Wissenschaftler*innen sollten eine stärkere Rolle bei der Entscheidung über Lockerungen haben.

Hintergrundinformationen zur These „Wissenschaftler*innen sollten eine stärkere Rolle bei der Entscheidung über Lockerungen haben“. 

Als Christian Drosten im Februar 2020 damit begann, dem NDR in einem wöchentlichen Podcast Rede und Antwort zu stehen, ahnte kaum jemand, welche Debatten um seine Rolle in der Pandemiebekämpfung noch entbrennen würden. „Verdrostet!“ – das war die Aufforderung des Deutschlandfunks an die deutsche Medienlandschaft. Gemeint war dessen Fähigkeit, die Sachlage rund um die Coronapandemie mit anschaulichen Erklärungen vorsichtig zu kommunizieren, auf Steile Thesen und Polarisierung zu verzichten und sich Schritt für Schritt an verschiedenen Modellen abzuarbeiten.

Dieses Bild von Wissenschaftler*innen weckte auch in der breiten Bevölkerung eine große Sehnsucht nach Eindeutigkeit, die sich wohltuend vom vermeintlich alltäglichen Gezänk politischer Akteur*innen absetzt. Doch wer – im Falle Drostens freilich ohne eigenes Zutun – dermaßen hoch gelobt wird, fällt tief, wenn sich dann auch der Unmut gegen die eigene Autorität richtet. Im Verlauf der nächsten Monate musste der Chefvirologe der renommierten Berliner Charité Anfeindungen bis hin zu Morddrohungen ertragen, im September 2020 wurde er schließlich zum Ziel einer breit angelegten Rufschädigungskampagne des Boulevards. Und das, obwohl Drosten selbst immer wieder darauf hinwies, dass er sich nicht anmaßen würde, politische Entscheidungen zu treffen.

NDR-Podcast mit Christian Drosten.

„Verdrostet!“ - @mediasres-Sendung des Deutschlandfunks.

Übersicht über die Auseinandersetzung von BILD und Drosten beim BILD-kritischen BILDblog.

Fachfremde Politiker? – Zur Verteilung von Ämtern

Doch warum eigentlich nicht? Warum sollten nicht jene entscheiden, die über eine Sachlage am besten Bescheid wissen und sich über Jahrzehnte ein Ansehen unter Fachkolleg*innen erarbeitet haben? Nicht erst seit der Coronapandemie wird das Spannungsfeld zwischen fachlicher Eignung und demokratischer Legitimation immer wieder diskutiert. Angela Merkel verdankte ihre jahrelange Beliebtheit nicht zuletzt auch dem Vertrauen vieler Bürger*innen in den vermeintlich kühlen Kopf einer promovierten Naturwissenschaftlerin.

Im Gegenzug sorgt es immer wieder für Unverständnis in der Bevölkerung, wenn Minister*innen berufen werden, die nicht qua fachlicher Expertise in einem bestimmten Ressort landen, sondern aufgrund ihrer Fähigkeiten als Politiker*innen einen Platz im Kabinett zugewiesen bekommen. Dem liegt jedoch ein fehlendes Verständnis dafür zu Grunde, dass die Aufgabe einer Fachminister*in oder einer parlamentarischen Sprecher*in nicht allein und nicht einmal hauptsächlich darin liegt, Problemlagen fachlich zu beurteilen.

Mehr zum Thema Politiker und Ämterbesetzung bei der bpb.

Stellenbeschreibung Berufspolitik – Repräsentation des Souveräns

Vielmehr besteht sie nämlich vor allem darin, den Souverän, also die Bevölkerung, zu vertreten. Eine gute Repräsentant*in muss in erster Linie die Fähigkeit besitzen, die Stimmungslage in der Bevölkerung zu einem Thema einschätzen zu können, die Haltung der eigenen Wählerschaft gegen die der Konkurrenz abzugrenzen und dem Auftrag gerecht zu werden, wozu sie in Wahlen legitimiert wurde: Die Stimme der Menschen zu sein, die ihre eigene Macht durch die Wahl an den oder die Abgeordnete*n abgetreten haben und für diese Positionen Mehrheiten zu organisieren.

