den 5248 Polikliniken mit angestellten Fachärzten im November 1989 existierten im Januar 1992 gerade noch 433. Und nach den fünf Jahren Übergangszeit waren nur noch einige wenige solcher Zentren übriggeblieben.

Auch wenn über die tatsächliche Behandlungsqualität dieser Zentren keine seriösen Angaben mehr gemacht werden können, so bleibt doch festzuhalten, dass sie von den Patienten sehr geschätzt wurden. Wenn auch unter anderen Vorzeichen, so wird doch mittlerweile wieder versucht, ähnliche Medizinzentren aufzubauen.

Insgesamt war der Standard der medizinischen Versorgung – zumindest für die „Normalbürger“ - niedriger als in der Bundesrepublik, was sich unter anderem an einer um ein bis drei Jahre niedrigeren Lebenserwartung der DDR-Bürger ablesen lässt.

 

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Quellen, Links und weitere Informationen
Statistische Jahrbücher der DDR:
https://www.digizeitschriften.de/dms/toc/?PID=PPN514402644
Situation von Frauen in der DDR:
http://www.mdr.de/damals/archiv/artikel75262.html
http://www.zeitklicks.de/ddr/zeitklicks/zeit/alltag/leben-in-der-ddr/frauen-in-der-ddr/
Die unterschiedliche Wahrnehmung der DDR als Potenzial für Generationenkonflikte:
http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/deutschlandarchiv/203625/mehr-gemeinschaftsgefuehl-und-ein-staerkerer-sozialer-zusammenhalt-erinnerungen-an-die-ddr-als-potenzial-fuer-generationenkonflikte
Zum Thema Kriminalität in der DDR:
http://www.kriminalfaelle.de/_storys/story01.html
https://www.cilip.de/2004/02/29/ddr-kriminalstatistik-immer-mit-blick-richtung-westen/

Der Dialog ist beendet

Die Wiedervereinigung ist kein Thema mehr

Zu den Hintergrundinformationen allgemein: Die Hintergrundinformationen, die wir zu unseren Thesen bereitstellen, sollen dazu dienen, dass sich die Nutzer eine eigene Meinung zum Thema bilden können. Es sind Daten und Fakten oder auch Hinweise auf weiterführende Literatur zum Thema. Es handelt sich daher ausdrücklich NICHT um Fakten, die ausschließlich dazu dienen sollen, die These zu unterstützen!

 

Hintergrundinformationen zur These „Die Wiedervereinigung ist kein Thema mehr.“

Am 3. Oktober 1990 wuchs mit dem Einigungsvertrag das zusammen, was zusammengehörte. Mit diesem historischen Schritt überwand man die Teilung Deutschlands – nach 45 Jahren. Seitdem ist eine ganze Generation aufgewachsen, die weder eine Erinnerung an ein geteiltes Land hat, noch in der bipolaren Welt, die die vergangenen Jahrzehnte kennzeichnete. Doch gerade im Umgang mit der Vergangenheit zeichnen sich Unterschiede ab. Zwischen Ost-West, zwischen Alt und Jung. Während für die Einen die Wiedervereinigung noch lange nicht abgeschlossen ist, spielt sie für Andere keine Rolle mehr.

 

Die Jugend „von heute“ und die Deutsche Wiedervereinigung

Wenn man Gesprächen über die „Jugend von heute“ vernimmt, hört man schnell, dass es offenbar Probleme gibt. Zu eigensinnig, zu wenig am Gemeinwohl interessiert und definitiv von neuen Medien seien sie abhängig. Doch wie sieht es mit dem Interesse zum Thema Wiedervereinigung aus? Heutige 16- bis 29-Jährige wurden in eine Zeit des Aufbruchs geboren. Die meisten konnten immer sagen, was sie sagen wollten. Sie konnten kaufen, was sie brauchten, und waren frei genug, alle Länder zu bereisen, die sie interessieren. Erzogen aber wurden sie von Eltern, die stark von der deutschen Teilung geprägt waren.

„Noch nie hatten Jugendliche so viele Möglichkeiten, umgekehrt wurde noch nie so viel von ihnen erwartet“, sagt Jugendforscher Philipp Ikrath über die 1989-Geborenen (vgl. Die Presse, 2009). Auch Katrin Triebswetter vom Wiener Institut für Jugendforschung betont, dass die Vielzahl der Möglichkeiten und die unsichere Zukunft den jungen Menschen oft Angst mache (vgl. Die Presse, 2009).“ Doch wie hat die Deutsche Wiedervereinigung diese Gruppe geprägt? Wie geht sie mit ihr um?

Deutlich ist, dass je jünger die Menschen sind, desto positiver denken Sie über die Wiedervereinigung. 90 Prozent von 800 Teilnehmerinnen und Teilnehmern einer Umfrage zum Stand der Deutsche Einheit beantworteten die Frage „Findest Du gut, dass Deutschland wiedervereinigt wurde?“ positiv. Bemerkenswert ist, dass Jugendliche von heute Klischees und Vorurteile von „Ossis“ und „Wessis“ weitgehend überwunden haben. Für immerhin 63 Prozent der Befragten, spielt es zudem keine Rolle, ob sie ihr Studium oder ihre Ausbildung im Westen oder Osten Deutschlands absolvieren. Eine ebenso hohe Anzahl der Befragten trennt nicht zwischen Ost und West, sondern verstärkt nach Bundesländern und Sprachgebrauch.