Die Frage, warum nicht allein Wissenschaftler*innen und Expert*innen über politische Sachlagen entscheiden, lässt sich also zunächst damit beantworten: Die Bevölkerung selbst besteht zum allergrößten Teil nicht aus Fachmenschen zu einem gerade diskutierten Thema und dennoch sieht das demokratische Prinzip vor, dass alle Bürger*innen mitentscheiden. Diese Souveränität tragen sie nicht in sich, weil sie die beste Lösung parat haben, sondern weil es eine Bedingung der Freiheit ist, an dem Gemeinwesen, unter dessen Gesetzen man lebt, mitzuwirken. Nun ließe sich fragen, ob eine Demokratie dann überhaupt noch eine zeitgemäße Herrschaftsform darstellt, oder ob eine Herrschaft von Experten nicht die besseren Lösungen hervorbringen würde.

Mehr zum Aufgabenprofil von Abgeordneten in der Schriftenreihe der bpb.

Technokratie – Die Herrschaft der Wissenden

Der Gedanke einer solchen „Technokratie“ ist nicht neu, er geht im abendländischen Denken zurück bis hin zur Philosophenherrschaft, die sich Platon als ideales System vorstellte. Philosophie wurde hier vor allem als Indikator eines hohen Bildungsgrads verstanden. Auch die Herrschaft des Adels im mittelalterlichen Feudalsystem trug technokratische Züge, da Bildung und überhaupt die Fähigkeit zu lesen außerhalb der Aristokratie in der Regel wenig verbreitet war. In dieser Rückschau zeigt sich jedoch bereits ein zentrales Problem der Herrschaft der „Edlen“: Welche Lösung die fachlich beste darstellt, ist nicht so einfach festzustellen.

Denn auch Wissenschaften, heute wie früher, unterliegen dem Zeitgeist, bestimmten Werturteilen und immer auch der subjektiven Perspektive der Expert*in. Aus diesem Grund hat sich auch in den Wissenschaften, parallel zur Entwicklung der liberalen politischen Systeme, das Prinzip des Pluralismus herausgebildet: Wissenschaftler*innen streiten mitunter genauso heftig wie Abgeordnete in Parlamenten, sie gehen bei der Diskussion von Erkenntnissen nicht selten auch taktisch vor, auch sie bilden verschieden Schulen heraus, welche auf verschiedenen Grundannahmen basieren und zu verschiedenen Ergebnissen kommen.

Mehr zum Thema Technokratie und Corona im Interview mit Petra Gehring bei der bpb.

Politische Entscheidungen – Dilemmasituation statt Sachfrage

Außerdem streiten Wissenschaftler*innen über die richtige Erkenntnis, während Politiker*innen um die beste Lösung ringen. Denn diese liegt fast immer in der Abwägung verschiedener Sachfragen gegeneinander. So wies auch Christian Drosten darauf hin, dass bei politischen Entscheidungen ein Zielkonflikt zu lösen ist, also eine Dilemmasituation, in denen verschiedene Interessen miteinander in Rivalität stehen. Wenn beispielsweise die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen in der Pandemie dagegen abgewogen werden muss, welchem Risiko man ältere Menschen aussetzen darf, dann liegt eine Wertfrage vor, die mit einem Werturteil gelöst werden muss und nicht berechnet werden kann.

Mehr zum Thema Expertenentscheidung und Demokratie beim Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung.

Mit dem Populismus gegen die Technokratie?

Gleichzeitig ist eine Entscheidung, die ohne fachliche Kenntnis getroffen wird, auch keine wünschenswerte Form der Repräsentation. Wer allein auf die Stimmungslage in der Bevölkerung achtet, stellt sich zwar gegen eine Technokratie, muss sich aber selbst dem Vorwurf des Populismus aussetzen. Denn an dieser Stelle schließt sich auch historisch der Kreis, stammt der Begriff des Populismus doch von einer politischen Bewegung im antiken Rom. Die damaligen „Popularen“ wollten vor allem die Volksversammlung sprechen lassen und brachten sich damals gegen die „Optimaten“ (lat. „die Besten“) in Stellung, also eine frühe Form der adligen Technokraten.

Um dies zu verhindern, existiert in einer modernen Parteiendemokratie ein breiter Stab an Berater*innen, der den Abgeordneten zur Verfügung steht. Parteien, die noch nicht in Parlamenten vertreten sind, müssen dagegen darauf bauen, dass sich Fachleute verschiedener Gebiete der Partei anschließen und ihre Kenntnisse einbringen – wozu immer weniger Menschen bereit sind.

Mehr zum Thema Mitgliederschwund von Parteien bei der bpb.

Mehr zum Thema Optimaten und Popularen beim Landesmuseum Württemberg.

Beteiligung oder Fachwissen – worauf es in einer Demokratie ankommt

„Entscheidend ist, was hinten herauskommt.“ – dieser berühmte Ausspruch des Altkanzlers Helmut Kohl ist nicht ohne Grund bis heute ein beliebtes Bonmot. Doch in dieser Frage entscheidet sich letztlich, ob Expert*innen mehr politischen Einfluss haben sollten. In der Wissenschaft unterscheidet man hier zwischen Output-Legitimität, wonach eine Entscheidung dann gut ist, wenn das Ergebnis möglichst gut begründet ist und Input-Legitimität, wonach eine Entscheidung dann gut ist, wenn möglichst viele beteiligt wurden und daher im Nachhinein die Souveränität der einzelnen mehr einfloss.

Zwischen diesen beiden Extremen, also zwischen der Ergebnisorientierung und dem Fokus auf die Mitsprache aller, sollte eine Demokratie ihre Balance finden.

Weiterführende Literatur:

  • Arendt, Hannah: Vita Activa oder vom tätigen Leben. Stuttgart, 1960.
  • Brennan, Jason: Gegen Demokratie. Warum wir die Politik nicht den Unvernünftigen überlassen dürfen. Berlin, 2017.
  • Mouffe, Chantal: Das demokratische Paradox. Wien, 2008. 
  • Schäfer, Andreas: (Ent-)Politisierung? Die demokratische Gesellschaft im 21. Jahrhundert. Baden-Baden, 2020.

70 Meinungen 36 Kommentare

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Expert:innen können die Auswirkungen und Entwicklungen besser beurteilen als in diesem Bereich nicht ausgebildete Politiker:innen. Datenerhebungen können von Laien eben nicht gut interpretiert werden.

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23.04.2021

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Es hat sich im globalen Vergleich gezeigt, dass die Länder, die streng nach wissenschaftlicher Empfehlung vorgehen, durchweg besser durch die Pandemie kommen - nicht nur bezogen auf die Sterblichkeit/Infektionszahlen (zB.

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22.04.2021 1 Kommentar

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Wir sollten auf Fachleute hören, wenn wir uns mit einer Sache nicht (gut genug) auskennen.

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22.04.2021 2 Kommentare

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Entscheidungen müssen faktenbasiert getroffen werden

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21.04.2021

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Wissenschaftliche Erkenntnisse sind die beste Approximation der Wirklichkeit, die wir haben.

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21.04.2021 1 Kommentar

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Derzeit läuft vieles schief, weil entgegen der Wissenschaft stärker gelockert wurde, bzw. Erst gar nicht richtig geschlossen wurde

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20.04.2021

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Nein, politische Entscheidungen sollten alleine von durch Wahlen legitimierten Politikern getroffen werden.

Und Grundrechte einzuschränken und politische Macht auszuüben steht Wissenschaftlern nicht zu.

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19.04.2021 4 Kommentare

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Weil sie tiefer in der MAterie sind als Politiker

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19.04.2021

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In der gesamten Pandemie sind die Vorhersagen der Wissenschaft ziemlich treffsicher gewesen.

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15.04.2021

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Wissenschaftler verschiedener Bereiche - aktuell z. B. die Aerosolforscher - wie aber auch Psychologen, Sozialwissenschaftler sollten neben den Virologen mehr gehört werden.

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15.04.2021 1 Kommentar

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Fachleute wie Wissenschaftler können wichtige Fakten zu Entscheidungen beitragen ohne die von Fachfremden, also Laien, keine Entscheidungen getroffen werden sollten.

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15.04.2021

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Absolut. Wenn wir das wissen, die Mittel und Möglichkeiten haben müssen wir diese nutzen. Comerzielle Interessen sind ineffizient gegenüber einem Gegner der sich nicht bestechen lässt.

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15.04.2021

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