Iris Gleicke, seit 2014 Beauftrage der Bundesregierung für die neuen Länder, konstatierte: „Bei den jungen Leuten spielt das Thema Ost-West gar keine Rolle mehr.“ und „Die Bevölkerung wächst zusammen.“. Keine andere Altersgruppe in Deutschland sieht die Wiedervereinigung so positiv, wie diese. Und für keine zweite Altersgruppe drängen scheinbar wichtigere Themen in den Fokus für die nahe Zukunft.

 

Die Deutsche Einheit in Zeiten der Globalisierung

Das Jahr 1989 gilt als das Jahr der Zäsur und Veränderungen: Der Zusammenbruch des Ostblocks und das Ende des Kalten Krieges haben in ganz Europa Transformationsprozesse in Gang gesetzt, die bis heute anhalten. Nach der bipolaren Ausrichtung geostrategischer Wirtschafts- und Sicherheitspolitik der vergangenen Jahrzehnte, ist die Gegenwart von Globalisierung und einer Öffnung weiterer Wirtschaftsräume für den globalen Freihandel geprägt. Schaut man sich die Worte „Globalisierung“ auf der einen Seite und „Deutsche Einheit“ auf der anderen Seite an, kann man mit einer Internetrecherche deutliche Unterschiede in der Häufigkeit des Aufkommens in deutschsprachiger Literatur finden. Der Begriff der Deutschen Einheit hatte drei markante Hochphasen (1940; 1960 und in den 80iger Jahren) in der Deutschen Literatur. Mittlerweile jedoch fällt die Häufigkeit seit Mitte der 90iger in der Literatur rapide ab.

Im Gegensatz dazu kam das Wort Globalisierung bis Mitte der Neunziger kaum, bis gar nicht in deutschsprachiger Literatur vor. Jedoch wächst die Häufigkeit ihrer Verwendung rapide in die Höhe und überflügelt die „Deutsche Einheit“ bei ihrer Verwendung seit Jahren deutlich. Offenbar scheint daher das Thema Deutsche Einheit für viele Personen abgeschlossen und das Thema Globalisierung für viele Menschen von Interesse zu sein.

Wenn man von Globalisierung spricht, gehen viele Menschen fälschlicherweise von einem homogenen Prozess aus. Der Prozess der Globalisierung vollzieht sich jedoch auf verschiedenen Ebenen und bringt grundsätzlich Entwicklungen mit sich, die, die Deutsche Einheit obsolet erscheinen lassen.

  • Politische Veränderungen: Staatsgrenzen verlieren zusehends an Bedeutung. Wirtschaftlicher Güter-, wie Personenverkehr verläuft oftmals nahezu grenzenlos. Ebenso ist die Arbeitsmigration vielerorts deutlich einfacher geworden. Die Bewegungsfreiheit ist seit dem Ende des Kalten Krieges beträchtlich gewachsen und führt zu einer Auflösung innerer, wie äußerer Grenzen.
  • Technik und Wirtschaft: Gravierende Fortschritte in der Verkehrs- und Kommunikationstechnik machen den Ort des Handel(n)s variabel und beschleunigen die Verbreitung von Produkten und Ideen. Der Fokus der wirtschaftlichen Entwicklung richtet sich auf internationale Maßstäbe und weniger auf innerdeutsche. Deregulierte Kapital- und Gütermärkte verstärken diese Entwicklung.
  • Gesellschaft: Traditionen und soziale Beziehungen verlieren zusehends an Bindungskraft. Soziale Netzwerke, das Internet und veränderte Kommunikationswege verändern die geografische, wie mentale Motivation der Menschen und fördern so grenzübergreifende Kontakte und Entwicklungen. Dadurch erodieren klassische nationale, wie regionale Abgrenzungsmuster.

 

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Weiterführende Links und Informationen

Deutschland 2014, 25 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit, Abschlussbericht, Zentrum für Sozialforschung Halle e.V. | Everhard Holtmann, Oscar W. Garbiel, Jürgen Maier, Michaela Maier, Tobias Jaeck, Melanie Leidecker | Februar 2015

"Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit 2016", Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi), Referat VII D1, September 2016

"Der lange Weg zur inneren Einheit. Ergebnisse der Sächsischen Längsschnittsstudie, Bundeszentrale für politische Bildung, Hendrik Berth, Peter Förster, Elmar Brähler, Markus Zenger, Anja Zimmermann, Yve
Stöbel-Richter, November 2014

"Deutsche Einheit: Bei den jungen Leuten spielt das Thema Ost-West gar keine Rolle mehr.", Bundesentrale für politische Bildung | Sinah Grotefels, Merle Tilk, Oktober 2015

Die Kanzlerin direkt, Ein Gespräch über die Deutsche Einheit, 2013

 

 

 

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